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Dieter Reiter zwischen Es-Hofer und Überich-Hofer.

So war Rosenmüllers Singspiel

Nockherberg 2016: Der Sturm in Horsts Oberstübchen

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München - Wie kann man das schwierige Thema Flüchtlingskrise auf die Bühne des Nockherbergs bringen? Regisseur Marcus H. Rosenmüller gelingt dank frecher Einfälle, seines herausragenden Ensembles und großartiger Musik eine komische Groteske.

Was für eine schöne Vorstellung: In unserem Oberstübchen gibt es eine Kommandobrücke, die sich unser emotionales und unser vernünftiges Ich teilen – wie zwei beflissene Buchhalter. Der eine lümmelt in einem roten Sessel und schmökert in einem Revolverblatt, der andere hackt hektisch in die Tastatur einer alten Schreibmaschine. Die beiden diskutieren und durchforsten riesige Aktenschränke – und lassen uns dann wissen, welcher Gedankengang gerade angesagt ist.

Andererseits ist sicher nicht jedes Hirn wie das von Horst Seehofer, das in diesem Jahr auf der Nockherberg-Bühne aufgebaut ist. Gott sei Dank nicht: Denn dort wimmelt es von verdrängten Gedanken und Gestalten, die ihr Haupt ungebeten aus großen Schubladen stecken (Ilse Aigner! Anton Hofreiter!). Halbseidene Berater treten hinter Aktendeckeln hervor (Karl-Theodor zu Guttenberg!) und das verrückte Huhn Pegida rennt „Wir sind das Volk“ gackernd durch die Gegend und lässt sich nicht einfangen. Die beiden Buchhalter – frei nach Freud: der „Es-Hofer“ (Maxi Schafroth) und der „Überich-Hofer“ (Paul Kaiser) – müssen alles in Schach halten.

Nockherberg 2016: "2016 war in Europa ein Gewitter im Anzug"

Willkommen im „Brainsturm“ – Regisseur Marcus H. Rosenmüllers Singspiel. Das Hirn steckt in diesem Titel, aber auch der Starkwind, die Naturkatastrophe. Gemeint sind damit natürlich die Flüchtlingsbewegungen nach Europa – aber auch der hysterische Umgang mit ihnen. Deshalb geht es im Stück auch um ein drohendes Unwetter. Eine Kinderstimme aus dem Lautsprecher erklärt zu Beginn: „2016 war in Europa ein Gewitter im Anzug. Unheilvolle Aussichten sorgten im gemeinen Volk – wie auch in den Köpfen der Entscheidungsträger – für angstgetränkte Ratlosigkeit und hektischen Aktionismus.“ Dies werde man „am Beispiel eines hoch problematischen Individuums“ zeigen.

Dieses „hoch problematische Individuum“ steht daheim in Ingolstadt im Hobbykeller und spielt mit seiner Modelleisenbahn. Während oben auf der Brücke die Innenansicht des Landesvater-Kopfes zu sehen ist, ist Seehofer (gespielt von Christoph Zrenner) unten bemüht, die Kulisse seines „holden Bayernlands“ nicht von schwarz-gelockten Schafen überfremden zu lassen. Dabei überlegt er sich, welcher Satz ihn in die Geschichtsbücher bringen könnte – „Ich bin kein Berliner!“ oder „Die schafft uns!“? Dabei wird er nicht nur vom Wetterbericht gestört, der während des Stücks als Leitmotiv in einem alten Röhren-Radio immer bedrohlichere Aussichten verkündet. Auch die Politikprominenz Bayerns und des Bundes schneit uneingeladen bei ihm rein – und sein Oberstübchen spielt eh verrückt.

Ein Blick in Seehofers Hirn: Das Nockherberg-Singspiel in Bildern

Eine schwierige Aufgabe sei es gewesen, dieses nunmehr vierte gemeinsame Singspiel, hatten Rosenmüller und sein Team im Vorfeld gesagt. Zu aufgeladen die politische Lage, zu ernst das Schicksal der Flüchtlinge. Und tatsächlich scheint es so, als hätten sich der Regisseur und sein Autor Thomas Lienenlüke allzu große Albernheiten verkniffen. Sogar das Szenenbild von Doerthe Komnick – Rosenmüllers Frau – ist ungewohnt schlicht geraten.

Nockherberg 2016: Poetische Bildsprache und unangestrengt bayerischer Ton

Mitunter klingt sogar hohe deutsche Literatur an: der Europa-Wetterbericht zu Beginn von Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ etwa. Oder der gereizte Ton im Sanatorium von Thomas Manns „Zauberberg“. Beide Bücher spielen 1913, dem Vorabend der deutschen Urkatastrophe Erster Weltkrieg. Sogar optisch fühlt man sich daran erinnert: Die Musiker um Sebastian Horn und Gerd Baumann tragen Borsalino-Hüte, die kessen drei Sängerinnen beinfreie Kostüme und Hauben wie vor hundert Jahren, während sie als Sirenen das namenlose Unheil besingen, das da kommen wird.

Wem das auf dem Papier nun alles eine Spur zu unangenehm klingt, der kann beruhigt sein. Falsch machen kann „der Rosi“ auf dem Nockherberg ohnehin nichts. Seine poetische Bildsprache und sein unangestrengt bayerischer Ton hauen das prominente Publikum auch heuer vom Hocker. Dass die Konfliktlinien zwischen den Figuren sich nicht groß verändert haben, ist klar – aber das Ensemble brilliert wie gewohnt. Etwa Angela Ascher als verschmähte Ilse Aigner, die anfangs von „Es-Hofer“ und „Überich-Hofer“ noch in ihrer Schublade gehalten werden kann – dann aber ausbricht und sich im Artisten-Kostüm zusammen mit einer ganzen Armee „Ilses“ spektakulär ins Gedächtnis ruft. Stephan Zinner als „treuer Begleiter und Weggefährder“ Seehofers ist eine Freude.

Innenminister Joachim Herrmann, dargestellt von Michael Vogtmann, will derweil Seehofers Modell-Bayernland am liebsten von Bergen umstellen. Zur Sicherheit. Für Lachkrämpfe bei den anwesenden Politikern sorgt „Geistesblitz“ Guttenberg, der sich im Seehofer-Gehirn als Ratgeber in Flüchtlingsfragen aufspielt – mit Johnny-Cash-Akzent, den er sich im amerikanischen Exil zugelegt hat. Stefan Murrs Paraderolle: „I’m a master in googeling, doodeling, twittering and tindering.“ Und Herrmann und Söder singen dazu von bayerischer Leitkultur – verheddern sich aber in einem dialektalen Kauderwelsch. Währenddessen haben sich echte Goaßlschnalzer zu den Politikern auf die Tische gestellt und lassen die Peitschen knallen. Ein echter Rosenmüller-Effekt.

Wie bei seinen Singspielen üblich, bleibt das Lachen mitunter auch im Halse stecken. Etwa, wenn Münchens OB Dieter Reiter (Gerhard Wittmann) Horst Seehofer ein kleines Flüchtlingsheim für dessen Modelleisenbahn schenken will und Söder sagt, das sei grundsätzlich verboten – „weil man im Keller keine leicht entflammbaren Gegenstände lagern darf“. Oder wenn Antonia von Romatowski als Angela Merkel einen flammenden Appell an die Menschlichkeit hält – und in eine Zwangsjacke gesteckt wird (dabei singt sie den alten „Trio“-Hit „DaDaDa“ – „ihr liebt mich nicht, ich lieb euch schon“).

Da können Söder und Herrmann das Haus ihres Chefs noch so gut abdichten – das Unwetter naht unerbittlich. Irgendwann verschlägt es sogar noch Sigmar Gabriel (Thomas Wenke) herein, auf Suche nach Asyl – und mit ungeahnten integrativen Fähigkeiten (Seehofer: „Du kannst ja nicht einmal Bairisch!“ Gabriel: „Wos hoaßt denn des! Na muaß i’s hoid leana! Wannst’as denerscht du hibrocht host, na wer’ i’s aa no dagneissn!“).

Nockherberg 2016: "Die Obergrenze ist erreicht"

Wie kann man einen Schluss finden für so eine Groteske? Die Flüchtlingskrise scheint ja auch im richtigen Leben unlösbar. So lassen Rosenmüller und Co. die Belegschaft auf der Bühne langsam durchdrehen – irgendwann findet sich nämlich ein Geheimgang in Seehofers Hirn. Nach und nach kommen alle auf die Kommandobrücke, bis der „Überich-Hofer“ ächzt: „Die Obergrenze ist erreicht!“

Und dann? Löst Theater-Herrgott Rosenmüller einfach alles in Wohlgefallen auf – und gibt die ganze Hysterie der Lächerlichkeit preis: Völlig unmotiviert tanzen drei Ballerinas auf die Bühne. Die Kinderstimme aus dem Off erklärt: „2016, nach einem schweren Sturm, herrschte im Herzen Europas eine weit verbreitete Ratlosigkeit, die selbst bis in die Köpfe prominenter Entscheidungsträger einsickerte. Doch zu allgemeiner Verwunderung führte die Betrachtung eines mit reinster Seele dargebotenen Tanzes zu einer gütlichen Reinigung der aufgebrachten Gemüter. So kam es zu einer rettenden Eintracht, die sich in folgende Erkenntnis destillierte:“

Und dann reden sie alle durcheinander – ein babylonisches Stimmengewirr.

Die Moral der vergnüglichen Geschicht: Egal, wie das Wetter wird: Die Politiker werden sich nie ändern. Eine letzte Gemeinheit an das begeisterte Mandatsträger-Publikum lässt Rosenmüller die Schauspieler dann auch noch singen. Eine Reprise des „Trio“-Hits: „DaDaDa – Ich wähl Dich nicht, du wählst mich nicht.“

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