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Ein wenig brav: Luise Kinseher als Mama Bavaria beim Starkbieranstich am Nockherberg.

Schimpfen ja, Prügelstrafe nein

Nockherberg: Bavaria-Rede vielen zu blass

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München - Am Nockherberg sitzen die Großkopferten – doch sie bewegen sich auf dünnem Eis. Das will ihnen Luise Kinseher als Bavaria deutlich machen. Nur: Richtig böse wird die Mama viel zu selten. Ihre Rede wirkt im Vergleich zum Singspiel ziemlich blass.

Zum Schluss wird es fast ein bisschen sentimental. Aber wirklich nur ein bisschen. Als Christian Ude das erste Mal hier auf dem Nockherberg als Oberbürgermeister derbleckt wurde, gab noch Max Grießer den Bruder Barnabas. Luise Kinseher hatte gerade ihr Studium beendet und im Ensemble der Iberl-Bühne in Solln begonnen. Jetzt, 20 Jahre später, blickt Kinseher als Mama Bavaria fast schon liebevoll hinab auf ihren Christian, der Ende April sein Büro im Münchner Rathaus räumen wird. Und sagt: „Nächstes Jahr bekommst Du mit dem Stoiber einen eigenen Gruftitisch.“

Nein, für echte Gefühlsduselei ist der Nockherberg natürlich der falsche Ort. Doch seit Luisen Kinseher vor vier Jahren übernahm, geht es längst nicht mehr so krachledern zu. Wurde es bei den Vorgängern Django Asül und Michael Lerchenberg schon mal grenzwertig, blitzt hinter dem Spott der 45-jährigen Mama immer etwas Grundsympathie für ihre Kinder hervor.

Fastenpredigt am Nockherberg: Schimpfen ja, aber keine Prügelstrafe

Diesmal liest die Bavaria vor, was die Kinderlein ihr so schreiben. Briefe bekommt sie, E-Mails, auch SMS oder Whats-App-Nachrichten. Geständnisse sind dabei. Und Bittgesuche. Noch-Landrat Jakob Kreidl schreibt flehend an die „Liebe Mama“: „Nie hast Du es für nötig befunden, mich und meine herausragenden Leistungen im Landkreis Miesbach zu erwähnen. Bitte erwähne mich auch heute nicht. Anbei fünf Euro. Mehr war nicht zu holen bei der Kreissparkasse.“

Damit wäre der Ton gesetzt. Die Kinderlein bekommen ein wenig geschimpft, aber die Prügelstrafe ist auch am Nockherberg abgeschafft. Kein Politiker muss mehr mit einem Grummeln im Bauch zum Nockherberg fahren – dafür grummelt in den sozialen Netzwerken das Volk, das es gerne härter hätte. Doch die Kritiker vergessen, was der Starkbieranstich ist: Die Werbeveranstaltung einer Brauerei, eine Unterhaltungssendung im Bayerischen Fernsehen – die auch davon lebt, dass die Politiker gerne kommen. Es geht um den Spaß.

Bavaria zur Haderthauer: "Du bist praktisch Seehofers ganz persönliche Vorhölle"

Luise Kinseher als Mama Bavaria

Und den bietet die Bavaria durchaus mit ihren Briefen: Kultusminister Ludwig Spaenle zum Beispiel ist schon ganz verzweifelt: „Mama hilf! Wie viel macht Lehrer minus Lehrer hoch G8 im Quadrat?“ Und als Antwort kriegt er ein „Bua, Auf jeden Fall zu wenig Lehrer!“ Und Alexander Dobrindt mault: „Ich finde Berlin doof. Ich will wieder heim. Ich hab doch nicht wissen können, dass ich in Berlin Minister werde und diesen Wahlkampfschwachsinn mit der Ausländermaut auch noch umsetzen muss!“ Und auch Ilse Aigner jammert – wenn auch unter genau umgekehrten Vorzeichen: „Wär ich doch in Berlin geblieben. So hab ich mir das in Bayern nicht vorgestellt. Kronprinzessin hätte ich werden sollen – eine Faschingsprinzessin hat er aus mir gemacht.“

Nur eine ist richtig glücklich: „Mama, wie immer freue ich mich riesig, wenn Du mich erwähnst. Ich bin Chefin der Staatskanzlei! Was für ein kometenhafter Aufstieg! Wer zu Seehofer will kommt an mir nicht mehr vorbei. Ich bin toll. Ich bin Ich. Ich! Christine Haderthauer!“ Die Bavaria ist begeistert von so viel Selbstbewusstsein und gratuliert: „Du bist praktisch Seehofers ganz persönliche Vorhölle.“

Reiter und Schmidt lässt Kinseher fast ungeschoren davonkommen

Persönliche Vorhölle. Das ist schon ziemlich gut. Und trotzdem verlebt Luise Kinseher einen undankbaren Abend: Da das Singspiel in den letzten zwei Jahren eine so rasante Entwicklung genommen hat, umweht ihre Bavaria ein Hauch Stagnation. Ja, sie kann richtig bissig werden: Wenn sie die „grüne Resterampe“ erwähnt oder den „naturtrüb“ dreinblickenden Hubert Aiwanger. Zu Horst Seehofer aber fällt Kinseher nicht mehr ein, als schon die Zeitungen geschrieben haben – von „gottesgleich“ bis „Heiligenschein“. Lustig ist allein die Bemerkung, wenn der Ministerpräsident so weitermache, müsse er sich für seine „Koalition mit dem Volk“ bald ein neues Volk suchen. Auch die beiden Oberbürgermeisterkandidaten Dieter Reiter (SPD) und Josef Schmid (CSU) lässt die Mama nahezu ungeschoren davonkommen. Eineinhalb Wochen vor der Stichwahl herrscht hier akute Beißhemmung.

Alles zum Nockherberg finden Sie hier!

Ritterschlag für OB Christian Ude auf dem Nockherberg

Einer von beiden wird bald in der Versenkung verschwinden. Das ist das zweite große Thema der Mama: Wer beim Starkbieranstich am Nockherberg ins Publikum darf, hat es geschafft. Diesmal fehlen einige, die letztes Jahr noch ganz vorne saßen. Hans-Peter Friedrich zum Beispiel oder Peter Ramsauer. Und Uli Hoeneß natürlich. „Die größte Herausforderung ist es, ganz oben zu bleiben“, zitiert die Mama hintersinnig den ehemaligen Bayern-Präsidenten. Und verzichtet dann darauf, auf die Hoeneß-Häme der letzten Wochen noch einen draufzusetzen. Gut so!

„Fakt ist“, sagt Kinseher ganz am Schluss: „Christian Ude ist 20 Jahre lang oben geblieben.“ Auf dem Nockherberg ist so ein Satz ein Ritterschlag.

Nockherberg 2014 - die besten Bilder

Nockherberg 2014 - die besten Bilder

Höhepunkte der Bavaria-Rede

  • über Horst Seehofer: „Wir haben derzeit sogar eine Delegation aus Nordkorea da, die wollen anhand vom Seehofer herausfinden, wie man Alleinherrschaft absichert, ohne gleich die ganze Verwandtschaft umbringen zu müssen.“

  • über Christian Ude: „Einen besseren Derbleckten hätte man sich nicht wünschen können: Immer hast Du schon vor dem Witz gelacht, um ihn ja nicht zu verpassen!“

  • über Hans-Peter Friedrich: „Früher war er so wichtig, dass er gesagt hat, er hätte Wichtigeres zu tun als die NSA Affäre. Jetzt ist er gar nichts mehr in der Regierung. Gefallen im Schlachtfeld der Koalition. Aber so wichtig war er noch nie für die CSU: Er ist praktisch ein Held! Das sagt viel über die CSU.“

  • über Margarete Bause: „,Wir haben alle Wahlziele verfehlt‘ hast Du verlauten lassen. Da ging es den bayerischen Grünen nicht viel besser als den Bundes-Grünen. Der Unterschied war: Trittin und Roth haben Konsequenzen gezogen und sich damit abgefunden. Die sind jetzt weg.“

  • über die CSU: „Wo bleibt da eigentlich der Charakter? Wer betrügt, fliegt! Sind wir doch ehrlich: Wenn wir diesen Satz auf Bayern anwenden und alle ausweisen, die gegen den CSU Moralkodex verstoßen, dann wird einiges frei.“

  • zu Markus Söder: „Markus, manchmal frag ich mich, nimmst Du eigentlich was ein? Oder hast Du Dir nur ein sauberes Hemd angezogen? Irgendwie wirst Du immer schöner! Und Du wirst immer beliebter! Man merkt die Menschen gewöhnen sich an Dich – wenn auch widerwillig.“

  • zur SPD: „Das mit dem Regieren in Bayern, das hat ja bei Euch ganz knapp nicht geklappt. Ganz knapp!“

  • über Joachim Herrmann: „Der Innenminister will uns mit seinem Schweigen sagen: Im Lande Bayern ist alles in Ordnung. Im Allgäu hat sich zwar die italienische Mafia festgesetzt, aber die ist fest in der Hand Polizei. Da kannst Du Dir in Kempten sogar direkt unter 110 eine Pizza Kalabria bestellen.“

  • über Ludwig Spaenle: „Kann er nicht erklären, was er berechnen soll? Oder kann er nicht berechnen, was er erklären soll? Das Problem ist, der Ludwig Spaenle ist für einfache Rechnungen viel zu intelligent! Für das achtjährige Gymnasium hätte er wahrscheinlich nur fünf Jahre gebraucht – und davon vier ohne Lehrer! Wenn alle Kinder so gescheit wären wie er selber, dann könnte er das Gymnasium gleich ganz abschaffen.“

von Mike Schier

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