„Das Leben muss doch weitergehen“

Ein Jahr danach: Diese Sieben beschäftigt der Amoklauf noch heute

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Ein Jahr ist seit dem Amoklauf im Münchner Olympia Einkaufszentrum vergangen. Wir erzählen sieben Geschichten von Menschen, die die Bluttat vom Olympia-Einkaufszentrum noch heute beschäftigt.

1. Mann vom Balkon

Nach dem Amoklauf im Olympia Einkaufszentrum ist Thomas Salbey, 58, häufig von Leuten angesprochen worden. Hausbewohner sagten ihm, dass er das gut gemacht habe. Wenn er im Olympia-Einkaufszentrum unterwegs war, fragten viele, ob er nicht der „Balkon-Brüller“ sei, der den Amokläufer so wüst beschimpfte. „Ein Kunde im OEZ wollte sogar ein Foto mit mir machen“, erzählt er. Jemand richtete ihm bei Facebook eine Seite ein. „Wer das war, weiß ich nicht“, sagt er.

Thomas Salbey ist der Mann, der im fünften Stock an der Riesstraße wohnt und David S. von seinem Balkon aus anbrüllte. Ein Video der Wutrede verbreitete sich noch am Tatabend rasend schnell im Internet. Salbey, der vergangenes Jahr noch als Baggerfahrer arbeitete, kam kurz vor 18 Uhr von der Arbeit nach Hause. Als es draußen knallte, dachte er zuerst, jemand habe mit Platzpatronen geschossen. Als er sich über die Brüstung seines Balkons beugte, sah er David S., wie er mit einer Pistole durch den Glasgang des OEZ lief. Er warf eine Bierflasche auf den Gang. Keine Reaktion.

David S. lief stattdessen weiter auf das Parkdeck, lud seine Waffe nach und feuerte Richtung Wohnblock. „Ich spürte die Gefahr. Aber ich wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht, was vorher passiert war“, sagt Salbey. Mit derben Worten beschimpfte er den Amokläufer. „Halten Sie die Schnauze“, schrie David S. zurück. „Ich denke kaum mehr an diesen Abend“, sagt Salbey heute. Das Leben müsse ja weitergehen. Zum Jahrestag kommt aber freilich alles wieder hoch. Im Moment sucht Thomas Salbey einen neuen Job: „Es wäre super, wenn sich jemand meldet.“

1. Thomas Salbey – der Mann vom Balkon. Er wohnt im 5. Stock an der Riesstraße, von dort hat er den Amokläufer angeschrien. 

2. Der Augenzeuge

Der Buchbinder und Rikschafahrer Tom Schiedeck, 53, wollte am 22. Juli 2016 im McDonald’s nur kurz eine Pause machen. Als er unten in dem Schnellrestaurant einen Kaffee trank, hörte er oben plötzlich ein Knallen. „Es hat sich angehört wie Knallfrösche, ich dachte an einen Kindergeburtstag“, sagt er. Dann wurde es plötzlich ganz still. Als die Patronenhülse auf den Boden fiel, war ihm klar, dass etwas Schreckliches passiert sein musste. „Ich ging hinter der Kaffeetheke in die Hocke, um jederzeit wegzukommen. In dem Moment denkt man ans Überleben.“ Der Täter kam die Treppe herunter. „Er schaute nicht überall in den Raum. Er war darauf fixiert, nach draußen zu rennen.“

Schiedeck hörte die Tür ins Schloss fallen und sah, wie David S. draußen weiter schoss. Er ging als Erster nach oben und sah die Opfer. „Ich wollte irgendwie helfen. Doch das Schlimme war die ganze Zeit das Gefühl, dass man nichts tun kann.“ Später ging Schiedeck in die nahe gelegene Garage, in der seine Rikscha stand. „Ich sah viele Menschen, die Hilfe gesucht haben“, erzählt er. Mit seiner Rikscha fuhr er sie nach Hause. Am nächsten Tag kam eine Mitarbeiterin des Kriseninterventionsteams zu ihm. „Das war gut. Sie hat sich viel Zeit genommen und mir gesagt, dass ich vieles richtig gemacht habe.“

2. Augenzeuge Tom Schiedeck zurück am Tatort: „Ich ging hinter der Kaffeetheke in die Hocke“, erzählt er.

3. Die Anwohnerin

Christine Kutter, 34, wollte sich nur einen Döner holen. „Plötzlich fing jemand zu schießen an“, erzählt sie. „Junge Leute krochen aus dem McDonald’s heraus und wollten nur noch weg.“ Obwohl die Jugendlichen schon auf dem Boden lagen, schoss David S. noch auf sie. „Man wusste, es ist Realität, aber es hat sich angefühlt wie im Film.“ Sie verbarrikadierte sich hinter dem Dönerstand neben dem McDonald’s. „Ich dachte in dem Moment nichts, außer, dass ich mich verstecken muss.“ Als der Amokschütze weg war, lief sie mit den anderen ins OEZ. „Wir haben sofort gesehen, dass die jungen Leute tot waren.“

Panisch versteckten sich die Menschen im Edeka, schoben Kisten vor die Türen. „Nach etwa zwei Stunden sagten die Polizisten, dass wir aus dem OEZ rauskönnten, aber vorsichtig sein müssten, da der Schütze noch auf der Flucht sei“, erzählt Kutter. Über Schleichwege ging sie nach Hause – ausgerechnet in die Henckystraße 3, wo sich David S. später das Leben nahm. Zu Hause hörte Kutter plötzlich Tumult. „Als ich hinunterblickte, sah ich, wie der junge Mann sich erschossen hat.“

3. Anwohnerin Christine Kutter: „Man wusste, es ist Realität, aber es hat sich angefühlt wie im Film.“

4. Der Retter

Als bei Stefan Vinzenz am 22. Juli 2016 gegen 17.55 Uhr der Alarm eingeht und er auf der Fahrt zum OEZ von Toten hört, weiß er: „Das ist etwas Großes.“ Auch ein Jahr später läuft es dem ehrenamtlichen Rettungsdiensthelfer „eiskalt den Rücken hinunter“, wenn er an den Abend des Amoklaufs zurückdenkt. Vinzenz ist einer der rund 200 Johanniter, die an diesem Freitag bereitstehen, um zu helfen. Der Ismaninger denkt zunächst an eine Übung. „Das muss ein schlechter Scherz sein, redete ich mir ein.“

Um 18.20 Uhr sieht er der grausamen Realität ins Auge. Mit Kollegen schafft er Ordnung im Chaos. Funkverbindungen herstellen, Behandlungsplätze aufbauen, Rettungsdienste koordinieren. Im Sekundentakt laufen Meldungen im Einsatzleitwagen ein. Die Nachrichten von möglichen weiteren Tatorten in der Innenstadt erhöhen auch die Nervosität bei den Einsatzkräften. Vinzenz’ damalige Gedanken: „Der Terror ist angekommen, jetzt machen sie uns fertig.“ Erst später stellt sich heraus, dass es sich um Falschmeldungen handelt. Stefan Vinzenz findet in der Hektik die Zeit, seine Familie und Freunde zu beruhigen. „Ich sagte ihnen, dass es mir gut geht. Das war mir wichtig.“ Gegen 1.30 Uhr ist Schluss. „Mein Kopf war voll. Das waren fast sieben Stunden Ausnahmezustand.“ Auf dem Heimweg fährt Stefan Vinzenz an den abgedeckten Leichen vorbei. Er sagt: „Ich habe das nicht an mich herangelassen.“ Doch die Bilder holen ihn ein. „Ja, ich hatte Albträume“, sagt er.

4. Rettungsdiensthelfer Stefan Vinzenz.

5. Der Dönerverkäufer

Imbissbuden-Besitzer Ahat Habibula kämpft noch immer mit den Folgen des Amoklaufs. Seine Bude steht 20 Meter neben der Gedenkstätte, die am heutigen Samstag enthüllt wird. Letztes Jahr gleich nach dem 22. Juli blieben die Kunden aus. Keiner wollte mehr Döner bei ihm kaufen. Erst seit sechs Monaten kommen wieder mehr Kunden. „Es wird langsam“, sagt er und klingt zuversichtlich.

Bis heute bekommt er ein flaues Gefühl im Magen, wenn er an den Tatabend zurückdenkt: „Meine Beine zittern, wenn ich nur daran denke“, sagt Ahat Habibula und stützt sich mit der Hand auf dem Bistrotisch ab. „Gesehen habe ich nichts, aber die Schüsse habe ich gehört.“ Er verbarrikadierte sich in dem kleinen Verkaufsraum. So harrte er mehrere Stunden aus und horchte auf die Geräusche draußen.

5. Imbissbuden-Besitzer Ahat Habibula.

6. Der Trauerexperte

„Trauer ist etwas Positives“, sagt Tobias Rilling, 52. „In ihr steckt unglaublich viel Kraft.“ Was zunächst so unverständlich klingt, ist für ihn ganz logisch. Rilling ist Leiter des Johanniter-Zentrums Lacrima in Giesing für trauernde Kinder. Der Trauerexperte hat Schulkameraden der Opfer geholfen. Sie haben ihre Freunde beim Amoklauf verloren. Rilling will bei seiner Arbeit auch die Rolle des Täters berücksichtigen. „Sie ist wichtig bei der Aufarbeitung“, sagt er. Man müsse sich mit dem Täter versöhnen, um aus der Dauerschleife der Trauer herauszukommen. Das gelinge zwar den wenigsten, sagt er, aber nur so könne die Energie in einem wieder fließen.

6. Trauerexperte Tobias Rilling: „Trauer ist etwas Positives“, sagt er. „In ihr steckt unglaublich viel Kraft.“

7. Der Obstverkäufer

Vor einem Jahr stand der Obststand von Faruk Sazil, 29, genau dort, wo jetzt das Denkmal steht – ein Gingko- Baum umringt von einem Metallreifen mit neun Steinen. Für jedes Opfer ein Stein. Kugeln durchsiebten die Auslage seines Standes. Er kam mit dem Leben davon, trotzdem hat der Tag sein Leben völlig verändert. Er verlor wegen des Amoklaufs fast seine Existenzgrundlage. Von seinem Hocker unter der blau-weißen Markise überblickt er das gesamte Areal, auf dem die Morde geschahen. „Wenn ich keine Kunden habe und es ruhig ist, sitze ich hier und zack, ist der Film wieder da“, sagt Faruk Sazil. Für ihn fühlen sich viele Tage so an wie der 22. Juli 2016 – ein Horrorfilm in Endlosschleife. 

Sazil hat es mit einer Therapie versucht, geholfen hat das nicht. Als er die Krankenkassenbeiträge nicht mehr zahlen konnte, musste er die Therapie abbrechen. Sein Geschäft stand kurz vor der Pleite, denn noch Wochen nach dem Amoklauf, erzählt er, wollte sich kaum jemand in der Nähe des Einkaufszentrums aufhalten. Im Februar musste der Obststand von Faruk Sazil der Gedenkstätte weichen. Lange sah es so aus, als würde er keinen neuen Standort finden. Auch dank einer Unterschriftenaktion steht er nun auf der anderen Straßenseite. Für ein Jahr darf er auf dem Gelände des OEZ bleiben, wie es danach weitergeht, das weiß er noch nicht. 

Die Chronologie der Ereignisse vom 22. Juli 2016 können Sie hier nachlesen.

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