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Seit 50 Jahren im Namen von Trikont aktiv - Eva Mair-Holmes und Achim Bergmann mit ihren Lieblingsplatten.

Von Giesing ins Globale

50 Jahre Trikont-Plattenlabel: „Wir befreien uns selbst“

Etwas versteckt in Obergiesing liegt das Label „Trikont – Unsere Stimme“, das nun 50 Jahre alt wird. Wir sprachen mit den beiden Machern.

Georg Ringswandl, der Söllner Hans und Attwenger haben alle etwas gemeinsam – sie haben beim vermutlich ältesten Independent-Musikverlag der Welt angefangen. Etwas versteckt in Obergiesing liegt das Label „Trikont – Unsere Stimme“, das nun 50 Jahre alt wird. Und das muss gebührend gefeiert werden – am 30. November im Feierwerk. Mit von der Partie sind unter anderem Attwenger, die Express Band und Coconami. „München wird immer wieder eine große Bodenständigkeit nachgesagt, München hat aber auch eine große Verbindung zum Globalen.“ Genau in diesem Spannungsfeld bewegen sich Eva Mair-Holmes und Achim Bergmann, die beiden Gründer und Macher von Trikont.

Hallo, Frau Mair-Holmes und Herr Bergmann, sie haben zwei Platten ausgewählt – Addis Adeba II und die neueste Hans Söllner – warum? 

Mair-Holmes: Total spannend! Junge Musiker interpretieren Jazz und Afro neu auf der Addis Adeba II. Ich liebe diese Musik. Bergmann: Ich habe mich für etwas Bayerisches – den Söllner Hans – entschieden. Die aktuelle Platte ist etwas Besonderes. Seine Band hat seine Musikstücke komplett neu für ihn geschrieben. Das ist etwas Einzigartiges herausgekommen. Ich empfehle: Einfach anhören.

Wie fing alles mit „Trikont“ an und wieso heißt „Trikont“ „Trikont“?

Bergmann: „Trikont – Unsere Stimme“ ist Programm. Wir waren ein – heute würde man sagen – „Start up“ der 67er-Studentenbewegung. Erst fingen wir mit Büchern an – wie dem Che Guevara-Tagebuch – und dann kam auch schon bald die Musik dazu. Wir wollten der Dritten Welt Gehör verschaffen – Vietnam usw. spielte damals eine große Bedeutung. Mair-Holmes: Wir haben am Anfang ganz schrilles Zeug veröffentlicht – ob sich das verkauft oder nicht, stand nicht im Vordergrund. Trikont brachte zum Beispiel Musik der MEKs heraus. In jeder größeren deutschen Stadt gab es damals „Mobile-Einsatz-Orchester“ (MEK) – in Anlehnung an die Sonder-Einsatzkommandos (SEK) der Polizei. „Wir befreien uns selbst“ war der Slogan, den wir auch zu unserem 50-jährigen Jubiläum aufgegriffen haben.

Wie ging diese „wilde“ Zeit weiter ….?

Bergmann: Sie ging zu Ende - die 80er Jahre waren eine Zäsur. Die 60er / 70er und ihre Propaganda waren nicht mehr gefragt. Unsere Musikproduktionen mussten sich auf einem größeren Markt behaupten. Wir öffneten uns für weitere kreative Projekte. Genau in dieser Zeit gewannen beispielsweise der Georg Ringswandl und der Hans Söllner ein immer größeres Publikum.

Welchen „Münchenbezug“ hat die Musik auf Trikont? 

Bergmann: Wir haben mal nachgerechnet – von 492 Veröffentlichungen haben 125 mit Bayern und München zu tun. Das ist doch recht beachtlich. Dabei geht es keineswegs um Folklore. Ganz wichtig war bei uns in den ersten Jahren auch der Bezug zu den Gastarbeitern – wie zum Beispiel von BMW oder MAN. Sie brachten uns nämlich am Anfang das Singen bei. Ein weiteres Beispiel ist die Münchner Band Embryo, die hier beheimatet ist, aber schon immer zwischen Kairo und Afghanistan gereist ist.

Spielte das Thema „Sampler“ eine immer größere Rolle? 

Bergmann: Ja, klar! Ein Beispiel: Wir haben sechs Veröffentlichungen mit einem und demselben Song – nämlich „La Paloma“ – bestritten. Ein Lied stammte von Coco Schumann, der spielen musste, als die Menschen in Ausschwitz in die Gaskammern geschickt wurden. Er wollte zwar nicht seine Geschichte erzählen, aber sagte: „Ich nehme für Euch eine Platte auf. Die Musik erzählt genug.“ Und so hat sich eine wunderbare Freundschaft entwickelt.

Mair-Holmes: Trikont wurde in der englischen Presse, aber nicht nur dort, mit Lobeshymnen überschüttet. Wir haben eine CD mit Songs zu Muhammad Ali veröffentlicht, Sampler zum Thema „Black and Proud“ oder nur eine Platte mit gesammelten finnischen Tangos. So etwas gab es zuvor einfach nicht. Uns wurde immer wieder vorgehalten: Wie kommen diese Münchner nur darauf, so etwas zusammenzustellen. Die Resonanz ist immer wieder von Begeisterung für die Musik getragen. Der finnische Regisseur Aki Kaurismäki orderte zum Beispiel gleich ein paar Hundert der CDs für einen Filmstart.

Welche Musik würden Sie einem „Neu-Münchner“ empfehlen?

Bergmann: Die „Stimmen Bayerns“ ist eine Trikont-Reihe, die die Empfindungen der bayerischen Seele einfängt. Da geht es um „Freiheit“, „Liebe & Tod“ und andere. Wie schon erwähnt – 125 Trikont-Veröffentlichungen haben einen Bayern- beziehungsweise Münchenbezug. Da sollte für jeden etwas dabei sein.

Wie entwickelt sich die Münchner Musikszene weiter? 

Mair-Holmes: Es bilden sich immer wieder kleine Formationen, aus denen dann etwas immer Größeres entsteht. La Brass Banda fing bei Trikont an. Aktuell kann ich „Koaflgschroa“ empfehlen, die mit der Spider Murphy Gang im Rahmen der Sendung "Zam'Rockn“ auftrat. Der Barny hat erst gemeint, wie soll das funktionieren, „mir san a bayerische Rock'n Roll-Band“. Hat aber funktioniert. In München gibt es immer wieder spannende, neue Projekte. Und München bezieht sich nicht nur auf die Grenzen der Stadt. Das Um- und Oberland ist wichtig. Der Georg Ringswandl kommt aus Bad Reichenhall, Koaflgschroa aus Oberammergau und die Acher-Brüder aus Weilheim.

Das Interview führte Bodo-Klaus Eidmann

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