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Die Demo am Samstag vor der Ruine in Giesing.

Demo am Jahrestag

„Was Weltkriegs-Bomben nicht fertigbrachten...“ - Ton um Uhrmacherhäusl wird rauer

Der Abriss des Uhrmacherhäusls ist mittlerweile ein Jahr her. Eine Bürgerinitiative kämpft weiter für den Wiederaufbau. Ein Experte zieht einen bemerkenswerten Vergleich.

München - Am Ende steht der böse Bauunternehmer in Handschellen vor Gericht. Seine Verteidigung: Es war alles nur ein Versehen. Die Demonstranten, die sich in der Oberen Grasstraße 1 versammelt haben, reagieren mit Pfiffen und Buh-Rufen. „Saubande!“, ruft einer. „Ab in den Kerker“, sagt der Richter zum Angeklagten. „So geht’s ned.“ Die Umstehenden greifen den Satz bereitwillig auf und skandieren ihn, bis der Übeltäter hinter dem selbstgebastelten Gefängnisgitter sitzt.

Es ist zwar nur Straßentheater mit viel Slapstick, das der Filmemacher Klaus Bichlmeier inszeniert hat und fleißig aufnimmt. Doch genauso würden sie es sich in Giesing wünschen. Dass endlich kurzer Prozess gemacht wird mit diesem Menschen, der das denkmalgeschützte Uhrmacherhäusl aus dem 19. Jahrhundert im September 2017 abgerissen hat - und trotz der Anordnung der Stadt bisher nicht wieder aufgebaut hat. Zur großen Protestaktion am Jahrestag des Abrisses kamen am Samstag 100 Leute. Ihre Botschaft: Wir kämpfen weiter! Auch wenn ein jahrelanger Rechtsstreit droht.

Film über Uhrmacherhäusl kommt ins Kino

„Mit brutaler Gewalt wurde wertvolles Kulturgut vernichtet“, sagt Angelika Luible von der Bürgerinitiative Heimat Giesing. „Der Eigentümer zeigt weder Reue noch Einsicht.“ Denn es gehe um Geld, viel Geld. „Deshalb passiert da auch nix“, schimpft eine andere Frau. „Der hat das genau geplant“, erklärt Regisseur Bichlmeier der Menge. Für einen Freitagnachmittag, an dem „die Ämter geschlossen waren und die 60er mit ihrem Heimspiel die Polizei beschäftigt haben“. Der Kameramann hat die Ereignisse rund ums Uhrmacherhäusl zwölf Monate lang begleitet. Sein Film, fast ein Krimi, hat am Tag des Denkmals nächsten Sonntag Premiere im Kino am Max-Weber-Platz. Titel: So gehds ned. Eintritt: 10 Euro.

Darin ist auch der tatsächliche Abbruch zu sehen, den eine Nachbarin mit dem Smartphone aufgenommen hatte. Am Samstag gab’s nur einen akustischen Abriss. Investoren und Bauunternehmer als die Mafiosi unserer Zeit - dieses Bild zeichnet auch die Adaption eines alten Spider-Murphy-Gang-Songs. „Und mitten in der schönen Stadt macht das große Geld das Alte platt - Skandal im Stadtbezirk, Skandal in Giesing.“ Die Versammlung singt fröhlich mit. „Die Gspickt’n sind jetzt an der Macht, das Scherbenviertel sagt gut’ Nacht.“

Inszenierter Prozess: Zum Jahrestag des Uhrmacherhäusl-Abrisses hat sich die Bürgerinitiative Heimat Giesing etwas ganz Besonderes einfallen lassen.

“Einmaliger Fall offener krimineller Machenschaften“

Der Abriss des Uhrmacherhäusls sei „ein bislang einmaliger Fall offener krimineller Machenschaften“, sagt Norbert Ott, Professor für ältere deutsche Philologie an der Universität Bayreuth. „Was die Bomben des Zweiten Weltkriegs nicht fertigbrachten, gelingt nun den Spekulanten - und zwar in trauter Gemeinschaft mit Politik und Denkmalschutz.“ Der Professor prangert vor allem das Landesamt für Denkmalpflege an.

Zwischendrin taucht mehrfach ein rot-weißer VW-Bus auf. Neugierige Gesichter schauen aus den kleinen Fenstern. Eine Stadtrundfahrt! Das Abbruch-Grundstück hat es auf die Liste der Münchner Sehenswürdigkeiten geschafft. Zusammen mit Deutschem Museum, Sechzgerstadion und Hofbräuhaus steht es auf der Sightseeing-Liste der Bulli-Tours…

Carmen Ick-Dietl

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