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Am Fitnessparcours im Weißenseepark macht Katharina Schweissguth ihren Frühsport.

Serie

Der perfekte Tag in meinem Viertel: Alles in Balance in Obergiesing

In unserer Serie zeigen wir allen Dahoam-Gebliebenen, was es in den 25 Münchner Stadtbezirken zu entdecken gibt. Einheimische führen uns durch ihr Stadtviertel. Heute: Obergiesing.

München - Katharina Schweissguth betreibt einen Postdienst mit ganz spezieller Note. Die gebürtige Münchnerin lebt schon seit knapp 25 Jahren in Obergiesing und arbeitet als freiberufliche Grafikerin. Vor viereinhalb Jahren hat sie den ersten und bislang einzigen Poesiebriefkasten Deutschlands installiert. Dorthin (Wirtstraße 17, 81539 München) kann jeder unabhängig von Herkunft oder Bildung seine Gedichte schicken. „In jedem Menschen steckt ein Poet – davon bin ich überzeugt“, sagt sie.

Mit den 1500 Werken aus dem Briefkasten hat Schweissguth inzwischen ein Mini-Museum für Poesie, das SPIX, eröffnet. Zudem hat sie den Verein „Poesieboten“ gegründet, mit dem sie immer wieder Aktionen wie eine Poesie-Litfaßsäule, einen poetischen Adventskalender im U-Bahnsperrgeschoss Silberhornstraße oder einen Poesiegarten auf einer Verkehrsinsel initiiert. „Ich versuche, Poesie in den Alltag der Menschen zu bringen.“ Einfallsreich sind auch die Tipps von Katharina Schweissguth für den Urlaubstag in ihrem Stadtteil.

Poesiebriefkasten: Schweissguths Ausstellungsräume.

Stärkung für den Tag im Motel One

Der Tag beginnt mit Frühsport auf dem Fitnessparcours im Weißenseepark. Die Geräte wirken spielerisch, haben es aber in sich. Danach hat man Hunger. Schweissguth geht zum Frühstücksbuffet ins Motel One (Tegernseer Landstraße 165). Hier kann man für 9,50 Euro richtig zugreifen. Schweissguth schwärmt von den vielen Bioprodukten, der großen Auswahl an Gebäck und dem frischen Obstsalat. Im schicken Hotel-Ambiente fühlt man sich wie im Urlaub. „Ich komme mir ein bisschen wie eine Spionin vor, so als Einheimische unter all den Schwäbisch, Englisch oder was auch immer sprechenden Touristen.“ Bei schönem Wetter sitzt man auf der Sonnenterrasse im Grünen. „Wenn der Brunnen plätschert, vergesse ich völlig, dass ich fast direkt am Mittleren Ring sitze.“

Pritscheln am Walchenseeplatz

Erfrischung: „Das Brunnenbuberl“ am Walchenseeplatz.

Das „Brunnenbuberl“ am Walchenseeplatz ist im Sommer Katharina Schweissguths Lieblingsadresse. „Ich ziehe die Sandalen aus, wate im Becken herum und lasse mich von der Figur nass spritzen.“ Dazu ein kleines Schwätzchen mit den Menschen auf den umliegenden Parkbänken. Das beschwingte Pritscheln am Springbrunnen gehört zu jener Art von Zwanglosigkeit, die einem den Sommer versüßt und jung hält. Der Poesiebotin sitzt da der Schalk im Nacken. „Ich schaue dann schnell nach, ob am Hydranten noch das Schild ,Bockspringen verboten‘ hängt.“ Das habe schon manchen überhaupt erst auf die Idee gebracht, einfach mal drüber zu hüpfen, sagt sie augenzwinkernd.

Erinnerungen: Der Perlacher Friedhof

„So richtig abschalten vom Alltagstrubel kann ich im Friedhof am Perlacher Forst“, erklärt Katharina Schweissguth. Die Ruhe in der weitläufigen Anlage an der Stadelheimer Straße ist Entschleunigung pur. Die Grafikerin besucht gern die Gräber von Hans und Sophie Scholl, den von den Nazis im benachbarten Gefängnis hingerichteten Geschwistern der Widerstandsgruppe „Die weiße Rose“. „Die Querbalken der beiden Kreuze gehen ineinander über, für mich ein Zeichen des beispiellosen Zusammenhalts der Geschwister.“ Schweissguth bewundert den Künstler, der diese außergewöhnliche Grabstätte 1992 gestaltet hat. Es ist der Grafikdesigner Otl Aicher, Ehemann der ältesten Scholl-Schwester Inge Aicher-Scholl und einer der prägendsten deutschen Gestalter des 20. Jahrhunderts. „Er hat mit den bekannten Piktogrammen auch das Erscheinungsbild der Olympischen Spiele 1972 maßgeblich gestaltet.“

Entspannung: die Obergiesinger Grafikerin am Grünspitz.

Kaffee und Kuchen im Münchenstift

Zeit für eine Stärkung! Kaffee und Kuchen, aber auch Mittagessen gibt es gut und preiswert in der Caféteria des Alten- und Pflegeheims Münchenstift an der St. Martin-Straße 34. Berührungsängste braucht keiner zu haben, sagt Schweissguth. „Außer den Senioren verkehren hier auch Polizisten, Handwerker und Angestellte.“ Der helle Gastraum mit den wandhohen Glasfenstern liegt am parkähnlichen Garten mit Terrasse. „Ich nehme immer mein Tablett und setze mich auf eine Bank an dem exotisch anmutenden Seerosenteich, wo ein Schwarm Goldfische gerne ein Sonnenbad nimmt.“ Beim Essen blättert sie meist im Programm der gegenüberliegenden Volkshochschule Ost – auf der Suche nach interessanten Kursen.

Abendvorstellung im Cincinnati-Kino

Zum Abschluss eines perfekten Ferientags geht Katharina Schweissguth ins Cincinnati-Kino (Cincinnatistraße 31) in der alten Ami-Siedlung im Fasangarten. Das Kino hat in seinem einzigen Saal knapp 400 Plätze. „Hier finde ich immer einen guten Platz und kann den Film auf einer Riesenleinwand genießen.“ Im großen Foyer gibt es eine Bar, an der sich vor und nach der Vorführung die Leute treffen, dazu Parkplätze vor der Tür. Das Cincinnati sei Kult, nicht nur im Stadtviertel, findet die Obergiesingerin.

Lesen Sie auch weitere Beiträge der Serie: 

Kultur, Geschichte und Oasen der Ruhe: Sie hat den Durchblick in Moosach

Der perfekte Tag in meinem Viertel: Sonnengruß auf den Dächern Münchens

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Carmen Ick-Dietl

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