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Keine Totenköpfe, sondern Symbole des Glaubens hat Rainer Fuchs auf seine Arme tätowiert. Hinter der Jesus-Figur hängt in Fuchs’ Wohnung ein Poster von Johnny Cash. Auch die Zeilen des Gospels „Ain’t No Grave“, die rechts zu sehen sind, sang Cash – einen Song über die Wiederauferstehung.

Rainer Fuchs im Interview

Dieser Diakon ist Gottes Rocker in Giesing

Rainer Fuchs liebt Johnny Cash, ist volltätowiert – und Diakon der evangelischen Luther- und Philippuskirche in Giesing. Im Interview spricht er über Vorurteile, seine Liebe zu Gott – und zum Rock ’n’ Roll.

München - Rainer Fuchs knattert gern auf seiner alten BMW durch Giesing. Ein volltätowierter Rocker auf dem Weg zu seiner nächsten Mission: den Menschen zu helfen. Der 44-Jährige besucht als Gemeinwesendiakon der evangelischen Luther- und Philippuskirche Bürger im Stadtteil, die Unterstützung brauchen. „Wir müssen mehr rausgehen“, sagt der Familienvater. „Die Kirche ist oftmals zu elitär“. Im Interview spricht er über Vorurteile, seine Liebe zu Gott – und zum Rock ’n’ Roll.

Herr Fuchs, sind Rock ’n’ Roll und Religion nicht ein Widerspruch?

Überhaupt nicht. Die alten Rock ’n’ Roll-Herren waren alle tiefgläubig. Johnny Cash hat mitten in den Baumwollfeldern gelebt, mit lauter Schwarzen um sich herum. Die Spirituals und Gospels sind die Quelle des Rockabilly.

Auf den ersten Blick sehen Sie wirklich aus wie ein wilder Rocker.

(lacht). Ich kann auch wild sein. Ganz nach Johnny Cash: Johnny ist der Gute und Cash macht all den Unsinn. Aber das geht den meisten so. Auf den ersten Blick sieht man nur Tattoos. Nur, dass es bei mir keine Totenköpfe sind, sondern Symbole meines Glaubens. Im Prinzip ist es eine reinste Mission, die ich auf meinem Körper trage.

Was haben Sie noch tätowiert?

Die vier Evangelisten-Symbole: Matthäus, der Mensch; Markus, der Löwe; Matthäus, der Stier; Johannes, der Adler. Hier am Arm mein Konfirmationsspruch: „Einer trage den anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“

Sie wohnen erst seit einem Jahr in München. Haben Sie sich gut eingelebt?

Wir wohnen ja in Giesing, da fällt das Einleben leicht. Ich komme ursprünglich aus Nürnberg, einer Arbeiterstadt. Bei uns waren in der Familie immer alle Arbeiter und Handwerker. Das ist die Prägung, die ich erfahren habe.

„Nächstenliebe ist die ureigene Aufgabe der Diakonie“

Hilft Ihnen diese Bodenständigkeit bei Ihrer Arbeit?

Ich denke schon. Die tätige Nächstenliebe ist die ureigene Aufgabe der Diakonie. Diakon kommt aus dem Griechischen: Diakonos – der Diener. Das waren die Menschen in den Gemeinden, die die praktische Nächstenliebe vollführt haben. Genau das mache ich als Gemeinwesendiakon jetzt im Stadtteil: Ich besuche hilfsbedürftige Menschen.

Welche Probleme haben die Leute?

Alles, was das Leben mit sich bringt: Einsamkeit, Krankheit, psychische Probleme, Streit, Armut, Tod. Als Diakon prägen die sieben Werke der Barmherzigkeit meinen Dienst: Hungrige speisen, Durstige tränken, Fremde beherbergen, Nackte kleiden, Kranke pflegen, Gefangene besuchen, Tote bestatten. Ich trage die Symbole auf den Armen: das Brot, den Krug, die Laterne, das Tuch, die Bibel mit der Heilpflanze, die Fessel, die Schaufel mit der Blume der Auferstehung.

Gibt es auch negative Reaktionen auf Ihre Tätowierungen?

Natürlich haben Leute auch Vorurteile. Es gibt Situationen, in denen ich die Tattoos nicht zeige.

In welchen?

Zum Beispiel bei Beerdigungen oder Seelsorgegesprächen mit Älteren, die da ganz klar den Seemann und den Verbrecher drin sähen.

Wie war es, als Sie Ihre Tochter in Giesing das erste Mal in den Kindergarten gebracht haben?

Das ist eine super Geschichte. Ihr Erzieher war nämlich aufgeregter als ich, als es hieß: Der Herr Diakon kommt mit seiner Familie. Denn es ist ein Kindergarten der Diakonie, und der Erzieher ist dunkelhäutig und homosexuell. Als er mich dann gesehen hat, hat er aufgeatmet. Außerdem ist in der Gruppe noch eine tunesische Frau mit Kopftuch, und damals war noch eine katholische Polin da. Ich sage: Willkommen in Giesing. Das ist das Leben.

So sollte es ja eigentlich überall sein. Ist die Kirche in Ihren Augen zu konservativ?

Ich kritisiere, dass sie oftmals zu elitär ist. Wir beschäftigen uns mehr mit uns selbst, als in die Welt zu gehen. Aber wir schweben nicht in goldenen Gewändern über den Leuten, sondern sind ein Abbild der Gesellschaft. Wir haben innerkirchlich Alkoholiker, Geschiedene, Leute, die schlecht mit ihren oder fremden Kindern umgehen.

Ich hätte gedacht, dass sich Pfarrer bemühen, möglichst wenig zu sündigen.

Bei Ihnen merkt man die katholische Prägung. Ich habe einen völlig anderen, einen gnädigen Gott. Oft werde ich von Leuten gefragt: Wenn Gott gnädig ist, warum passieren dann all die schlimmen Dinge auf der Welt?

Das frage ich mich auch…

Eine der zentralsten Geschichten in der Bibel ist die Noah-Geschichte. Sie besagt: Auch Gott ist lernfähig.

Erzählen Sie mal.

Gott macht die Welt schön, und dann kommt es zum Sündenfall. Kain bringt Abel um, Sodom und Gomorrha und so weiter. Gott stellt daraufhin alles auf Reset. Er macht den Stöpsel rein und dreht das Wasser auf. Er lässt alle ertrinken, bis auf den einen Gottgefälligen mit seiner Familie. Gott sagt: „Ich will die Menschen alle vernichten, denn ich habe erkannt, sie sind böse von Grund auf. Doch auch nach der großen Flut ändern sich die Menschen nicht – sie sind egoistisch, streiten, klauen. Deshalb sagt Gott später: Ich werde die Menschen nie mehr vernichten, denn ich habe erkannt, sie sind böse von Grund auf.

Was heißt das jetzt?

Es heißt, dass wir alle selbst verantwortlich sind für das, was wir tun. Wir haben einen Verstand, der uns sagt, was gut und was böse ist. Ich habe keinen marionettenspielenden Gott. Ein Gott am großen Schaltpult war der Gott meiner Kindheit. Mein Kinderglaube hat sich weiterentwickelt – zum Glück.

Haben Sie nie gezweifelt?

Ich habe eine Beziehung hinter mir, die nach 15 Jahren gescheitert ist. Natürlich zweifelst du. Aber dann habe ich meine Frau kennengelernt und wir haben jetzt eine viereinhalb Jahre alte Tochter.

Wächst Ihre Tochter auch im christlichen Glauben auf?

Ich gebe meinen Glauben an sie weiter. Meine Frau kommt aus der ehemaligen DDR, sie hat einen ganz anderen Hintergrund, hat sich aber mit unserer Tochter taufen lassen. Unsere Tochter wird irgendwann mal selbst entscheiden, ob sie gut findet, was ihr Papa ihr erzählt. Was die Musik angeht, hatte sie schon bei der Geburt keine Wahl.

Wie das?

(Fängt an zu singen) „Ich weiß genau, dass du zu Hause bist, und ich hätte dich so gern durchs Telefon geküsst. Li-Li-Li Linda, ich ruf dich an.“ Unsere Tochter heißt Linda, nach dem Song von den Ace Cats.

Danke für das offene Gespräch.

Gerne. Und wenn Sie mal was Böses tun, denken Sie an mich: Gott ist gnädig.

Interview: Daniela Schmitt

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