+
Nur eine Mass pro Besucher im Durchschnitt? Das Bauchgefühl sagt etwas anderes – die Statistik jetzt auch.

Konsum bewusst kleingeredet?

Falsche Bier-Bilanz auf dem Oktoberfest

  • schließen

München – Die Stadt München veröffentlicht seit Jahren falsche Zahlen über den Bierkonsum auf dem Oktoberfest. So tranken die Wiesn-Besucher im vergangenen Jahr nicht wie am Ende des Oktoberfestes vermeldet 6,5 Millionen Mass Bier, sondern knapp 7,7 Millionen.

Die tatsächlichen Zahlen gehen aus dem Abschlussbericht der Wiesn 2014 hervor, der dem Münchner Merkur vorliegt. Das städtische Wirtschaftsreferat unter Leitung des Zweiten Bürgermeisters Josef Schmid (CSU) hatte am letzten Wiesn-Tag per Pressemitteilung vermeldet: „Die Oktoberfest-Gäste tranken insgesamt 6,5 Millionen Mass Bier.“ Auf Anfrage des Münchner Merkur räumten Sprecher des Referats und von Oberbürgermeister Dieter Reiter ein: „Für die Zahlen, die bei der Abschluss-Pressekonferenz am letzten Oktoberfest-Sonntag veröffentlicht werden, liegen die Schätzungen, Beobachtungen und Prognosen, also ein reines Meinungsbild der Festwirte über den Konsum zugrunde, keine harten Zahlen.“ Zudem fehle noch der Bier-Verkauf des letzten Wiesn-Tages in der Bilanz.

Es handelt sich nicht um eine einmalige Differenz. Laut den Schlussberichten der vergangenen Jahre war auch 2013 rund eine Million Mass mehr (7,7 statt 6,7 Millionen Mass) verkauft worden als gemeldet. 2012 (7,4 statt 6,9 Millionen) und 2011 (7,9 statt 7,5 Millionen) belief sich die Differenz auf etwa eine halbe Million Liter. In den Jahren davor lagen Schätzung und tatsächliche Bier-Menge hingegen eng beieinander. Auffällig ist, dass die Differenzen zunahmen, als der heutige Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) die Position des Wiesn-Chefs von Gabriele Weishäupl übernahm. Unter Reiters Nachfolger Schmid stieg die Differenz weiter an.

Die falschen, am Wiesn-Ende verkündeten Zahlen verschleiern den Trend, dass der Bierkonsum auf dem Oktoberfest in den vergangenen Jahren massiv zugenommen hat. Bei nur sieben Prozent mehr Besuchern stieg die tatsächlich verkaufte Bier-Menge seit 2004 um 26 Prozent von 6,1 Millionen Litern auf 7,7 Millionen. Ex-Wiesn-Chefin Weishäupl sagte dem Münchner Merkur sie habe den von den Wirten vorgelegten Zahlen stets misstraut und deshalb stichprobenartig bei einigen Gastronomen noch einmal nachgeforscht. „Der Wirt neigt dazu, das Wiesn-Geschäft herunterzureden“, sagte Weishäupl.

Wirte-Sprecher Toni Roiderer erklärte gegenüber dem MÜNCHNER MERKUR, es handle sich bei der Diskrepanz möglicherweise um „Rechenfehler“. Er sieht die Verantwortung für die Differenz auch bei der Stadt: „Die Statistik wird zu früh angefordert.“ Zu diesem Zeitpunkt gebe es noch keine verlässlichen Zahlen. Allerdings wird in fast allen Zelten der Ausschank mittlerweile elektronisch gesteuert, der Absatz lässt sich minutengenau ablesen. Reiter und Schmid waren am Montag nicht persönlich für Stellungnahmen erreichbar.

Philipp Vetter

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Kommentar zur Bierpreisbremse: Das klingt fair, aber ...
Wiesn-Chef Josef Schmid (47, CSU) will die Preise für die Oktoberfest-Mass auf drei Jahre einfrieren. Nicht die einzige Neuerung. Die Wirte laufen Sturm. Ein Kommentar. 
Kommentar zur Bierpreisbremse: Das klingt fair, aber ...
„Königin der Wiesn“ wird 70 und fordert ein leiseres Oktoberfest
München - Gabriele Weishäupl feiert am Faschingsdienstag ihren 70. Geburtstag und fordert eine leisere Wiesn und Mehrkosten wegen Sicherheitsmaßnahmen nicht auf die …
„Königin der Wiesn“ wird 70 und fordert ein leiseres Oktoberfest
Deckel drauf! Schmid will Bierpreisbremse auf der Wiesn 
Wiesn-Chef Josef Schmid (47, CSU) will die Preise für die Oktoberfest-Mass auf drei Jahre einfrieren. Und das soll nicht die einzige grundlegende Neuerung auf dem …
Deckel drauf! Schmid will Bierpreisbremse auf der Wiesn 

Kommentare