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Rote Nelken legten die Münchner am Denkmal für die Opfer des Oktoberfest-Attentats nieder. Eine Stele erinnert an die 13 Toten – ihre Namen sind dort eingraviert.

Überlebender des Oktoberfest-Attentats kritisiert

Gedenken an Wiesn-Anschlag: „Ich fühle mich von der Wand erdrückt“

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Ein Überlebender des Wiesn-Attentats schimpft über die rostige Eisenwand. Der Ort lade nicht zum Gedenken ein, sondern erinnere an die Bombe und die Splitter - nicht aber an die Menschen, die das Leid ertragen mussten.

München - Die Sätze klingen nüchtern, doch ihr Inhalt ist schwer zu ertragen: „Ich habe hier an dieser Stelle meine zwei kleinen Geschwister verloren. Meine Eltern und zwei weitere Geschwister wurden schwer verletzt.“ Robert Höckmayr, 49, überlebte vor 37 Jahren den Bombenanschlag am Eingang des Oktoberfests. 13 Menschen starben, mehr als 200 wurden verletzt. Seine Wunden heilten, nie aber die Seele des zwölfjährigen Buben von damals. Seine Familie zerbrach.

„Im Umgang mit den Schwachen zeigt sich, wie stark die Gesellschaft ist“

Am Dienstag, beim Gedenken an die Opfer, sprach Höckmayr vor dem Denkmal am Haupteingang. An ebenjener Stahlwand, an der sich der Überlebende stört. Er überraschte die Zuhörer, unter ihnen OB Dieter Reiter (SPD), dann auch mit seiner Aussage: „Ich fordere, dass dieser Ort ein neues Aussehen bekommt.“ Der Grund für Höckmayrs Unmut: „Ich fühle mich von der rostigen Eisenwand erdrückt.“ Der Ort lade nicht zum stillen Gedenken ein. Vielmehr erinnere er an die Bombe und die Splitter, nicht aber an die Menschen, die das Leid ertragen mussten. 

Höckmayr kritisierte auch den Staat. Er fordert einen von Bund und Ländern getragenen Fonds für Geschädigte von Anschlägen: „Im Umgang mit den Schwachen zeigt sich, wie stark die Gesellschaft ist.“ Täter und Tat erhielten viel Aufmerksamkeit. Aber wer denke an die, die zurückbleiben? „Wir sind mehr als weiche Ziele oder Kollateralschäden“, so Höckmayr. Er appellierte an die Zuhörer, das Wort „Opfer“ nicht zu gebrauchen. „Opfer sind für mich die Toten, die ihr Leben verloren haben. Wir sind Überlebende!“

Der Überlebende Robert Höckmayr (li.), der bei dem Attentat zwei Geschwister verlor, stört sich an der Wand, wie er auch OB Dieter Reiter erklärte,

OB Dieter Reiter bedankte sich nach der eindringlichen Rede bei dem 49-Jährigen. Viele Zuhörer legten rote Nelken am Denkmal nieder, zu dem auch eine Stele mit den Namen der Toten gehört. Ilona und Ignaz Platzer steht dort eingraviert – Höckmayrs Geschwister. Der 49-Jährige selbst hat nach der Hochzeit den Namen seiner Frau angenommen. Er sagt: „Mit der Wiesn habe ich abgeschlossen.“ Und kämpft mit Tränen in den Augen.

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