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Training für den Kandidaten: Vor einem guten Jahr durfte der damalige OB-Bewerber Dieter Reiter unter dem kritischen Blick von Andreas Steinfatt (r.), dem Chef des Vereins Münchner Brauereien, schon mal das Anzapfen üben.

Dieter Reiters erste Wiesn-Eröffnung

Geheim-Training für die Anzapf-Premiere

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    Moritz Homann
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München - Mancher spottet, es sei die wichtigste Tätigkeit des Münchner Oberbürgermeisters: das Anzapfen auf der Wiesn. Heuer darf mit Dieter Reiter erstmals seit Jahrzehnten wieder ein Neuling ans Fass. Der ist schon mächtig nervös.

Die schönsten Anekdoten sind oft die, die nicht stimmen. So ist es auch bei der Geschichte über das erste Anzapfen. Oberbürgermeister Thomas Wimmer, so erzählt man sich, sei 1950 gemütlich über die Wiesn spaziert, als ihn der Wirt des Schottenhamel-Zeltes von der Kutsche herunter ansprach. „Ja, Herr Wimmer, warum gehen’s denn zu Fuß? Steigen’s doch ein!“, soll er gesagt haben. Dann soll Wimmer mit zum Schottenhamel-Zelt gefahren sein und, wo er schon mal da war, gleich das erste Fass Bier angezapft haben. Eine lange Tradition, begründet durch den Zufall. Klingt toll.

Begründer der Tradition: Thomas Wimmer zapfte 1950 als erster Münchner Oberbürgermeister auf der Wiesn an.

Ist aber Unsinn. Schaut man in die Archive, zeigt sich: Schon am Donnerstag vor der Wiesn, den 14. September 1950, kündigte unsere Zeitung an: „Oberbürgermeister zapft den ersten Banzen an.“ Vier Tage später dann die Vollzugsmeldung: „Umringt von Münchner Kindln und Photographen band sich Oberbürgermeister Wimmer schmunzelnd den Schurz um, krempelte die Hemdärmel auf und zapfte mit ein paar kräftigen Schlägen an.“ Wie viele Schläge es genau waren, steht nicht im Artikel – laut Überlieferung sollen es 17 gewesen sein.

So viele Schläge hat seitdem kein Oberbürgermeister mehr gebraucht. Und falls Oberbürgermeister Dieter Reiter bei seiner Premiere am kommenden Samstag so viele Schläge braucht, dürfte er es mit dieser Blamage auf zahlreiche Titelseiten schaffen. Schließlich spottet mancher, das Anzapfen auf der Wiesn sei die wichtigste Aufgabe eines Münchner Oberbürgermeisters. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hat nicht besonders viel Vertrauen in die Anzapfkünste des politischen Gegners. „Ich werde mich diesmal etwas weiter weg stellen“, scherzte er gestern. Eigentlich muss der Ministerpräsident in der ersten Reihe stehen, schließlich bekommt er vom OB die erste Mass – falls nichts schiefgeht.

Damit nichts schiefgeht, trainiert Reiter vorher – mit dem mittlerweile berühmten Paulaner-Schankkellner Helmut Huber, der schon seinen Vorgänger Christian Ude trainiert hat und beim Anzapfen ein kritisches Auge auf seine Azubis wirft. Reiters Trainings-Termin ist geheim. Obwohl zahlreiche Medien gerne zugeschaut hätten, übt der OB das Anzapfen lieber im Verborgenen.

Erst vor ein paar Wochen hat Reiter bei einem Bürgerfest in seiner Heimat Sendling angezapft – ein 50-Liter-Fass allerdings, kein Vergleich zu dem 200-Liter-Trumm, an das er sich bei der Wiesn-Eröffnung machen muss. „Eine Grundnervosität ist schon da“, räumt Reiter ein. Drei Schläge hat sich der OB als Zielmarke gesetzt. Als Wiesn-Chef stand Reiter bei dem Ritual schon in der ersten Reihe – und hat sich überlegt, wie es wohl wäre, selbst den Schlegel in die Hand zu nehmen. „Jetzt stellt sich ein großes Gefühl der Zufriedenheit ein“, sagt Reiter und grinst.

Anzapfer a. D.: Christian Ude brauchte in den vergangenen Jahren nur noch zwei Schläge, um die Wiesn zu eröffnen.

Sein Vorgänger Ude ist jedenfalls überzeugt davon, dass Reiter seine Premiere meistern wird: „Er ist ein Trumm-Mannsbild“, sagt der Alt-OB. Er habe Reiter aber geraten, mindestens zwei Schläge zu machen – wie Ude selbst seit 2008 jedes Jahr. „Sonst besteht das Risiko einer Riesenblamage“, sagt Ude. Dann nämlich, wenn der Wechsel nach nur einem Schlag nicht richtig im Fass steckt, wieder herausrutscht und die Prominenz eine Bierdusche bekommt.

Ude kann sich noch gut an sein erstes Mal Anzapfen im Jahr 1993 erinnern. Der Wahlsonntag war gerade eine Woche her, und sämtliche Medien zweifelten, ob ein Schwabinger Intellektueller für eine rustikale Tätigkeit wie das Anzapfen gemacht ist. Und tatsächlich, mit sieben Schlägen konnte Ude zumindest bei der Premiere die Vorurteile nicht restlos ausräumen.

Zwei, drei, sieben Schläge – ist das überhaupt wichtig? Nein, findet Ex-Wiesn-Stadtrat Helmut Schmid (SPD). „Man nimmt den Wechsel in die Hand und haut drauf, bis er fest sitzt“, sagt er pragmatisch. Schmid zapft auf dem Frühlingsfest an, meistens braucht auch er zwei Schläge. „Kommt aber auch auf das Fass an“, sagt er. Das Schlimmste wäre natürlich, wenn der Wechsel nicht richtig sitzt und aus dem Fass schießt. „Dann gibt es eine Überschwemmung mit Bier“, sagt Schmid und lacht.

„Obatzt is!“ Erich Kiesl blamierte sich 1981 nicht durch die Zahl der Schläge, sondern einen Versprecher danach.

Das richtige Anzapfen ist das eine – wichtig ist aber auch, was der OB danach sagt. Oder, dass er überhaupt etwas sagt. Seltsam still war es 1978, als Oberbürgermeister Erich Kiesl erst das Fass zum Spritzen brachte und dann noch vergaß, „Ozapft is’!“ zu rufen. Schlimmer ist nur ein Versprecher wie der von Kiesl 1981, als er stolz „Obatzt is!“ in die Runde rief.

Kein Wunder, dass Wirte-Sprecher Toni Roiderer meint: „Es ist doch wurscht, ob Dieter Reiter zwei, drei oder fünf Schläge braucht. Die Hauptsache ist, dass er ,Ozapft is!’ ruft und dass danach das Bier fließt.“ Roiderer ist – genau wie Ude – überzeugt, dass Reiter das hinkriegt. „Der Reiter ist doch ein kerniges bayerisches Mannsbild!“ Zudem habe Reiter die besten Voraussetzungen. Beispielsweise einen eigens für das Anzapfen vorgesehenen Schanktisch. Das ist wichtig, schließlich spielt die Höhe des Tisches eine entscheidende Rolle. Ist er zu hoch oder zu niedrig, tut sich der Anzapfer schwer. Auch das Werkzeug ist wichtig für einen erfolgreichen Anstich. „Man braucht einen gescheiten Schlegel, kein Schlegerl“, erklärt Roiderer. Nicht zuletzt sei der erste Schlag entscheidend: „Je nachdem, wie der sitzt, braucht man mehr oder weniger Schläge“, sagt Roiderer. Er selbst habe auch schon mal vier gebraucht. Im Grunde, sagt er, ist Anzapfen nicht schwer: „Das größte Hindernis ist die Nervosität.“

Angezapft wird übrigens nicht nur in der Landeshauptstadt. Ex-Wiesnchefin Gabriele Weishäupl zum Beispiel musste 1985 auf der ITB in Berlin anzapfen – der weltgrößten Tourismusmesse. Freilich hat auch sie zuvor trainiert. Beim Huber Helmut, dem legendären Anzapftrainer. Deshalb weiß Weishäupl auch, wie die Übungseinheit abläuft: Zunächst bekommen die Anzapf-Novizen ein Fass mit Luft vorgesetzt, damit nichts passieren kann. Dann folgt ein Fass mit Wasser. Erst zum Schluss zapfen Hubers Lehrlinge ein Bierfass an, das wegen der darin enthaltenen Kohlensäure am heikelsten ist. Läuft da was falsch, kann das Fass regelrecht zerreißen. Oder sich das Bier in einer Fontäne über alle Anwesenden ergießen. Weishäupl, die selbst drei Schläge braucht, erinnert sich gerne an CSU-Mann Andreas Scheuer, der beim Anzapfen in Niederbayern dem Fass eine solche Fontäne entlockte – und dann auch noch in der Bierlache ausrutschte. Peinlich!

Weltweit versuchen sich Städte an Wiesn-Kopien. Münchens Partnerstadt Cincinnati hat ihr eigenes Oktoberfest, und jedes Jahr fliegt ein Münchner Stadtrat über den Atlantik, um dem amerikanischen Abklatsch ein wenig Münchner Lebensgefühl einzuhauchen. Vor vier Jahren war Ex-SPD-Stadträtin Christiane Hacker dort. Anzapfen musste sie allerdings nicht. „Das Fass für den Oberbürgermeister war schon angestochen“, erinnert sie sich. Dann riefen die Amis „Zwoa, drei, gsuffa!“ und tranken. Das „Oans“ ließen sie aus unerfindlichen Gründen weg.

Andere Länder, andere Sitten – das kennt auch Ex-SPD-Stadtrat Oliver Belik, der schon bei mehreren Oktoberfesten in China anzapfen durfte. Im Juli erst war Belik in Peking: Im Fass steckte schon der Wechsel, Belik musste nur zapfen. „Bis vor ein paar Jahren steckte sogar nur ein Schlauch im Fass“, erzählt Belik. Immerhin: Die Rufe „Ozapft is“ und das „Prosit der Gemütlichkeit“ gibt’s auch auf chinesisch.

Nicht mehr lange, dann wird Reiter das Original-“Ozapft is“ ins Schottenhamel-Zelt rufen. Und vorher mit einem einfachen Holzwerkzeug das größte Volksfest der Welt eröffnen. Mit zwei Schlägen. Oder drei, oder fünf. Ist doch nicht so wichtig. Oder?

Moritz Homann und Bettina Stuhlweissenburg

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