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In ihrem Element: Gabriele Weishäupl, damals Wiesn-Chefin, dirigiert im September 2011 das Standkonzert der Wiesn-Kapellen unter der Bavaria.

Gabriele Weishäupl erzählt

Gschichten von der Wiesn-Dirigentin

München - Fast drei Jahrzehnte lang stand sie an der Spitze des größten Volksfests der Welt. Jetzt könnte Gabriele Weishäupl, 67, den Ruhestand genießen. Zu fad, fand sie, und schrieb ein Buch über ihre Wiesn-Jahre. Wir durften vorab darin blättern – und drucken zum Auftakt einer Serie exklusiv, was sie über Trachten, Politiker und Magier denkt.

Gabriele Weishäupl über das Dirndl

„Es gibt kein Kleidungsstück, das meinen Lebensweg anhänglicher begleitet und stärker geprägt hätte als das Dirndlgewand in seinen verschiedenen Ausprägungen. Dabei trat es relativ spät in mein Leben, nämlich mit meinem Amtsantritt als Fremdenverkehrsdirektorin und Wiesnchefin. Es gibt keine putzigen Dirndlfotos von mir als Kind. (...)

Dabei existierten von meinen Vorfahren des 19. Jahrhunderts prachtvolle Abbildungen in Passauer Tracht. Mit wertvollen Goldhauben, wie sie auch in Oberösterreich verbreitet waren. Zwei Goldhauben und zwei Riegelhauben sowie alten Trachtenschmuck habe ich von dieser Seite geerbt, aber erst spät im Leben genutzt – zur Wiesn eben. (...)

Als Studentin der 1968er-Zeit lief ich hippiemäßig herum, mit Walleröcken, Blumenmustern und Stirnbändern. Später als Lokalreporterin bevorzugte ich Jeans-Look auf Plateausohlen. (...)

So wurde ich auf dem Umweg über die PR-Frau zur Dirndlträgerin. Und das mit durchschlagendem Erfolg. War ich etwa im Kreis meiner ausschließlich männlichen Kollegen vom damaligen Big-Eight-Werbeverbund der deutschen Großstädte unterwegs, richtete sich die Aufmerksamkeit sofort auf mich. Das lag einerseits daran, weil ich die einzige Frau war, andererseits aber ganz eindeutig auch an meinem schmucken Dirndl.

Am größten war der PR-Triumph allerdings, sobald unsere Funktionen bekanntgegeben wurden. Bei der Vorstellung des director of the tourist office of the city of Hannover gab es höflichen Applaus. Bei the director of the tourist office of the city of Munich wurde das Klatschen deutlich lebhafter. Doch als der Sprecher noch hinzufügte … and the President of Oktoberfest!, brachen großes Gejohle und begeisterter Jubel aus. So war das. Und zwar weltweit. (...) Man konnte am Applaus hören, was wirklich zählte.

Einmal hatte ich bei einem solchen Anlass ein normales Businesskostüm an. Eine Fotoreporterin fragte mich unverzüglich: Don’t you have your traditional costume with you? Der Fall war klar. Ich wurde mit München, mit dem Oktoberfest und mit Bayern identifiziert. (...) Und das erlegte mir Verpflichtungen auf. In den 1980er-Jahren war es durchaus nicht üblich, dass sich der Träger einer öffentlichen Funktion in Tracht fotografieren ließ. Die Oberbürgermeister zapften meistens im Straßenanzug an, bis Christian Ude in den 1990er-Jahren die Lederhose in der Anzapfbox einführte.(...) Auch die Wiesnbesucher dachten damals nicht im Traum daran, in der Tracht zu kommen. (...)

Die Frage, die mir von Vertretern der Presse – von der New York Times über die Cosmopolitan bis hin zu diversen Lokalblättern – wohl am häufigsten gestellt worden ist, lautet: ,Wie viele Dirndl haben Sie?‘ Nachdem ich sie ungefähr zum zwanzigsten Mal gehört hatte, beschloss ich, dazu nichts mehr zu sagen. Ich wollte schließlich als Managerin des großen Volksfestes wahrgenommen werden und nicht als Dirndl-Königin.“

Gabriele Weishäupl über Landesvater Franz Josef Strauß

„Nachdem ich 1985 den Auftakt im Gedränge am Haupteingang erlebt hatte, durfte ich gleich im Anschluss mit Franz Josef Strauß einen TV-Termin machen. (...) Ich spürte das Kraftfeld, das ihn umgab. Kein attraktiver Mann, aber charismatisch. Er schwitzte, wirkte aber gelassen im Scheinwerferlicht, er war es gewöhnt. Ich aber nicht so wie er und wackelte unter dem Tisch nervös mit meinen Pumps. Natürlich trat ich ihm auf den Fuß, aber er musterte mich wohlwollend und strömte eine große Ruhe aus, gleichzeitig eine gespannte Aufmerksamkeit, da wir ja auf Sendung waren.

Petra Schürmann stellte mich als erste weibliche Festleitung in der Geschichte des Oktoberfests vor, und ich berichtete über meine Aufgaben und unter anderem auch über die Riegelhaube meiner Urgroßmutter aus dem Bayerischen Wald. Das gefiel dem Ministerpräsidenten sichtlich, und als dann die Rede auf die schnellen Fahrgeschäfte ,immer höher, immer weiter‘ kam, lud er mich vor laufender Kamera zu einem Rundflug ein, denn er war auch Pilot. (...)

In den folgenden Tagen kamen auf dieses Gespräch zahlreiche Reaktionen aus der Bevölkerung, in denen ich teils gerühmt und teils geschmäht wurde. Mir unbekannte Frauen schrieben, ich hätte mich an den Ministerpräsidenten ,herangeschmissen‘ und es gehöre sich nicht, das Rundflugangebot anzunehmen. (...)

In den 1980er-Jahren wurde ich als Sicherheitsrisiko für Franz Josef Strauß angesehen und von seiner Security gestellt. Am ersten Wiesnsonntag beobachtete ich den traditionellen Trachten- und Schützenzug von den Räumen des Tourismusverbandes München-Oberbayern aus. Das Büro befand sich an der Ecke Stachus/Schwanthalerstraße. Hier konnte man vom dritten Stock aus den Zug gleich dreimal sehen. Als Vizepräsidentin des Verbandes lud ich unsere wichtigsten Geschäftspartner zum ,Weißwurstfrühstück mit Logenplatz‘ ein. Neben den Weißwürsten gab’s auch was Süßes, unter anderem bot ich Bonbons an: ,München-Guatl‘, auf denen ein Schriftzug in den Stadtfarben prangte: ,Mhhh … München …‘ Dies war eines der von mir erfundenen Werbemittel, preisgünstig und kiloweise im Einsatz.

Als dann die Kutsche mit dem Ministerpräsidenten erschien, warf ich erfreut und in bester Absicht die München-Guatl hinein. Kurz darauf klopfte es hart an die Tür unserer Räume. Es wurde geläutet und gepoltert, und eine Mannschaft von Sicherheitsleuten stürzte herein. Sie wollten wissen, wer hier den Ministerpräsidenten mit kleinen harten Gegenständen bewerfe – ob es sich vielleicht um einen Anschlag handle. Ich klärte die Herren auf, und sie untersagten mir strikt, weiter mit Guatl auf Ministerpräsidenten oder andere Teilnehmer des Umzugs zu werfen. Seitdem habe ich nie wieder mit Bonbons auf Ministerpräsidenten geschossen.“

Gabriele Weishäupl über Edmund Stoiber

„Im Prinzip war die Anzapfbox nicht sein Terrain. Auch den Maßkrug schwenkte er vorsichtig. Er war nicht der Typ des Zechers und Bierzeltbrüllers. Zwar hatte ich ihn Jahre zuvor auch schon anders erlebt – als Generalsekretär der CSU, der mit überkippender Stimme den politischen Gegner attackierte und als ,blondes Fallbeil‘ auf ihn herabsauste. In seiner Rolle als Landesvater aber nahm ich ihn als disziplinierten, ehrenwerten, äußerst fleißigen und selten emphatischen Menschen wahr.

Er ist übrigens der einzige Ministerpräsident, der mit mir Autoskooter fuhr. Auf Einladung der Schaustellerverbände besuchte er das Oktoberfest. Wir stiegen in eines der Autos, und sofort übernahm er die Führung. Ich saß ein bisschen scheu und eingeklemmt neben ihm und überließ natürlich ihm das Steuer. Er fuhr zackig und konzentriert, so diszipliniert, wie es seinem Wesen entsprach. Natürlich traute sich keiner, uns anzubumsen, und so kamen wir gut über die Runden.“

Gabriele Weishäupl über Günther Beckstein

„Nach Edmund Stoiber präsentierte sich als nächster Ministerpräsident Günther Beckstein im Jahr 2008 vor dem Hirschen. Es war sein einziger Auftritt an dieser Stelle, da er nach dem Wahldebakel der CSU noch im selben Jahr sein Amt zur Verfügung stellte.(...)

Das Ehepaar Beckstein sorgte in diesem Jahr in typischen Wiesn-Angelegenheiten für Furore. Der Ministerpräsident selbst hatte erläutert, dass man auch noch nach zwei Maß gut Auto fahren könne, wenn schlecht eingeschenkt sei. Dieser Witz wurde ihm übel ausgelegt und flog ihm in einer – aus meiner Sicht übertriebenen – Mediendiskussion um die Ohren, die bekanntlich eines seiner Markenzeichen waren.

Ich mochte diesen bescheidenen und freundlichen Franken, der sich immer verhaspelte, wenn er schnell und von sich selbst als ,Mistrprsidntn‘ sprach. Im Übrigen war er in der Lage, in ausgezeichnetem Englisch zu parlieren. (...)

Für einen wahren Wiesnskandal aber sorgte Becksteins Frau Marga, eine fränkische Lehrerin. Sie wollte zum Anstich kein Dirndl tragen! Die Dirndlwelt bebte, die CSU-Frauenunion war empört. (...)

Die Geschichte zog bundesweit Kreise, und man entrüstete sich über die Frau des bayerischen Ministerpräsidenten, die kein Dirndl tragen wollte. Ich hätte Marga einige Hinweise geben können, aber sie hat mich leider nie gefragt. (...)

Als Günther und Marga Beckstein in der Anzapfbox erschienen, war die Stimmung aufgeheizt. Marga trug eine geblümte Jacke und einen dunklen Rock. (...) Weder vorher noch nachher habe ich jemals erlebt, dass sich jemand so unwohl fühlte im Scheinwerferlicht vor dem Hirschen und in der Hysterie der Anzapfbox.“

Gabriele Weishäupl über den Magier David Copperfield

„Ein eindrucksvoller Besucher war David Copperfield, der bekannteste Zauberer der Welt. Er tauchte in den 1980er-Jahren in München auf und bezauberte – im wahrsten Sinne des Wortes – sein Publikum im Deutschen Theater und auf der Wiesn. (...) Dann erreichte mich in der Festleitung ein Anruf seiner Agentur, der große Zauberer wolle das größte Volksfest der Welt kennenlernen. Er bitte um Erlaubnis zur Einfahrt auf das Gelände (...). Ich informierte flugs die Polizei wie bei allen VIPs, bei denen man Andrang oder kreischende Mädels vermuten durfte. Ich bat um eventuelles Geleit, das mir gewährt wurde. (...)

Ich informierte die Wiesnreporter, vergewisserte mich, dass in der Festleitung nirgends ein alter Romadur herumlag, stellte Orgel, Maßkrug und Herzl bereit und wartete erfreut auf diesen interessanten Gast. Leider hatte ich kein Dirndl an, sondern einen Jeansanzug wie häufig Samstagnacht, wegen der nächtlichen Umstände am Wochenende, wo ich gelegentlich flitzen musste. (...) Dann erhob sich Getümmel an der Einfahrt zum Behördenhof, Blitzlicht, und eine unendlich lange Limousine mit verspiegelten Scheiben schob sich in mein Blickfeld, die erste schwarze ,Stretch-Limo‘ im Behördenhof. Ihr entstieg der Künstler, schwarz gekleidet, schwarze Haartolle, geheimnisumwittert. Ich zog mein Programm für special guests ab und brachte in Erfahrung, dass Copperfield einen kleinen Rundgang über das Fest machen und dann einen rollercoaster besteigen wolle. (...) Als er zum dritten Mal auf die Wiesn kam, fuhr er nicht nur rollercoaster, sondern dirigierte auf meine Bitte hin im Schottenhamel die Blaskapelle.“

(Der nächste Beitrag über Weishäupls Buch erscheint am Freitag im München-Teil.)

Vom Landmädchen zur Oktoberfest-Chefin

Gabriele Weishäupl wird 1947 als Tochter eines Landarztes in Passau geboren. Sie wächst in Aicha vorm Wald auf, einem kleinen Ort zwischen Passau und Deggendorf. Später studiert sie Kommunikationswissenschaft, Geschichte und Politische Wissenschaft an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). Während des Studiums arbeitet sie als Lokalreporterin für den Bayerischen Rundfunk und die Bild-Zeitung.

1972 heuert sie bei der Münchner Messe- und Ausstellungsgesellschaft an, wo sie bald die Stabsabteilung Öffentlichkeitsarbeit und Protokoll leitet. Parallel zu ihrer Berufstätigkeit macht sie ihren Doktor im Fach Kommunikationswissenschaft und lehrt an der LMU.

1985 wird sie Tourismusdirektorin der Stadt München – und Chefin des Oktoberfestes. Bei der Bewerbung ist sie nur 37 Jahre alt – und setzt sich gegen 40 männliche Konkurrenten durch. Dabei führen ihre Gegner im Stadtrat hinter vorgehaltener Hand moralische Bedenken ins Feld: Sie sei seit Jahren liiert, aber nicht verheiratet.

Bis 2011 bleibt Weishäupl im Amt, dann schickt sie der damalige Wirtschaftsreferent und heutige OB Dieter Reiter (SPD) in den Ruhestand: Mit Blick auf die anstehenden Bürgermeisterwahlen will er das öffentlichkeitswirksame Amt selbst ausüben. 2013 ist Weishäupl Landtagskandidatin der FDP, holt im Wahlkreis Bogenhausen 6,8 Prozent der Stimmen – doppelt so viel wie ihre Partei bayernweit. Derzeit lehrt sie an der Hochschule München Tourismus.

Weishäupl ist Mutter eines 23-jährigen Sohnes, den sie allein großgezogen hat. Eines der ersten Worte ihres Sohnes Emanuel, schreibt sie in ihrem Buch, sei „Toberfest“ gewesen. Weishäupl wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz am Band.

Hier geht's zu Teil II: So wollte Gabriele Weishäupl den Wiesn-Bierpreis dämpfen

(Der Beitrag auf dieser Seite ist der erste von dreien, die sich Weishäupls Wiesn-Buch widmen. Die beiden nächsten erscheinen an diesem Freitag und am Samstag im München-Teil des Münchner Merkur).

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