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Im Himmel der Bayern: Toni Roiderer in seinem Hacker-Zelt, das er seit 1989 führt.

Zum 70. Geburtstag

Toni Roiderer: Der sanfte Patriarch

München - Er hat den Ruf, ein harter Hund zu sein, aber mit weichem Herz. Er ist nicht diplomatisch, aber Sprecher der Wiesnwirte. Er musste seinen Erstgeborenen zu Grabe tragen und ist seit kurzem Opa: Toni Roiderer wird am Montag 70 Jahre alt.

Es duftet appetitlich in der Küche des Straßlacher Gasthofs zum Wildpark. Toni Roiderer schreitet an dampfenden Töpfen vorbei, raus in den Biergarten. Dieser Tage ist er nur selten hier, er ist jetzt auf der Wiesn gefragt. „Servus Chef“, grüßen die Köche, die Kaiserschmarrn karamellisieren und Ochsenkoteletts grillen. Koteletts aus Roiderers Metzgerei, fünf Wochen trocken gereift. Eine Delikatesse.

Im Biergarten – dem einzigen in Bayern, der über eine Fußbodenheizung verfügt – hockt sich der Chef hin und bestellt einen „Caesar Salad“. Lieber hätte er was Ordentliches auf dem Teller. Aber hilft nichts. Roiderer ist in den vergangenen Monaten „über sich hinausgewachsen“, wie er sagt. Zehn Kilo sollen runter. Jeden Morgen steigt er deshalb aufs Rad. „Wenn ich schon fett bin, will ich wenigstens fit sein“, brummt er. Ansonsten ist Roiderer bei guter Gesundheit. Könnte längst den Ruhestand genießen. Macht er aber nicht. „Ich sehe es als meine Aufgabe, meinen Sohn Thomas zu unterstützen. Solange ich kann.“

Roiderer ist Müßiggang nicht gewohnt. Er stammt aus der Nachkriegsgeneration, die Verzicht gelernt hat. Die glaubt, man habe Erfolg, wenn man nur hart genug arbeitet. Tatsächlich hat es der gebürtige Peißenberger weit gebracht – vom Wirtsbua zum Unternehmer. Seine aus Straßlach stammenden Eltern bewirtschafteten in Peißenberg im Pfaffenwinkel das Wirtshaus „Zur Sonne“. In den 50er-Jahren kehrten sie mit dem Sohn und den zwei Töchtern nach Straßlach zurück. Dort führten sie den Gasthof zum Wildpark weiter, den Roiderers Großeltern 1904 erworben und bis zum Tod des Großvaters betrieben hatten. Auch eine Metzgerei sowie eine Landwirtschaft gehörten zum Betrieb.

Schon als Kind musste Roiderer mitarbeiten. Heu machen. In der Gartenschänke aushelfen. Kälber abstechen. Während seine Spezln nach der Schule zum Baden gingen. „Ich habe das nicht als Quälerei empfunden“, sagt Roiderer. „Meine Eltern haben auch Tag und Nacht gearbeitet. Das war damals so.“ Das Schlachten faszinierte ihn, weshalb er eine Metzgerlehre absolvierte und den Meister machte, bevor er den Gasthof übernahm. Aber das reichte Roiderer nicht – er wollte Wiesnwirt werden. „Das ist das Höchste, was man als bayerischer Wirt erreichen kann“, sagt er.

1989 war es soweit: Hacker-Pschorr- und Paulaner-Eigentümer Josef Schörghuber persönlich gab Roiderer den Zuschlag fürs Hackerzelt. Schörghuber war auf den Metzger aufmerksam geworden, weil er die Straßlacher Bauernwirtschaft in ein Gasthaus verwandelte, das den Ansprüchen der noblen Grünwalder Nachbarschaft gerecht wird – ohne ihren bayerischen Charakter zu verlieren. In Zeiten des Wirtshaussterbens brummte der Gasthof zum Wildpark. Zudem hatte Roiderer 1988 erstmals den renommierten Wettbewerb „Bayerische Küche“ gewonnen.

Trotzdem hatte sich Roiderers Frau Christl bei der Bewerbung keine Hoffnungen gemacht. „Meine Frau hat gemeint, wir werden nie Wiesnwirte. Da hab’ ich zu ihr gesagt: Setz’ dich hin und schreib’ die Bewerbung“, erzählt Roiderer. Schließlich sei er Unternehmer, nicht Unterlasser.

Das ist einer dieser markigen Sprüche, die Roiderer gern loslässt. Oft betont er auch, man müsse als Wiesnwirt ein gestandenes Mannsbild sein, kein Weichei. „Lieber ein Lump, als ein Depp“, das habe ihm schon sein Vater beigebracht. Roiderer ist ein gestandenes Mannsbild, keine Frage. Einer, der das fast 10 000 Plätze zählende Hackerzelt und den meist rappelvollen Gasthof in Straßlach samt Metzgerei gleichzeitig bewirtschaftet. Aber die markigen Sprüche täuschen darüber hinweg, dass Roiderer ein sanfter Patriarch ist. Einer, den seine Mitarbeiter respektieren, nicht fürchten. Einer, der ein soziales Gewissen hat. Er investierte zum Beispiel erheblich in den Ausbau der Infrastruktur seiner Heimatgemeinde Straßlach. Anlässlich seines 70. Geburtstags spendet er eine große Summe für wohltätige Zwecke.

Freilich, er kann sich das leisten. Aber er könnte sich stattdessen auch eine Villa auf Mallorca gönnen. 2013 wurde er für sein Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Roiderer wäre nicht Roiderer, wenn er das nicht mit einem Witz kommentiert hätte: „Die vom Bund wissen halt, was ich wert bin.“ Dass ihn die Auszeichnung rührte, ließ er sich nicht anmerken – gefühlige Worte sind nicht sein Ding. Seine Familie zum Beispiel liebt er über alles, auch wenn er das nie so ausdrücken würde. „Das ist im bayerischen Wortschatz nicht vorgesehen.“ Fragt man ihn, wie er seine Frau Christl kennenlernte, witzelt er: „Sie hat das Glück gesucht und gefunden.“ Wie es wirklich war? Da druckst er herum: „Ja, mei....die Christl stammt aus Deining. Ich hab’ sie öfter gesehen und mir gedacht: Fesches Madl.“

Es fällt ihm auch schwer, über den Tod seines Sohnes Markus zu reden, der 2011 im Alter von 33 Jahren an einem Gehirntumor starb. Für den zupackenden Wirt war es unerträglich, seinem Sohn nicht helfen zu können. „Ich hatte viel Glück im Leben, aber das....“ Roiderer schüttelt den Kopf. „Zum Schluss war der Markus so schwach, dass er nicht mal mehr beißen konnte.“ Markus starb zuhause, im Kreis seiner Familie. Die Decke, mit der er sich zudeckte, hat Roiderer noch. Oft drückt er sie an sich und denkt an seinen Lauser, wie er Markus nannte. „Wenn ich nachts oder am Morgen aufwache, ist mein erster Gedanke der Markus.“ Kürzlich ließ Roiderer vor dem nach seinem Sohn benannten „Markus-Hof“ in Straßlach eine Bronzebüste von Markus aufstellen. Manchmal streichelt er ihren Kopf – als sei es der von Markus. „Der Herrgott fragt dich nicht“, sagt er. „Von Abraham hat er auch verlangt, seinen Sohn zu opfern.“

Vor wenigen Monaten ist Roiderer Opa geworden. Toni heißt das Zwergerl, das ihm große Freude macht. Aufs Oktoberfest darf der Kleine noch nicht: „Ein Baby gehört nicht auf die Wiesn!“

Seit zwölf Jahren ist Roiderer Sprecher der Wiesnwirte. Seine Kollegen wählten ihn, weil ihnen sein Vorgänger in den Verhandlungen mit der Stadt zu nachgiebig war – ein harter Hund musste her. Roiderer gilt seit seinem ersten Wiesnjahr als „Chauvi-Wirt“. Zumindest hatte die Abendzeitung ihn 1989 so bezeichnet und ihm Frauenfeindlichkeit unterstellt, nachdem er seine Bedienungen öffentlich „Mistviecher“ genannt hatte. Zuvor hatten sich ein paar von ihnen bei dem Boulevardblatt über ihn beschwert: Er geize bei ihrer Verköstigung mit den Hendln.

Die Angelegenheit schlug Wellen – die Roiderer fast die Konzession gekostet hätten: Die damalige Frauenbeauftragte im Rathaus witterte Chauvinismus hinter dem Ausdruck „Mistviecher“. Der neue Wiesnwirt war ihr ohnehin ein Dorn im Auge, hatte er doch seine Speisenkarten mit vollbusigen Blondinen bedruckt! Sie forderte die damalige Wiesnchefin Gabriele Weishäupl auf, diesen Wirt aus dem Amt zu entfernen.

Roiderer musste zu Kreuze kriechen: Auf Befehl der Frauenbeauftragten ließ er die Dekolletés der Damen auf den Speisekarten verkleinern – und spendete reumütig an die „Aktion gegen Männergewalt“.

Heute sagt Roiderer, die erste Wiesn sei eine seiner schwierigsten gewesen. Die Bedienungen hätten doch sagen können, dass sie mehr Hendl wollten. „Mit mir kann man doch reden!

Bettina Stuhlweissenburg

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