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Wiesn-Gaudi mal neurologisch betrachtet

Wenn unser Gleichgewichtsorgan Kopf steht

München – Wiesn, mal ganz nüchtern. Geht das? Ja! Privatdozentin Dr. Doreen Huppert vom Institut für Klinische Neurowissenschaften der Ludwig-Maximilians-Universität München betrachtet das Oktoberfest aus einem rein neurologischen Blickwinkel.

Sie ist eine von rund 7000 Neurologen, die neue Forschungsergebnisse des Fachs derzeit auf dem Kongress „Neurowoche 2014“ in München diskutieren. Im Interview verrät sie, was es mit dem Schwindel nach einem rauschenden Abend auf sich hat.

-Frau Huppert, fahren Sie gern Karussell?

Eigentlich nicht, ich mag heftige Dreh- und Schleuderbewegungen nicht. Wenn ich auf der Wiesn bin, steige ich lieber in die Zugspitz-Bahn.

-Manche mögen’s wild, sind aber oft nicht ganz schwindelfrei. Was passiert bei denen?

Es wäre möglich, dass sie sich eine der so genannten Bewegungskrankheiten einfangen – zu denen auch die Reise- und Seekrankheit gehören. Dem Betroffenen wird schwindelig, schlecht, man schwitzt, es wird vermehrt Speichel produziert, manche erbrechen. Die Symptome können immer dann entstehen, wenn man passiv transportiert wird: im Auto, auf einem Schiff – oder eben beim Karussellfahren.

-Wie kommt es dazu – neurologisch betrachtet?

Schwindel entsteht, wenn die Gleichgewichtsempfindung gestört wird. Diese kommt vor allem durch das Zusammenwirken des Gleichgewichtssinns im Innenohr und bestimmten Nervengebieten im Gehirn zustande. Außerdem spielen die Augen sowie Meldungen aus Muskeln und Gelenken über die Lage des Körpers eine Rolle. Bei einer Karussellfahrt zum Beispiel melden nun vor allem die Augen und das Gleichgewichtsorgan des Innenohrs Widersprüchliches über die stattfindende Bewegung an unser Gehirn – und das führt zum Schwindel.

-Wie gefährlich ist das?

Ungefährlich – aber unangenehm. Normalerweise verschwindet das Schwindelgefühl nach der Karussellfahrt innerhalb kurzer Zeit.

-Und wenn ich mich länger elend fühle?

Dann könnte eine Bewegungskrankheit vorliegen, die aber in der Regel nach einem Tag abklingt. Selbst die Seekrankheit bessert sich nach drei Tagen, auch wenn man immer noch auf hoher See ist, weil im Gehirn dann eine Anpassung stattgefunden hat. Aber so lange fährt niemand Karussell.

-Rein hypothetisch: Würde man das machen und würden die Symptome von allein abklingen – wäre man für die Zukunft quasi immunisiert?

Nein. Die Anpassung ist leider nur vorübergehend.

-Haben Sie Tipps, wie man dieses Leid etwas lindern kann?

Während der Karussellfahrt die Augen öffnen und den Kopf möglichst ruhig halten.

-Und wenn es mich im Auto oder auf hoher See erwischt?

Da hilft das gleiche Vorgehen, weil dadurch die widersprüchlichen Meldungen von Auge und Gleichgewichtsorgan an das Gehirn verringert werden – also Drehung versus Stillstand. Menschen, die für eine Bewegungskrankheit anfällig sind, können vor einer längeren Autofahrt oder Seereise bestimmte Medikamente, Tabletten oder Kaugummis einnehmen. Zudem gibt es auch spezielle Pflaster, die man sich zur Vorbeugung hinters Ohr kleben kann. Solche Mittel machen aber unter anderem müde – bei kurzen Reizen wie einer Karussellfahrt sind sie nicht zu empfehlen.

-Auf der Wiesn wird ja auch gern mal ein bisschen mehr getrunken ...

Neben vielem anderen kann es dadurch zu einem so genannten alkoholischen Lageschwindel kommen.

-Was ist das?

Wenn man auf dem Oktoberfest Bier trinkt, wird der Alkohol ins Blut aufgenommen und dringt auch in das Gleichgewichtsorgan im Innenohr ein – allerdings dort nicht in alle Bereiche gleich schnell.

-Wie geht es weiter?

Der Alkohol stört das Zusammenspiel verschiedener Teile innerhalb des Gleichgewichtsorgans: Unserem Gehirn wird fälschlicherweise eine Drehbewegung gemeldet – dies führt zu Drehschwindel, Übelkeit, mitunter Erbrechen über einige Stunden, vor allem bei Kopf- und Körperbewegungen. Sinkt der Alkoholblutspiegel wieder, gibt es die zweite Falschmeldung an das Gehirn. Nach etwa zehn Stunden ist der Spuk dann vorbei.

-Abhilfe schafft wohl nur, weniger zu trinken.

Genau.

-Es gibt ja noch den gutartigen Lagerungsschwindel ...

Der hat aber nichts mit Alkoholkonsum zu tun. Das ist die häufigste Schwindelerkrankung. Die kann man überall, nicht nur auf dem Oktoberfest, kriegen.

-Und wie?

Durch ruckartige Kopfbewegungen zum Beispiel. Dabei kann es dazu kommen, dass sich so genannte Steinchen im Gleichgewichtsorgan von ihrem Platz ablösen und in einen der Bogengänge des Gleichgewichtsorgans gespült werden – was zu der fälschlichen Meldung einer Drehbewegung an das Gehirn führt. Das verursacht den Lagerungsschwindel. Im schlimmsten Fall führt danach jede Kopfbewegung zu Drehschwindel und Erbrechen. Die Diagnose sollte ein Neurologe stellen und ein so genanntes Lage-Manöver durchführen.

-Wie funktioniert so ein Lage-Manöver?

Im Prinzip wird der Patient relativ schnell im Sitzen von einer auf die andere Körperseite gelegt, damit das Steinchen dadurch wieder den Bogengang verlässt ...

-Klingt fast nach einer wilderen Karussellfahrt.

(lacht) Nicht ganz. Ich würde jedem dringend davon abraten, das im Selbstversuch zu machen. Zunächst müssen Fachleute herausfinden, welches Gleichgewichtsorgan betroffen ist und dann das entsprechende Manöver machen.

Interview: Barbara Nazarewska

Die Neurowoche 2014 läuft noch bis diesen Freitag. Das Programm gibt es online: www.neurowoche2014.org

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