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Bürger haben gesprochen: Es ist vorbei

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Olympia 2022: Die Gegner feiern im Stemmerhof © Klaus Haag

München - Enttäuschung bei den Befürwortern, Jubel bei den Gegnern: Mit einer so deutlichen Ablehnung der Olympia-Bewerbung hat im Vorfeld kaum jemand gerechnet.

Für viele ist klar: In den nächsten Jahrzehnten wird es keine Spiele mehr in der Region geben.

Schluss. Aus. Vorbei. Es ist 19.26 Uhr, als Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) eine Seitentreppe des Kreisverwaltungsreferats hinabschreitet und mit starrem Blick ein Rednerpult ansteuert. Eine Horde Fotografen, Kameraleute und Journalisten staubt auseinander, bildet eine Gasse, als wolle man dem OB im Moment der Niederlage nicht zu nahe treten. Ude läuft an ihnen vorbei. Es wird still. „Wir haben eine klare Niederlage erlitten“, hebt Ude an. „Daran gibt es überhaupt nichts zu deuteln.“ Die Bemühungen um die Winterspiele „sind mit heute Abend beendet“. Punkt.

Der Live-Ticker zur Olympia-Entscheidung zum Nachlesen

Es gibt keine Hintertür. Dafür hat das Volk viel zu deutlich gesprochen. Der OB, gerade aus dem Urlaub auf Mykonos zurückgekehrt, bemüht sich um ein Lächeln. Es fällt ihm schwer. „Ich bedaure das Ergebnis zutiefst“, sagt er ins Mikrofon. Am Konzept für das bayerische Wintermärchen habe es nicht gelegen. Die „zunehmend kritische Einstellung gegenüber Sport-Großereignissen“ sei es gewesen. Die Diskussionen um Katar und Sotschi – die umstrittenen Austragungsorte der Fußball-WM 2022 und der Winterspiele 2014 – hätten das Denken der Menschen verändert. Bitter sei das. Aber nicht zu ändern.

Olympia 2022: Die Gegner feiern im Stemmerhof

In Garmisch-Partenkirchen starren sie den halben Abend auf den „Ja“-Balken auf den Bildschirmen. Er wächst nicht, verharrt bei 48-Komma-irgendwas Prozent. „Weißt ja: ,Die Hoffnung stirbt zuletzt’“, sagt Christian Neureuther in sein Handy, der Sportstar ist einer der führende OlympiJa-Vertreter. Es ist teilweise so still im Rathaus, dass man jeden Satz mithören kann. In den Behörden-Räumen, wo sich allerorten überwiegend die Befürworter versammelt haben, ist die Stimmung gedrückt. Auch in Traunstein. „In Oslo werden jetzt die Sektkorken knallen“, sagt ein sichtlich enttäuschter Landrat Hermann Steinmaßl. Oslo, Norwegens Hauptstadt, gilt nun als großer Favorit für die Vergabe der olympischen Winterspiele in zwei Jahren. Im Landkreis Traunstein war die Ablehnung mit fast 60 Prozent am größten.

Auch am vierten möglichen Austragungsort, im Berchtesgadener Land, ist die Sache klar: 54 Prozent lehnen die Bewerbung ab. „Natürlich bin ich enttäuscht, aber es ist jetzt, wie es ist“, sagt Landrat Georg Grabner. „Den Gegnern ist es offensichtlich gelungen, mit ihren Argumenten wie Umweltzerstörung und Schuldenberge zu mobilisieren. Uns ist es nicht gelungen, die Befürworter ausreichend zu mobilisieren.“

Bilder aus dem Kreisverwaltungsreferat München

Die Gegner werden von ihrem deutlichen Erfolg selbst überrascht. Noch um kurz vor 18 Uhr tippelt Katharina Schulze im „Stemmerhof“ in München-Sendling von einem Fuß auf den anderen. Sie sei „schon sehr aufgeregt“, sagt die junge Münchner Grünen-Chefin. Sonntagmittag hat sie noch ihre Wohnung gestrichen – um sich abzulenken. Ob 40 oder 45 Prozent nicht vielleicht auch ein Erfolg sein könnten? Doch, doch, Schulze lässt sich schon vor den ersten Zahlen auf die These ein, die Politiker so gerne nach Wahlniederlagen führen. Ein solches Ergebnis, glaubt sie, könne auch ein Zeichen an das IOC sein, dass viele Menschen in Oberbayern die Spiele nicht wollen. Dass es am Ende viel mehr sind, ahnt sie nicht.

Bei den Befürwortern beginnt unterdessen die Fehleranalyse. Viele sind ratlos. „Es ist mal wieder eine schweigende Mehrheit, die ihre Stimme nicht abgibt“, sagt die junge Berchtesgadener Landtagsabgeordnete Michaela Kaniber, die laut schreiende Minderheit habe sich durchgesetzt. Nur 29 Prozent haben zum Beispiel in München abgestimmt. Sie steht geknickt im Landratsamt, die Ergebnisse tröpfeln ein, von Minute zu Minute wird klarer: Aus der Traum. „Ich muss das erst mal sacken lassen“, sagt die CSU-Politikerin. Kaniber ist neu in der Politik, aber sie weiß auch: Bei diesem klaren Ergebnis lohnt sich der Gedanke an ein Hintertürchen, ans „Vielleicht-geht’s-ja-doch“, gar nicht erst: „Ich glaube nicht, dass sich jemand den Schuh anzieht und über die Bürger hinweg entscheidet.“

Andere lassen auch mal ihren Frust raus nach der Niederlage. „München ist einfach satt“, raunzt Daniel Föst – der Mann ist Münchens FDP-Chef. „Bierdimpfl-Kronawitter-Hausen bleibt erhalten“, urteilt sein Parteifreund Rainer Stinner über die Stadt.

Viele CSUler denken leise ähnlich. Wie es passieren kann, dass eine Riesen-Koalition aus CSU, SPD und Freien Wählern mit viel Geld und Promis für ein Projekt wirbt und dann doch so klar damit scheitert, dürfte auch ein Polit-Nachspiel haben. Für die Staatsregierung ist es der erste Kratzer nach der Wahl. Gerade die CSU-Mehrheit darf diese Woche im Landtag mit manch Spott – vor allem der grünen Abgeordneten – rechnen. Die massive Pro-Kampagne habe den Befürwortern am Ende vielleicht sogar geschadet, spekuliert Florian Roth, Chef der Grünen-Fraktion in München. „Die Menschen fühlten sich bevormundet, als auch noch eine Ansage in der S-Bahn ihnen vorschreiben wollte, was sie zu wählen haben.“

Die Verlierer sind auf jeden Fall die Sportler. „Das Ergebnis stimmt uns traurig“, sagt Alfons Hörmann, der DOSB-Präsident. „Das ist eine Klatsche, wie ich sie im Leben nie erwartet hätte, ein 0:4 Debakel“, stöhnt der frühere Skisprung-Star Sven Hannawald. Und Pat Cortina, der Eishockey-Bundestrainer und Italo-Kanadier, sagt halb im Spaß einen eigentlich bitteren Satzfetzen: „Too much democracy.“ Zu viel Demokratie, findet er zumindest, kann manchmal eben auch hochfliegende Träume beenden.

tom/fm/pv/cd/gük/db/prei

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