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Der Orgel-Fred (64) - Drehorgel-Spieler auf der Auer Dult

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München - Die meisten Musiker würde es stören, wenn ihnen ein ganzes Rudel Kinder die Zunge rausstreckt. Der Orgel-Fred genießt`s: Es sind die Ovationen seiner Fans. Auf seiner Drehorgel am Rand der Dult hockt ein Plüsch-Äffchen. Zieht der Fred am Hebel, derbleckt der Affe die lauschenden Knirpse.

Die machen das jauchzend nach. Und tanzen dabei zu Klängen, die voll Sehnsucht nach alten Zeiten aus Freds Orgelpfeifen strömen.

"Magst' auch mal drehen?" Der Fred hat mich ertappt, wie ich verträumt auf seine Orgel starre. "Geh' halt her", ermutigt er mich. Drehorgeln wollte ich schon immer mal! Ich greife nach der eisernen Kurbel und stelle fest: Sie geht verdammt schwer.

Zwei Minuten kurbeln und mein Arm macht schlapp. Fred grinst: "Gell, des is' Knochenarbeit." Gnädig übernimmt er das Steuer. Fred kurbelt zehn Stunden am Tag - fast ohne Pause. "Sonst verdien' i nix." Mit der Orgel zieht der Münchner umher - bis Frankreich und Belgien. "Seit 38 Jahr'!"

Unfassbar. Was hat ihn angekurbelt, all die Jahre? Er lacht. "Des is des schenste, wo's gibt." Zum einen, sagt der Fred, ist's die Musik. "I bin a Orgel-Fan. Horch mal: Des Zusammenspiel der Klangfarben, dieses Scherzando - koa Klavierspieler der Welt kann des." Als Bub entdeckte er seine Liebe. "Wenn irgendwo a Drehorgel war, bin i ausbüxt, um zu lauschen. Wenn der Orgelspieler gsagt hätt: ,Kimm mit! - i wär mit dem um die ganze Welt g'reist!"

Doch Melodien wären nichts ohne Menschen. "Alte Leut' sind oft gerührt, wenn's bei mir a Liadl aus ihrer Kindheit hören." Einmal brach eine Seniorin in Tränen aus. Sie erzählte: "Das war das Lieblingslied von meinem Mann." Der war kurz zuvor gestorben, sie unterwegs zum Grab. "Und Sie spielen ihm an letzten Gruß! Recht schönen Dank." Der Fred wird ernst. "Des berührt mi."

Am wichtigsten sind ihm seine kleinsten Zuhörer. "Schau mal." Gerade gucken zwei Buben vergnügt dem Affen zu, ein Mädchen wirft stolz ein Fuchzgerl in Freds Schachtel. "Die Freude in ihren Augen - die macht's Leben lebenswert." Man könne das nicht beschreiben. "Das muss man mit den Augen registrieren - und mit dem Herzen erleben." Manchmal, gesteht Fred, ringt er selber mit den Tränen. Und ich begreife jetzt, warum er Orgel spielt. Weil er für 38 Jahre Kurbeln belohnt wird - sobald ein Kind ihm strahlend die Zunge rausstreckt.

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