Hessen-Prinz von Polizei entlastet

München - Nach einer ungewöhnlichen Gegenüberstellung bekommt der vermeintliche Raser einen Freispruch vor Gericht.

Prinz Otto, 45-jähriger Spross aus „Europas ältestem Fürstenhaus“, war angeklagt, als Temposünder im VW Tuareg auf einen Polizisten zugehalten zu haben, um flüchten zu können. Der Fahrer entkam tatsächlich - aber war es der Prinz?

Gegenüberstellungen eines Belastungszeugen mit einer Reihe von Vergleichspersonen, darunter der Verdächtigte, finden gewöhnlich lange vor dem Prozess statt. Nicht so im Fall des Prinzen Otto der auch als Landgraf von Hessen firmiert.

„Dem Angeklagten wird gestattet, vorerst nicht auf der Anklagebank Platz zu nehmen“, leitete Amtsrichterin Ute Bader gestern die Verhandlung ein. Der blaublütige Manager von vier Mc-Donalds-Restaurants hatte gegen einen Strafbefehl über 3600 Euro wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr, Nötigung und neun Monate Führerscheinsperre Einspruch eingelegt. Prinz Otto soll am 10. Januar auf einer Straße im Münchner Osten Tempo 96 statt der erlaubten 60 gefahren sein. Er sei mit Vollgas auf einen kontrollierenden Polizeibeamten zugefahren und habe ihn zu einem Sprung auf die Seite gezwungen, so der Vorwurf.

Der Fahrer des teuren Geländefahrzeugs habe seinen Wagen zunächst auf Schrittgeschwindigkeit gedrosselt, aber beim Anblick der Messvorrichtung Vollgas gegeben, erinnert sich der Polizist Horst E. Ein Sprung zur Seite rettete ihn: „Es war Schneematsch, wenn ich ausgerutscht wäre, hätte er mich erwischt.“ Den Fahrer beschreibt er als Mitte vierzig, „gräulich meliert, eher etwas dunkler“.

„Schauen Sie sich die Herren da hinten mal an“, ermuntert ihn die Richterin. E. zögert lange, deutet dann auf einen „gräulich melierten“ Brillenträger im Publikum.

Unverzüglich erhebt sich der strahlend blonde Bartträger Otto von Hessen und schreitet zur Anklagebank. „Er war es definitiv nicht,“ so der Polizist, „der Fahrer hatte keinen Bart, Haarfarbe und Frisur waren völlig anders“. Der Prinz ist Halter des Fahrzeugs. Identifiziert hat ihn der Zeuge seinerzeit nur anhand eines verschwommenen Fotos aus einem früheren Verfahren gegen den Angeklagten. Unter diesen Umständen konnte das Urteil nur auf Freispruch lauten.

Anwalt Wolfgang Hammerle kritisierte die Staatsanwaltschaft: Sie hätte besser daran getan, frühzeitig eine Gegenüberstellung anzuordnen.

Sarah List

Auch interessant

Kommentare