Das Haus im Hasenbergl soll generalsaniert werden. Es stammt aus den Jahren 1961/62
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Das Haus im Hasenbergl soll generalsaniert werden. Es stammt aus den Jahren 1961/62.

70 Wohnungen am Hasenbergl

Mitten in Corona-Krise: Entmietungs-Hammer in München - Jetzt berichten Betroffene von „großem Zwischenerfolg“

  • Katrin Hildebrand
    vonKatrin Hildebrand
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Ein Sechzigerjahrebau in München soll saniert werden. Viele sozial schwache Mieter müssen auf Betreiben der WSB Bayern schon bald ausziehen – und das mitten in der Corona-Pandemie.

  • Obwohl sich die Politik angeblich um Besserung bemüht, ist in München* kein Ende der Wohnungsnot in Sicht.
  • Im Norden der Stadt im Hasenbergl sollten zahlreiche Mieter aufgrund einer Sanierung weichen.
  • Die Bewohner der Paulckestraße 3 und 7 können aufatmen - sie dürfen bleiben (siehe Update vom 4. Februar, 20.51 Uhr).

Update vom 4. Februar, 20.51 Uhr: Paulckestraße: Wie berichtet sollten die Bewohner zweier hoch sanierungsbedürftiger Abschnitte eines Häuserblocks der Wohn- und Siedlungsbau Bayern (WSB) am Stanigplatz im Hasenbergl ihre Wohnungen verlassen. Doch die etwa 30 von Entmietung bedrohten Anwohner bekamen gewichtige Rückendeckung. 25 Münchner Vereine, Gewerkschaften und Einrichtungen haben einen offenen Brief der Münchner Initiative „Ausspekuliert“ unterzeichnet, der die Vorgehensweise der WSB hart anprangert. „Ich bin erleichtert“, sagt Sven Koradi, einer der betroffenen Bewohner der Apartment-Wohnungen und Vorsitzender der Mietergemeinschaft Paulckeblock.

Münchner Mieter siegen: „Es ist Herrn Doblinger bewusst geworden, dass er sich nicht alles erlauben kann“

Durch Vermittlung des Münchner Mieterbeirats und des Bezirksausschusses (BA) Feldmoching-Hasenbergl sowie durch das Engagement des Bundestagsabgeordneten Florian Post (SPD) kam es am Mittwoch zu einem Treffen zwischen Alfons Doblinger, Chef der Doblinger Unternehmensgruppe, zu der die WSB gehört, Mietervertretern, Mieterbeirat und BA-Chef Rainer Großmann (CSU). „Das Gespräch ist sehr gut gelaufen“, fasst Gabriele Meissner, Vorsitzende des Mieterbeirats und BA-Mitglied (SPD) zusammen.

„Es ist Herrn Doblinger bewusst geworden, dass er sich nicht alles erlauben kann.“ Die WSB, der in München ca. 13 660 Wohnungen gehören, hatte im Herbst 2020 den Bewohnern zweier Abschnitte des Blocks am Stanigplatz mit den Adressen Paulckestraße 3 und 7 mitgeteilt, dass sie Ende März ihre Bleibe wegen Sanierungsarbeiten verlassen müssten (wir berichteten). Für den Auszug bot die WSB zwischen 3000 und 8000 Euro.

Von Ersatzwohnungen war keine Rede. Auch nicht davon, dass die Mieter nach der Sanierung wieder einziehen dürften. Bedingt durch den Druck des Mieterbeirats, der Initiative Ausspekuliert und des BA will die WSB den Mietern nun garantieren, dass sie nach Abschluss der Bauarbeiten wieder in ihre Wohnungen ziehen dürfen. Die Sanierung soll frühestens im November 2021 beginnen. Außerdem will die WSB, entgegen bisherigen Ankündigungen, Ersatzwohnraum stellen sowie alle Umzugskosten übernehmen.

„Die Nachrichten sind ein großer Zwischenerfolg und zeigen, dass sich Widerstand lohnt“, sagt Christian Schwarzenberger von Ausspekuliert. Da die WSB vermutlich zunächst den Abschnitt Paulckestraße 7 in Angriff nehmen will, könnten einige Mieter vorübergehend in Haus 3 umziehen. Dort nämlich stehen bereits Wohnungen leer. Laut Anwohnern verließen zahlreiche Mieter das Haus, kurz nachdem die Sanierung angekündigt worden war.

„Wir fordern weiter, dass es keine Mieterhöhungen nach der Sanierung geben darf““

Noch vor dem jetzigen Einlenken des Immobilienkonzerns, dessen Chef Alfons Doblinger in einem Brief von einem „große(n) Missverständnis“ schreibt, hatte Ausspekuliert einen offenen Brief an Doblinger entworfen – und darin das Gebaren des Unternehmens heftig kritisiert. Unterschrieben haben den Brief unter anderem der Mieterbeirat, weitere Mieterbündnisse, die Zeitschrift „Biss“, der DGB Region München, zahlreiche Einzelgewerkschaften sowie Initiativen, die sich für ein soziales München einsetzen.

Am Freitagvormittag will Ausspekuliert das Schreiben nun offiziell der WSB überreichen. Denn obwohl die WSB der Mietergemeinschaft nun entgegenkam, sind einige Fragen noch ungeklärt: „Wir fordern weiter, dass es keine Mieterhöhungen nach der Sanierung geben darf“, sagt Pressesprecher Christian Schwarzenberger. Denn nach Angaben des Mieterbeirats will die WSB die Wohnungen Paulckestraße 3 und 7 nicht nur sanieren, sondern auch modernisieren. Das könnte für die Bewohner teurer werden. Gabriele Meissner sagt: „Die Mieter müssen in die Modernisierung einwilligen. Und nicht jede Modernisierung darf auf die Mieter abgewälzt werden. Sollte es zu gewaltigen Mieterhöhungen kommen, werden wir wieder einen Aufstand machen.“ Die SPD will dem BA Feldmoching-Hasenbergl demnächst einen Antrag auf Erhaltungssatzung fürs Hasenbergl vorlegen.

Mitten in Corona-Krise: Entmietungshammer in München! - Politik reagiert: „Die Zeit drängt“

Update vom 21. Januar, 17.49 Uhr: Es geht um ein großes Sanierungsprojekt – doch die Umbaupläne des Unternehmens WSB könnten im Hasenbergl dafür sorgen, dass Menschen aus 70 Wohnungen auf der Straße stehen und nach der Sanierung nicht zurück in ihr Heim können! Gestern hatte die tz über den Entmietungshammer in der Paulckestraße berichtet (siehe unten).

Jetzt wird die Politik aktiv. Die Stadtratsfraktion der Linken beantragt eine Erhaltungssatzung für das nördliche Hasen­bergl. Damit könne die „fortschreitende Verdrängung“ von Mietern durch die drei großen privaten Wohnungsunternehmen des Viertels – WSB Bayern, Dawonia und Südhausbau – gestoppt werden. Die Linke fordert in dem Antrag: Ein Ausverkauf durch eine Umwandlung in Eigentumswohnungen gelte es, zu verhindern. „Die Zeit drängt, die Menschen im Hasenbergl durch eine Erhaltungssatzung zu schützen“, sagt Fraktionsvorsitzender Stefan Jagel. Die Stadt müsse handeln: „Die Beispiele machen deutlich, dass die Wohnungen in den falschen Händen sind. Wo einzig der Profit bestimmt, zählt der Mensch nur wenig.“

Dabei sind gerade die Menschen im Hasenbergl auf ihr Zuhause angewiesen. „Hier wohnen viele Härtefälle“, sagte Sven Karadi, Vorsitzender der Mietergemeinschaft Paulckeblock, gegenüber der tz. Arme und kranke Menschen, die sich schlichtweg keine teurere Wohnung leisten können. Für einen Auszug bis Ende Januar hat die WSB den Betroffenen 5000 Euro geboten. Wer bis Ende März geht, bekommt noch 3000 Euro. 

Mitten in Corona-Krise: WSB Bayern schmeißt ganzen Block Mieter aus ihren Wohnungen - „Typische Masche“

Unsere Erstmeldung vom 20. Januar: München - Zwei Apartment-Häusern im Hasenbergl droht die Entmietung – und das mitten in der Pandemie. Langfristig soll ein ganzer Baublock am Stanigplatz saniert werden. Die Bewohner von zwei Trakten mit Ein-Zimmer-Wohnungen sind zuerst dran. Sie sollen bis Ende März raus. Betroffen sind rund 70 Wohnungen an der Paulkestraße 3 und 7.

„Hier wohnen viele Härtefälle“, sagt Sven Karadi, Vorsitzender der Mietergemeinschaft Paulckeblock. Körperlich Kranke, psychisch Kranke und Menschen, die sich schlicht keine andere Wohnung leisten können. Müssen die Mieter wirklich gehen, droht einigen von ihnen die Obdachlosigkeit. „Der Wohnungsmarkt in München ist leergefegt“, sagt Karadi. „Außerdem befinden wir uns in einer Pandemie.“ Wie Karadi selbst auf Nachfrage erfahren hat, sollen die Mieter nach der Sanierung nicht zurückkehren dürfen. Es ging das Gerücht um, dass die Apartments in Zwei-Zimmer-Wohnungen umgebaut würden. Das aber hat die WSB Bayern auf tz-Nachfrage dementiert.

München: Umbau im Hasenbergl stellt viele Mieter vor Probleme - „Eine Menge Misstrauen“

Kürzlich lud der Bezirksausschuss (BA) Feldmoching-Hasenbergl den Chef der Eigentümerin, der Wohnungs- und Siedlungsbau Bayern (WSB), Alfons Doblinger, in eine Sitzung ein. „Während des Umbaus kann man dort nicht wohnen“, sagte er dort. „Wir haben Briefe an die Mieter geschrieben, uns um Gespräche bemüht. Eine Menge an Misstrauen kam uns entgegen.“ Nun wolle die WSB die Betroffenen so bald wie möglich aufklären.

Der erste Schockbrief der WSB erreichte die Mieter im September. „Wir möchten die Paulckestraße 1-9 als Sanierungsobjekt angehen“, hieß es darin. Betroffen seien zunächst die Häuser 3 und 7. Laut einem weiteren Schreiben würden die anderen Trakte wohl erst in zehn bis 15 Jahren saniert – die Mieter hier könnten während der Arbeiten in den Wohnungen bleiben.

Ein Sprecher erklärte, dass in den Häusern 3 und 7 „die Arbeiten nicht im bewohnten Zustand durchgeführt werden können. Ein zeitnaher Beginn wäre von Vorteil, da Firmen derzeit freie Kapazitäten haben.“ Die Arbeiten sollen zehn Monate dauern.

Laut erstem Infobrief unterstützt die Immobilienfirma die Mieter bei der Wohnungssuche, die in München bekanntermaßen schwierig ist. Für einen Auszug bis Ende Januar bot die WSB Mietern 5000 Euro, bis Ende März 3000 Euro. Einige sind bereits gegangen. Temporäre Ersatzwohnungen könne man nicht anbieten, sagt der Sprecher. Die WSB, die in München laut Website 13.660 Wohnungen hat, verfüge nicht über genügend freien Wohnraum.

München Hasenbergl: „Das ist eine typische Masche“ - Will die WSB Bayern nur Mieter loswerden?

Christian Schwarzenberger von der Bürgerinitiative Ausspekuliert, die für Münchens Mieter kämpft, erklärt: „Meines Erachtens will man die Leute loswerden. Das ist eine typische Masche. Man spart über Jahre an der Instandhaltung, bis das Haus saniert werden muss.“ Mittlerweile ist das Gebäude in einem desolaten Zustand. Sven Karadis Wohnung ist besonders betroffen. „Bei mir wurde vor meinem Einzug vor elf Jahren nicht renoviert“, sagt er. Errichtet wurde das Gebäude 1961/62. Laut WSB befindet es sich noch im Ursprungszustand. Für Karadi bedeutet das: Die Fenster sind undicht, oft muss er nachts heizen, um nicht zu frieren. Sobald die Heizung läuft, wird es aber laut. „Seit über zwei Jahren bemängele ich das und man hielt mich mit Briefen hin.“

Wie Schwarzenberger will auch Gabriele Meißner (SPD) vom BA Feldmoching-Hasenbergl den Mietern helfen. Sie ist Vorsitzende des Mieterbeirats und fordert ein Treffen mit der WSB und Vertretern der Mietergemeinschaft, außerdem verlangt sie Ersatzwohnungen. Und: Die WSB müssse den Betroffenen die Umzüge zahlen.

Münchner Mieterverein: „Der Egoismus treibt weiter seine Blüten“ - trotz Corona

Rausschmiss von Mietern in der Corona-Krise* – leider in München keine Seltenheit, sagt Volker Rastätter, Geschäftsführer des Mietervereins München. Es gebe Fälle von tatsächlich vorhandenem Eigenbedarf und solche , bei denen sich den Mieterschützern vom Mieterverein der Eindruck aufdrängt, dass die Vermieter die Wohnung nur teurer wiedervermieten wollen. „Der Egoismus treibt weiter seine Blüten“, fasst Rastätter zusammen. „Wir als Mieterverein handeln in vielen Fällen längere Auszugsfristen heraus.“

Den Mietern an der Paulckestraße rät Rastätter: „Unterschreiben Sie ohne juristischen Rat keine Vereinbarung, dass Sie ausziehen, denn der Markt für bezahlbare Wohnungen in München ist leergefegt. Es kann passieren, dass diese Mieter auf der Straße landen.“ Wichtig ist auch: Die Schreiben an die Mieter sind keine Kündigung. Die Mieter haben das Recht, einen Ersatzwohnraum vom Vermieter für die Zeit der Arbeiten bezahlt zu bekommen. Er muss diesen allerdings nicht für sie finden. Da der Vermieter in diesem Fall über eine Vielzahl von Wohnungen verfügt, appelliert der Mieterverein München an ihn, Ersatzwohnungen aus dem Bestand anzubieten. Nach Abschluss der Arbeiten muss es den Mietern ermöglicht werden, wieder in ihre Wohnungen einzuziehen. Der Vermieter könne jedoch unter Umständen die Miete erhöhen nach den Arbeiten. Aber auch hier gelten strenge Regeln. *tz.de ist ein Angebot des Ippen Digital Netzwerks

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