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Sie wissen nicht, wie es weitergehen soll: Die Geschäftsleute aus der Ladenzeile an der Maximilian-Kolbe-Allee müssen raus. 

Shoppen oder Wohnen?

Münchner Ladenbesitzer packt die Existenzangst: Sie sollen Platz für neue Wohnungen machen

München: Toll, wenn in der bayerischen Landeshauptstadt der so dringend benötigte Wohnraum geschaffen wird, dumm nur, wenn dadurch andere vertrieben werden und Gefahr laufen, ihre Existenz zu verlieren. So soll in Neuperlach-Süd eine Reihe von Gewerbetreibenden ihre Geschäfte bald schließen.

Lotto- und Schreibwarenladen, Blumengeschäft, Fahrschule, Bäcker, indischer Imbiss, Friseur, Kosmetikstudio: Das alles gibt’s in der Ladenzeile an der Maximilian-Kolbe-Allee in Neuperlach-Süd. Noch! Aber schon bald müssen die Ladenbesitzer raus. Auf einer Straßenseite haben alle die Kündigung bekommen - mit sechs Monaten als Frist. Die Geschäftsleute sind geschockt, bei fast allen geht es um die Existenz.

 „Wir stehen mit dem Rücken an der Wand, der Traum von der Selbstständigkeit ist vorbei“, sagt Christine Niedermeier. Vor elf Jahren hat sie den Blumenladen übernommen. Vor Weihnachten kam die Kündigung. Seitdem erlebt sie, dass es „so gut wie unmöglich ist, einen passenden kleinen Laden zu finden“. 

Shahbaz Butt hat andere Probleme. Zwei Jahre lang habe er viel investiert, aber sein Imbiss hat nur Verlust gemacht. Jetzt, wo’s einigermaßen läuft und er davon leben kann, soll er raus. „Bei mir ist alles verloren, ich gehe mit Schulden und mache mir große Sorgen um die Zukunft“, sagt der Vater von vier Kindern. 

Auch Peter Zellner, der den Schreibwarenladen betreibt, geht es gerade nicht sehr gut. „Ich bin seit 31 Jahren hier, habe zu 90 Prozent Stammkunden. Ich weiß nicht, wo ich jetzt hin soll.“ Seine Wohnung muss noch abbezahlt werden, aber ohne Geschäft schaut’s schlecht aus. 

Auslöser für die Nöte der Gewerbetreibenden sind die Pläne des Hauseigentümers, das Gebäude aufzustocken. Die bestehende dreigeschossige Bebauung soll um zwei weitere Vollgeschosse mit 38 zusätzlichen Wohnungen ergänzt werden. Doch der gültige Bebauungsplan deckt die neuen Etagen nicht ab - man braucht eine Befreiung. Was wiederum einen 40-Prozent-Anteil an gefördertem Wohnraum für das zusätzlich gewährte Baurecht auslöst. 

Im Vorbescheid vor eineinhalb Jahren hat die Stadt die Befreiung in Aussicht gestellt. Nun wurde der Bauantrag eingereicht. „Was jetzt passiert, ist fatal“, findet Wolfgang Thalmair (CSU), Planungsexperte im Bezirksausschuss (BA) Ramersdorf-Perlach. Neben der Aufstockung gehört zum Bauantrag auch der Umbau der Läden zu 19 Wohnungen: „Der Bauherr schafft den günstigen Wohnraum offenbar dort, wo es für ihn unattraktiv ist.“ Das sei nicht verboten, trotzdem will der BA die Pläne stoppen. 

Praxen und Läden sollen erhalten bleiben, heißt es in einem Dringlichkeitsantrag an die Lokalbaukommission (LBK). Man müsse das engmaschige Netz an Infrastruktur in Neuperlach-Süd erhalten. Der Investor sieht kein Problem. Nachverdichtungen gehörten zu den erfolgversprechendsten Mitteln zur Verbesserung der Wohnungsnot, heißt es. Damit verbundene strukturelle Veränderungen ließen sich „bedauerlicherweise nicht ganz vermeiden“. 

Die Nahversorgung für die Anwohner sieht man durch den Umbau nicht in Gefahr. Durch den Einzelhandel im gegenüber liegenden Gebäude sei eine gut funktionierende und vielfältige Versorgung gewährleistet. Die frühzeitige Information soll den gekündigten Gewerbetreibenden „einen möglichst reibungslosen Umzug“ ermöglichen. 

Laut Kündigungsschreiben sollen die Baumaßnahmen im nächsten Jahr beginnen. LBK-Pressesprecher Ingo Trömer sagt aber, im Vorbescheid sei nichts über die Nutzungsänderung der Ladenflächen gestanden. Es sei also noch nichts entschieden.

Carmen Ick-Dietl

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