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Droht Riem die Ghettoisierung?

Kriminalität und Armut in Riem

Wird die Messestadt zum sozialen Ghetto?

München - Die Messestadt Riem ist der zweitjüngste Stadtteil Münchens. Eine Untersuchung der Stadt macht nun deutlich, dass es in dem Neubauviertel diverse soziale Probleme gibt. Fazit der Analyse: Ändert sich nichts, droht das Viertel zum Ghetto zu werden.

Rund 15 Jahre ist es her, da wuchsen auf dem Gelände des 1992 stillgelegten Flughafens im Münchner Osten die ersten Wohnblocks in die Höhe. Bald wird mit dem vierten von fünf Bauabschnitten begonnen, am Ende sollen in der Messestadt rund 16 000 Menschen leben.

Angekündigt gewesen sei ein „sozialdemokratisches Musterstadtviertel“, sagt CSU-Stadtrat Georg Kronawitter. „Heute wird das Viertel immer nur problematisch dargestellt.“ Im Juni 2012 stellte Kronawitter einen Antrag. Die Stadt solle Erkenntnisse zur Messestadt liefern – um bei künftigen Siedlungsprojekten, etwa in Freiham, Fehler zu vermeiden.

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Die Ergebnisse, die aus drei verschiedenen Untersuchungen hervorgehen – und die Reaktionen aus der Politik und von Anwohnern – zeigen, dass in dem Neubauviertel an vielen Stellen Schieflagen existieren:

Wohnen/Nachbarschaft:

Der Anteil von Sozial- und Belegrechtswohnungen liegt in der Messestadt 684 Prozent über dem Stadt-Durchschnitt. In manchen Ecken des Viertels gibt es bis zu 75 Prozent geförderten Wohnungsbau. Das führt zu „großen sozialen Spannungen“, so die Analyse. Eine ausgewogene Belegung sei notwendig, um einer „sonst zwangsläufigen Ghettoisierung“ entgegenzuwirken. Die Architektur werde von Teilen der Bewohner als „trostlos“ empfunden. Und: Die Bauweise der Häuser führe zu Streitigkeiten. „Die Hellhörigkeit der Wohnungen begünstigt das Entstehen massiver Nachbarschaftskonflikte.“

Bewohner:

Von den 12 484 Bewohnern (Dezember 2011) haben 60,3 Prozent einen Migrationshintergrund. In der Messestadt leben Menschen aus 111 Nationen. Der Anteil der Haushalte mit Kindern liegt 300 Prozent über dem Durchschnitt. Zudem gibt es doppelt so viele Familien mit fünf oder mehr Kindern wie im Schnitt der anderen Viertel.

Armut und Krankheit:

In der Messestadt beziehen überdurchschnittlich viele Menschen Hartz IV. Jeder dritte Krankenhausaufenthalt von Kindern geht auf psychische Probleme zurück. Auch alleinerziehende Mütter haben oft mit psychischen Problemen zu kämpfen. Ein Angebot für die psychiatrische Versorgung gibt es aber vor Ort nicht.

Kriminalität:

Es gibt aktuell „viele Delikte strafunmündiger Kinder“. Der Anteil Jugendlicher werde in den kommenden Jahren massiv steigen, es brauche „rasch Konzepte zur Prävention und zum Umgang mit straffälligen Jugendlichen“.

Infrastruktur:

In der Messestadt gibt es zu wenige Kita- und Hort-Plätze, eine weiterführende Schule fehlt. Einkaufsmöglichkeiten sind nur begrenzt vorhanden, der nächste Discounter ist in Feldkirchen, was vor allem Senioren und Kranke vor Probleme stellt. Die Versorgung mit Ärzten im Stadtteil ist mangelhaft. Das vorhandene Jugendzentrum „Quax“ ist überlastet.

Das sagen Politiker:

Riem sei grundsätzlich „ein neuer Stadtteil mit guter Infrastruktur“, sagt Sozialreferentin Brigitte Meier (SPD). Mit einigen Maßnahmen müsse nachgesteuert werden, aber unter den gegebenen Voraussetzungen sei es „ein gelungener Stadtteil“. Die Untersuchung habe auch ergeben, dass „die meisten gern in Riem wohnen“, sagte SPD-Stadtrat Christian Müller. Die Analyse sei eine gute Grundlage, um „jetzt differenzierter an die noch zu errichtenden Viertel heranzugehen“. Wo viele Menschen zusammenkämen, dauere es immer, bis sich etwas entwickle, betonte Jutta Koller (Grüne). „Wir reden Riem wirklich schlecht!“

Das sagen Anwohner:

Zu wenige Einkaufsmöglichkeiten – das ist für Susanne Hayenmaier eines der größte Probleme. „Für jede Flasche Milch renne ich in die Riem Arcaden.“ Dort ist der einzige Supermarkt der Gegend. „Für Familien mit Kindern ist das hier allerdings ideal“, sagt die junge Mutter, „später muss man sich vermutlich etwas anderes überlegen.“ Tagesmutter Irmgard Augenstein sieht soziale Probleme in der Gegend. „Hier sind einfach zu viele Menschen auf einem Haufen“, findet sie. Selbst kleine Kinder seien oft schon auffällig. „Im Moment ist es noch okay, aber was ist in 10 Jahren? Ich überlege wegzuziehen.“ René Barthelts Resümee fällt positiver aus. Den Schulmangel beurteilt er allerdings kritisch. „Die örtliche Grundschule ist hoffungslos überlaufen.“ Auch Kinderärzte suche man vergeblich. Architektin Monika von Rymon Lipinski sieht das Problem auch aus professioneller Sicht. Sie selbst wohnt hier zwar nicht, kennt die Gegend aber gut, da ihr Kind hier zur Tagesmutter geht. „Was hier fehlt, ist vor allem eine gute Mischung aus Büros, Wohnungen und anderer Infrastruktur wie Cafés.“

„Wir bräuchten mehr Stellen und mehr Platz“, sagt Karl-Michael Brand, Geschäftsführer des Echo e.V., der in Riem das Jugendfreizeitzentrum „Quax“ betreibt. Platz für die Einrichtung, die 3000 Jugendliche regelmäßig besuchen – und einen Ort, an dem sich Jugendliche aus dem Viertel ohne Betreuung treffen können. „Ich versuche seit vielen Jahren, so einen Ort zu organisieren – ohne Erfolg“, sagt er.

Caroline Wörmann und Annika Schall

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