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Ulrike Jenni (Mitte) kaufte Windeln und Unterwäsche. Hier spielt sie mit Flüchtlingskindern in der Notunterkunft.

Flüchtlinge

"Flüchtlinge kommen nicht freiwillig"

Die Stadt Waldkraiburg weigert sich, Flüchtlinge aufzunehmen. Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel einer noch neuen Notunterkunft in Trudering – die es ohne die zupackende Hilfe engagierter Bürger gar nicht geben würde.

Heidi tunkt den Pinsel in die Farbe. Dann malt sie Blumen an die Wand. „Krieg ist schlimm“, sagt die Neunjährige. „Man muss sich das mal vorstellen. Die Kinder müssen aus ihrem Zuhause raus, weil es zerstört ist. Ich möchte ihnen helfen. Ich möchte für sie die Wand bemalen, damit sie es nicht so karg haben.“

Heidi und ihre Mama sind nur zwei von zahlreichen Münchnern, die am Sonntag in die Notunterkunft gekommen sind, um sie behaglicher zu machen. Schließlich leben auch 80 Kinder dort. Die Helfer bemalen Wände, spielen mit den Flüchtlingskindern, haben Kuchen mitgebracht.

Die Initiative ging von jungen Juden im Rahmen des Mitzvah Day aus, einem Projekt der Nächstenliebe. Sie kontaktierten die Arbeiterwohlfahrt (AWO), die für die Sozialarbeit in der provisorischen Unterkunft zuständig ist. Die AWO verbreitete den Aufruf – und Nachbarn, Studenten sowie das Fanprojekt der Bayern und der Löwen folgten. Die Initiative zeigt: Flüchlinge sind willkommen. Anders als in Waldkraiburg im Landkreis Mühldorf am Inn und der Gemeinde Hausham im Landkreis Miesbach, die keine Erstaufnahmeeinrichtung wollen (wir berichteten).

Die Notunterkunft in Trudering gibt es erst seit einem Monat. 350 Menschen leben hier – Familien aus Afghanistan und Syrien, junge Erwachsene aus Afrika. Zuvor hatten sie auf dem Rasen der überfüllten Bayernkaserne geschlafen. Wolfgang Kaefer, Geschäftsführer der Fairprice Hostel GmbH, hatte das leer stehende Bürogebäude zur Verfügung gestellt, das er in ein Hostel umbauen will. Buchstäblich über Nacht: Die Regierung von Oberbayern hatte Kaefer am Freitag, 10. Oktober, gefragt, ob er Platz habe. Am Samstag, 11. Oktober, kamen die ersten 100 Flüchtlinge. Die Kostenübernahme ist noch ungeklärt – einen schriftlichen Vertrag mit der Regierung von Oberbayern gibt es nicht. „In der Not sind pragmatische Lösungen gefragt“, sagt Kaefer.

Inzwischen ist die AWO für die Sozialarbeit in der Einrichtung zuständig: Traumapsychologen, Dolmetscher und Sozialpädagogen kümmern sich um die Flüchtlinge. Doch in den ersten Wochen war niemand für sie da – die Flüchtlinge waren sich selbst überlassen. Also sprangen Kaefers Mitarbeiter ein.

Zum Beispiel Ulrike Jenni. Sie kaufte Windeln und Unterwäsche. Sammelte Kleiderspenden. Organisierte Medikamente und ärztliche Hilfe, nicht zuletzt für die Schwangeren. „Die Hilfsbereitschaft ist enorm“, erzählt sie. Die Truderinger Libellenapotheke, Ärzte, Nachbarn und Freunde – alle hätten unbürokratisch und in ihrer Freizeit geholfen. Auch die Flüchtlinge selbst seien zupackend: „Die wollen sich nicht bedienen lassen.“ Warum sie sich derart engagiert? Schließlich könnte sie nach Feierabend auch wegschauen, die Füße hochlegen, die Flüchtlinge sich selbst überlassen. „Könnte ich. Aber das machen schon so viele andere.“

Ähnlich sieht das Claudia Sturm. „Ich finde es wichtig, sich einzubringen. Schließlich kommen die Flüchtlinge nicht freiwillig. Sie kommen, weil sie kommen müssen“, sagt die 28-jährige Jurastudentin, die gerade eine Katze auf den Beton pinselt.

Neben ihr malen Leonie Ettmüller (17) und Maria Sewald (26). Für Sewald ist es nicht der erste Einsatz für Flüchtlinge – sie hat schon Kleider sortiert und stellt derzeit eine Sportgruppe auf die Beine. „In der Flüchtlingspolitik läuft so viel schief“, sagt die Medizinstudentin. „Dabei kann jeder etwas beitragen, um die Situation zu verbessern.“

Wie es mit der Notunterkunft weitergeht ist noch unklar. Der Vertrag zwischen der Regierung und der AWO läuft zunächst nur bis Ende November.

Bettina Stuhlweißenburg

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