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Nach 14 Jahren Obdachlosigkeit hat  Hristo Vankov (59) eine Unterkunft gefunden. 

Fall passt nicht zum reichen München

Kein Platz im Heim – Obdachloser verklagt die Stadt

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Eigentlich hat sich die Stadt München auf die Fahnen geschrieben, dass hier kein Mensch auf der Straße schlafen muss. Doch so einfach ist das nicht. Hristo Vankov (59) aus Bulgarien etwa bekam keinen Platz in einer Unterkunft. Nun hat er die Stadt verklagt – erfolgreich!

München - Hristo Vankov kommt verschwitzt von der Baustelle und ist froh, dass er heute Abend in einem Bett schlafen kann. Der 59-Jährige hat einen festen Händedruck und ein freundliches Lachen, dem fast alle Zähne fehlen. Seit 14 Jahren lebt der Bulgare in München, und seit Montag ist er endlich nicht mehr obdachlos. Er hat die Stadt auf einen Schlafplatz verklagt – erfolgreich: Nun wohnt er nicht mehr unter der Isarbrücke, sondern in einer Unterkunft für Wohnungslose in Pasing.

Eigentlich hat sich die Stadt auf die Fahnen geschrieben, dass hier kein Mensch auf der Straße schlafen muss. Doch so einfach ist es nicht. Rund 9000 Wohnungslose erwartet die Stadt heuer, im Jahr 2008 waren es erst 2500. Vankovs Beispiel illustriert, was da zurzeit passiert im reichen München: Die Stadt boomt, ständig wird gebaut. Weiterhin entstehen viele einfache Jobs, auf dem Bau, in Lagerhallen, im Reinigungsgewerbe, die Menschen aus ärmeren Ländern anlocken. Er binde Eisenstangen zusammen, sagt Vankov – das sei für ihn, den Metallarbeiter, immer noch mehr Arbeit als in Bulgarien, wo er in den 90ern seinen Arbeitsplatz verlor.

Doch die Jobs hier bewegen sich oft im Schwarz- oder Graubereich. Der Reichtum der Stadt entsteht auch auf dem Rücken der prekär Beschäftigten. Sub- oder Subsubunternehmer greifen stundenweise Tagelöhner ab oder stellen sie mit miserablen Verträgen an. Gleichzeitig kontrolliert der Zoll immer weniger. Begründung: Die Verfahren, um schwarze Schafe zu entlarven, seien komplexer geworden.

Auf eine reguläre Arbeit hat Vankov wenig Chancen. „Im Jobcenter haben sie nie etwas für mich“, sagt er. Er spricht kein Deutsch, nur Türkisch und Bulgarisch, für einen Sprachkurs fehlt ihm die Kraft. Er ist gesundheitlich geschwächt, das Leben draußen hat ihm zugesetzt, er hat Diabetes. Seit 1. August ist er also wieder in einem halb legalen Job und hofft, noch einen Vertrag und wenigstens einen Teil seines Lohns zu sehen.

Oft suchte er eine Wohnung – vergebens

Doch damit, die Billigarbeiter unterzubringen, tut sich die Stadt schwer. Nicht nur, weil es viel zu wenige Sozialwohnungen gibt. Vankov kam lange bevor 2014 die EU-Freizügigkeit für bulgarische und rumänische Arbeitnehmer in Kraft trat. Seine Ex-Frau und sein Bruder leben in Bulgarien, sein Sohn in Frankreich. Von November bis April schläft er in der Bayernkaserne im Kälteschutz, im Sommer meist unter der Brücke. Oft suchte er eine Wohnung – vergebens. Doch in die Notunterkunft durfte er nicht. Am 21. April und am 12. Mai sprach er bei der Wohnungslosenhilfe an der Franziskanerstraße vor, um die Aufnahme zu beantragen. Die Behörde verlange zahlreiche Dokumente, sagt Christina König von der Initiative Zivilcourage: etwa Nachweise, dass er im Heimatland keine Wohnung hat. Dies sieht eine Dienstanweisung des Sozialreferats von 2016 vor. Vankov suchte Konsulat, Jobcenter, Beratungsstellen auf. „Aber solche Dokumente sind unmöglich aufzutreiben“, sagt König.

Am 31. Juli klagte Vankov. Die spendenbasierte Initiative Zivilcourage half ihm finanziell und mit dem Eilantrag. Das Verwaltungsgericht entschied zu seinen Gunsten: Die Stadt müsse ihn unterbringen – weil sie gesetzlich verpflichtet sei, Gefahren abzuwehren, „die Leben, Gesundheit und Freiheit von Menschen bedrohen“, heißt es im Urteil vom 9. August 2017. Hierzu zähle auch die Beseitigung einer Obdachlosigkeit. Das Sozialreferat hält dagegen: „Aufgrund der vorliegenden Gegebenheiten“ habe das Wohnungsamt davon ausgehen müssen, dass Vankov „andernorts über Wohnraum verfügt“, so eine Sprecherin. Die Stadt sei dann nicht zuständig. Vor Gericht jedoch machte Vankov glaubhaft, dass er in Bulgarien bei niemandem wohnen kann.

König spricht von einer „unmenschlichen Hinhaltestrategie“ der Stadt. Dass diese es Zuwanderern nicht allzu bequem machen will, ist kein Geheimnis. Unter der früheren Sozialreferentin Brigitte Meier (SPD) etwa durften Obdachlose 2012/13 erst ab null Grad in den Kälteschutz. Wie viele Menschen auf der Straße leben, will die Stadt im Herbst neu erheben. Offiziell sind es nur 550. Doch es dürfte eine Dunkelziffer geben. Im Kälteschutz übernachteten zuletzt etwa 1500 Rumänen und Bulgaren – doch aktuell leben in den Unterkünften laut Sozialreferat nur 500.

Savas Tetik, der im Beratungscafé an der Sonnenstraße Tagelöhnern hilft, kennt Vankov seit 2010. Er bewundere, wie dieser sich immer wieder aufrappele, sagt Tetik. Nie wollte er Hartz IV beantragen, obwohl er so oft ausgebeutet worden sei. Menschenwürdig indes findet es Vankov auch in der Unterkunft nicht: Um ihn herum würden Drogen konsumiert, es werde gestohlen. Alles, was er wolle, sei: „Ein Job, eine Wohnung, ein normales Leben.“

9000 Wohnungslose

Bis zum Jahresende dürften in München etwa 9000 Wohnungslose leben, schätzt das Sozialreferat – 2008 waren es nur 2500. Der größte Teil kommt aus Rumänien und Bulgarien. Die Menschen wohnen in den knapp 60 Unterkünften der Stadt, etwa Wohnungslosenheimen oder angemieteten Pensionen, meist in Mehr-Personen-Zimmern. Viele von ihnen gehen einer Arbeit nach. Geschätzt 500 Menschen leben wirklich auf der Straße, im Herbst soll es dazu eine neue Erhebung geben. Ihnen dient etwa die Teestube „komm“ als Anlaufstelle, 2018 soll ein zweiter Tagestreff entstehen.

Diese Geschichte hat auch sehr viele Menschen in München interessiert: Obdachloses Paar mit Hunden kann wieder lächeln. Dank unseres Berichts kann es aus dem Wohnwagen ausziehen.

Die wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf der Facebook-Seite „Pasing - mein Viertel“

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