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Auf der Herterichstraße in Solln gilt schon heute Tempo 30 – auch für den Stadtbus.

Keine Lösung in Sicht

Zoff um Tempo 30! Lärmschutz bremst den Bus aus

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  • Monika Wehrl-Herr
    Monika Wehrl-Herr
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Anwohner fordern seit langem einen Lärmschutz auf der Bergsonstraße und einem Teil der Alten Allee in Pasing. Ein Tempo 30 bremst den Bus aus, meint die MVG. Gibt es eine Lösung? 

Solln - In der jüngsten Sitzung des Bezirksausschusses (BA) Pasing-Obermenzing trat der Interessenkonflikt offen zutage. Das Kreisverwaltungsreferat (KVR), will auf Teilen der Alten Allee und der Bergsonstraße ganztägig Tempo 30 einführen, um denVerkehrslärm zu reduzieren. Anwohner fordern das seit Langem, das KVR war zunächst dagegen. 

Die Anwohner zogen vor Gericht, wo man sich darauf einigte, die Erfahrungen eines vergleichbaren Falls auf der Allacher Straße abzuwarten. „Diese Erfahrungen haben wir jetzt“, sagt die Leiterin der Abteilung Verkehrsmanagement im KVR, Sabine Effner. Weil die beiden Fälle von den Lärmwerten her vergleichbar waren, habe das KVR sich entschieden, dem Wunsch der Anlieger nachzukommen. „Wir sind ja eine lernende Behörde“, so Effner.

Beim Thema Tempo 30 klingeln bei uns immer die Alarmglocken

Die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) lehnt das Ansinnen ab. Man habe genau diese Strecken erst 2015 mit neuer Lichtsignalsteuerung und verbesserten Bushaltestellen ausgestattet, um den Fahrbetrieb zu beschleunigen“, heißt es in einer Stellungnahme. Tempo 30 würde dies konterkarieren.

Das gilt nicht nur für diesen einen Fall: „Beim Thema Tempo 30 klingeln bei uns immer die Alarmglocken, weil es den Bus unattraktiv macht“, sagt MVG-Sprecher Matthias Korte. Natürlich sei Lärmreduzierung wichtig. „Aber der öffentliche Nahverkehr ist ja auch ein Mittel zur Lärmminderung, weil er den Autoverkehr insgesamt reduziert.“ Dazu müsse der ÖPNV aber noch attraktiver werden, und Tempo 30 mache den Bus „im Zweifelsfall unattraktiver, weil sich die Fahrtzeiten verlängern und Anschlüsse verloren gehen“.

Tempolimit „knifflige Entscheidung“

Ein Tempolimit auf einem Buslinienweg, so Korte weiter, ziehe „einen Rattenschwanz“ an Folgen nach sich. „Letztlich dreht man das Rad in Sachen Busbeschleunigung zurück.“ Und das kann teuer werden, denn wenn die Fahrzeit steigt, braucht die MVG mehr Busse und Fahrer, um den Takt auf der Linie zu halten. Natürlich sei man nicht generell gegen Tempo 30 aus Lärmschutzgründen, versichert Korte. „Aber man muss sich jeden Einzelfall genau anschauen.“

Dem pflichtet Sabine Effner bei. Man werde im Fall von Bergsonstraße und Alter Allee die „knifflige Entscheidung“ treffen, sobald die Stellungnahme des BA vorliege.

Im Bürgergremium gibt es freilich Bedenken, der Verkehr könne auf kleinere Wohnstraßen ausweichen. Weil die Lärmwerte nur „an der Grenze“ lägen, sprach sich Sven Wackermann (CSU), gegen die KVR-Pläne aus. Anders SPD und Grüne: „Welche Alternativen gibt es denn, um Lärmschutzwerte einzuhalten?“, fragte Andreas Bergmann (Grüne). Tempo 30 sei „die einfachste Lösung“. Dass der Bus nennenswert gebremst werde, glaubt er nicht.

Doch Korte bleibt skeptisch – zumal die Konflikte sich häufen dürften: Das Busnetz soll rasant ausgebaut werden, um mit dem Wachstum der Stadt Schritt zu halten. „Wir reden zunehmend davon, mit Expressbussen eine halbwegs gute Alternative zu Tram und U-Bahn zu bieten“, erläutert er. Denn eine Buslinie lasse sich viel schneller realisieren als der Neubau einer Tram- oder gar U-Bahn-Strecke. Bei letzterer denken die Planer in Jahrzehnten.

Lärmschutz für die Gesundheit

Zuständig für den Lärmschutz ist das Referat für Gesundheit und Umwelt. Ein Tempolimit gilt hier auf jenen Straßen, an denen die Grenzwerte überschritten werden – „als eine der möglichen Verbesserungsmaßnahmen“, so Sprecher Alois Maderspacher. In der Regel stützt sich das Referat auf Berechnungen. Im Rahmen eines Lärmaktionsplans sind aber auch „begleitende messtechnische Untersuchungen zu Tempo 40 und Tempo 30“ geplant.

Auch Maderspacher betont, dass jede Anordnung von Tempo 30 „eine Einzelfallentscheidung“ sei. Große Hoffnungen setzt Umweltreferentin Stephanie Jacobs in die Elektromobilität. Zumindest im Stop-and-Go-Verkehr mit häufigem Anfahren seien Elektroautos leiser als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. „Ebenso müssen der Radverkehr sowie öffentliche Transportmittel wie S- oder U-Bahn weiter verstärkt ausgebaut werden“, ergänzt Jacobs. Busse erwähnt sie nicht, aber genau die liegen der MVG am Herzen, denn weitere Konflikte sind absehbar.

Gibt es Tempo-30-Zonen bald in ganz München?

Der Tempo-30-Anteil des Münchner Straßennetzes, so schätzt Effner, werde von derzeit 80 Prozent „irgendwann wahrscheinlich auf 90 Prozent wachsen“. Aus Sicht der MVG könnte sich diese Steigerung gravierend auswirken. Denn noch fahren die Busse laut Korte zu 90 Prozent auf Straßen, auf denen Tempo 50 oder 60 gilt. Wenn nun das Busnetz wächst und gleichzeitig mehr Tempolimits angeordnet werden, könnte das Busnetz langsamer werden.

Einen weiteren Fall hat Effner derzeit auf dem Tisch: Auf der Drygalski-Allee in Solln soll als Lärmschutz Tempo 30 eingeführt werden. Effner ist klar: „Das ist eine Hauptverkehrsstraße.“ Und dort fahren zwei Buslinien, mit dem 63er sogar ein Metrobus. „Das Verfahren läuft noch“, sagt sie. Es wird wohl, wie so oft, eine Einzelfallentscheidung.

Von Peter T. Schmidt und Monika Wehrl-Herr


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