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Von den Hügeln des Ostparks haben Polizeimeisterin Laura Baumann (v.li.), Steffen Küpper und Stefan Reichersdorfer ihr Revier im Blick. 

Große Serie: Münchner Polizeiinspektionen

PI 24 Perlach: Das Image ist das größte Problem

Größer könnten die Gegensätze kaum sein: Die Hochhaussiedlungen in Neuperlach gehören ebenso zum Zuständigkeitsbereich der Inspektion Perlach wie das dörfliche Altperlach und das gutbürgerliche Waldperlach. Wir begleiteten PI-Chef Steffen Küpper durch sein Revier.

München - Vor zehn Jahren ging es in Neuperlach noch ganz anders zu. Da brannten schon mal Autos. Rund um die Hochhaussiedlungen waren Schlägereien und Drogenverkäufe an der Tagesordnung. „Der Oskar-Maria-Graf-Ring und das Sudermann-Zentrum waren Brennpunkte“, erinnert sich Polizeihauptkommissar Stefan Reichersdorfer. Heute sei das vorbei. „Aber wenn man das Image mal hat, ist es schwer, es wieder loszuwerden.“

In den vergangenen zehn Jahren ist die Anzahl der Straftaten am Oskar-Maria-Graf-Ring um stolze 33 Prozent zurückgegangen. Im Jahr 2016 musste die Polizei 32 Mal wegen Ruhestörungen oder Streit anrücken, im Vorjahr waren es 37 Einsätze. „Das ist nicht außergewöhnlich“, sagt Steffen Küpper, der Chef der PI 24.

Sie lieben die Vielfalt ihres Reviers: Steffen Küpper (li.) und Erster Polizeihauptkommissar Rainer Zehentmair von der Polizeiinspektion Perlach. 

Bekannter Neuperlacher Muhils A. alias „Mehmet“

Neuperlach ist das größte deutsche Siedlungsprojekt nach dem Zweiten Weltkrieg, der Stadtteil wurde ab 1967 erbaut und feiert heuer seinen 50. Geburtstag. Heute leben in den Wohnblöcken etwa 55.000 Menschen. Wie in anderen Satellitenstädten, die in dieser Zeit entstanden, zeigen sich hier freilich auch die negativen Folgen dieser Siedlungsform. In einigen Hochhäusern leben sozial Schwache und Menschen mit Migrationshintergrund, zudem viele Kinder und Jugendliche auf engem Raum. Der Anteil an nicht deutschen Bewohnern liegt im Zuständigkeitsbereich der PI Perlach bei 30 Prozent – im Vergleich zu anderen Stadtteilen ist er recht hoch. Ein Ex-Neuperlacher, der traurige Berühmtheit erlangte, ist Muhlis Ari. Der jugendliche Serienstraftäter „Mehmet“ wurde in den 90er-Jahren zum Politikum. Er hatte bis 1998 mehr als 60 Straftaten begangen und wurde in die Türkei abgeschoben.

Die Polizei hat in den letzten Jahrzehnten viel getan, um die Kriminalität zu senken. Jugendbeamte waren permanent im Einsatz, die Polizei zeigte immer und überall Präsenz, Platzverweise gegen aggressive Jugendliche und Erwachsene wurden rigoros durchgesetzt. Die Stadt setzte sogar einen privaten Sicherheitsdienst ein und installierte Kameras.

Im Pep ist viel Bewegung drin

Einiges getan hat sich auch im Perlacher Einkaufscenter, dem PEP. „Von 1985 bis 1995 gab es hier mal die Disko KGB, später Lux Orbis“, erinnert sich Reichersdorfer. „Die hat uns viel Arbeit gemacht.“ Drogen, Schlägereien. In die Schlagzeilen geriet die Disko, weil angeblich Ausländer nicht reinfdurften. Heute residiert dort das Theater „Pepper“. In den vergangenen Jahren sind im PEP eher Ladendiebstähle ein Thema. 125 Geschäfte gibt es dort, derzeit wird der Shoppingtempel verschönert und erweitert. Im PI-Bereich registrierte die Polizei etwa 300 Ladendiebstähle, die meisten davon im PEP. Es gehört 35 Jahre nach seiner Eröffnung zu den umsatzstärksten Einkaufstempeln der Republik. „Das PEP ist sehr wichtig für die Leute hier“, sagt Küpper.

Im Dialog: Die Polizei mit Axel Haug (li.) und Vitus Schaller vom PEP. 

Diebstahl ist auch in den weitläufigen Tiefgaragen in Neuperlach ein Thema. „Vor allem komplette Radsätze kommen weg“, erzählt Küpper. Etwa 200 Fälle sogenannter Kfz-Delikte registrierte die Polizei 2016, ebenso oft wurde ein Radl geklaut. Insgesamt verzeichnete die PI 24 rund 4000 Straftaten – ein leichter Rückgang im Vergleich zum Vorjahr. Mord, Raub, Sexualdelikte, Einbruch und Diebstahl registrierte die Polizei rund 750 Mal. Küpper: „Erfreulicherweise ein Rückgang um sieben Prozent.“

Totaler Gegensatz - idyllisches Altperlach

Nur ein paar hundert Meter entfernt von Neuperlach plätschert der Hachinger Bach über den Pfanzeltplatz, den Ortskern von Altperlach. Zwischen den alten Bauernhäusern, der von 1728 bis 1730 erbauten Kirche St. Michael und den Wohnblöcken in Neuperlach könnte der Gegensatz größer kaum sein – was die Architektur, aber auch die Bewohner betrifft. Von den etwa 13.000 Einsätzen im Jahr sind die wenigsten in Altperlach.

Idyllischer Kern: Altperlach rund um die Kirche St. Michael.

Schmucke Einfamilienhäuser dominieren ein Stück weiter die „Märchensiedlung“ in Waldperlach, die Anfang des 20. Jahrhunderts entstand. Die „Dornröschen-‘‘ liegt hier neben der „Rübezahlstraße“ und dem „Froschkönigweg“. Es ist ruhig – zumindest seit Gaddafis Sohn weggezogen ist. Saif-al-Arab Gaddafi, Spross des Despoten aus Libyen, war offiziell im Jahr 2006 zum Studieren nach München gezogen. In Wirklichkeit residierte er in einer Luxus-Villa und hielt Nachbarschaft und Polizei mit ausschweifenden Partys auf Trab. Eingebrochen wird auch hier im Viertel, wie überall in München. 80 Fälle gab es 2016 im Bereich der PI.

Verwunschen: In Waldperlach gibt es ein Viertel mit märchenhaften Straßennamen. 

Weniger märchenhaft geht es oft in der sogenannten Maikäfersiedlung in Berg am Laim zu, die zwischen 1936 und 1938 vor allem für sozial schwache Menschen gebaut wurde. Immer wieder muss die Polizei hier wegen Streitereien anrücken. Seit einigen Jahren werden die Häuser teilweise abgerissen und durch Neubauten ersetzt.

Problem-Ort Michaelibad

Beschäftigt haben Polizei und Stadt im vergangenen Jahr sexuelle Übergriffe im Michaelibad. Junge Asylbewerber sollen Mädchen angefasst und genötigt haben. Bis Ende März 2016 gab es etwa ein halbes Dutzend Anzeigen, dazu kam eine im August. Das Michaelibad ist bei jungen Leuten sehr beliebt. „In den letzten Monaten ist der Polizei kein Vorfall mehr bekannt geworden.Auch die Bäder haben viel Aufklärungsarbeit geleistet.“ 

Ihre Freizeit verbringen die Menschen hier außerdem gerne im Ostpark. Dort gibt es hin und wieder Ärger, wenn in der warmen Jahreszeit außerhalb der gekennzeichneten Flächen gegrillt wird oder im Winter die noch zu dünnen Eisflächen betreten werden.

Bilder: Auf Streife mit der Polizeiinspektion in Perlach

Viel Verkehr, viele Bauvorhaben

Auch Verkehr ist im Münchner Osten ein Thema. 2000 Unfälle verzeichnete die Polizei, 2015 verloren zwei Menschen ihr Leben auf der Straße, 2016 keiner. Etwa 15.000 Knöllchen haben die Beamten verteilt.

Wie in ganz München wird auch in Perlach gebaut. Auf dem Piederstorfer-Gelände zwischen Trudering und Neuperlach entstehen Wohnungen, an der Carl-Wery-Straße ebenfalls. Das bedeutet mehr Arbeit für die Polizei – doch Küpper und Reichersdorfer freuen sich auf neue Herausforderungen. „Es ist so vielfältig. Wir haben hier alles“, sagen sie und ergänzen: „Viele identifizieren sich mit diesem Viertel. Und das ist sehr schön.“

Der Fall aus dem Viertel: Michaela Eisch - ein ungeklärter Kindermord

Michaela Eisch wurde 1985 ermordet. 

Noch immer beschäftigt das Schicksal der damals achtjährigen Schülerin Michaela Eisch die Bürger im Viertel. Sie lebte mit ihrer Mutter in der Maikäfersiedlung. Am 17. Mai 1985 wurde sie missbraucht und erdrosselt. Gefunden hat sie 29 Tage später ein Arbeiter unterhalb der Braunauer Eisenbahnbrücke. Der Kindermord ist bis heute ungeklärt. Geklärt ist dagegen der Mordfall im Zuständigkeitsbereich der PI 24, der die Münchner im Jahr 2015 beschäftigte:Im Herbst tötete der Wachmann Michael P. seine Freundin Aline Körner, weil sie ihn verlassen wollte. Die beiden hatten an der Kafkastraße in Neuperlach gewohnt. P. sitzt lebenslang im Gefängnis

Die PI 24 in Zahlen: Viele Bewohner und bald Bienen

116.000 Einwohner leben im Einzugsbereich der Polizeiinspektion 24 in Perlach. Sie verteilen sich auf die Stadtteile Ramersdorf-Perlach und Berg am Laim. Seit einem halben Jahr ist der gelernte Jurist Steffen Küpper (43) Leiter der Inspektion. Untypisch ist, dass er Jura studierte und Verwaltungsbeamter war, bevor er Chef der PI wurde. Die rund 100 Beamten sind auf einer Fläche von rund 21 Quadratkilometern im Einsatz. Vier Obdachlosenheime, drei Asylbewerberunterkünfte, acht Bordelle, vier Krankenhäuser mit etwa 800 Betten und 25 Schulen liegen im Zuständigkeitsbereich der PI 24. Das Dienstgebäude am Adenauerring nahe dem PEP feiert heuer sein 20-jähriges Bestehen. Besonders freuen sich die Beamten auf viele neue, kleine Kollegen: Auf dem Dach der PI werden bald Bienen ihren Dienst antreten und Polizei-Honig herstellen.

Das sind die weiteren Folgen

Maxvorstadt: Das Studentenviertel kämpft mit Dieben und Rasern.

Sendling: Der starke Verkehr beherrscht den Arbeitsalltag der Beamten.

Pasing: Einbrecher und der Verkehr prägen die Polizeiarbeit.

Bogenhausen: Einbrüche machen einen Löwenanteil der Straftaten im Nobelviertel aus.

Au & Haidhausen: Tag und Nacht Einsätze in Haidhausen, am Ostbahnhof und in der Kultfabrik.

Trudering-Riem:  In der Messestadt trifft sich die Welt. Auch ein Ort sozialer Spannungen

Westend & Ludwigsvorstadt: Das Südliche Bahnhofsviertel und der Gärtnerplatz halten die Beethoven-Wache auf Trab.

Giesing: Das Viertel der Geschichte und Geschichten. Fußball ist allgegenwärtig - auch bei der Polizei.

Altstadt: Touristen, Taschendiebe und die Feierbanane machen der Polizei Arbeit.

Olympiapark: Hier sind die Schwerpunkte die vielen Veranstaltungen.

Neuhausen: Einbrüche, Trickdiebstähle und das Strafjustizzentrum sind hier Schwerpunkte.

Planegg: Grüne Idylle mit schwarzen Fleckchen. Einbrüche sind hier das Problem.

Grünwald: Die Isar und ihre zahlreichen Sport- und Freizeitmöglichkeiten bestimmen den Arbeitsalltag der Polizei.

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