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Silvano Cocchi und Wolfgang Roucka bei der Trauerfeier

„Sie hat geleuchtet“

Abschied von der Schwabinger Gisela

München - Da sitzt sie, das Gesicht in die Hand gestützt, brennende Zigarette zwischen den Fingern. Und ihr Gesicht – das strahlt. So lebendig, wie ein Mensch nur sein kann. Voller Lebenslust und Energie.

Das Sterbebild der Schwabinger Gisela: Es zeigt diese in jedem Sinne schillernde Persönlichkeit genau so, wie sie war. Und wie sie ihre vielen Freunde in Erinnerung behalten wollen. Sie alle sind am Samstag zum Nordfriedhof gekommen, um Abschied zu nehmen.

Alte Bandmitglieder, die die Chansonsängerin Gisela Jonas-Dialer bei ihren Hits wie der legendären „Schwabinger Laterne“ einst musikalisch begleitet haben. Ihr in tiefer Freundschaft verbundene Nachbarn aus dem Schwabinger Kreis, wie Galerist Wolfgang Roucka. Stammgäste, die in der Nachkriegszeit „Bei Gisela“ das Viertel Wein zu einer D-Mark genossen. Wie ärgerlich, dass Alt-Oberbürgermeister Christian Ude den geringen Preis erst lange nach seiner Studienzeit erfahren hat. Als einziger Trauerredner bei der schlichten Zeremonie in der Aussegnungshalle am Nordfriedhof gesteht er, dass er die Gisela erst Jahre später kennen gelernt hat. Weil er angesichts der ganzen Batterie von Limousinen, die abends vor ihrer Kneipe standen, davon ausging, dass sich einen Besuch dort nur die Oberen Zehntausend leisten könnten. „Was für ein Ärger, als ich erfuhr, dass sie Studenten immer anschreiben ließ“, erzählt Ude in seiner persönlichen Rede.

Wie alle anderen Trauergäste lobt auch Ude ihr aus allen guten Eigenschaften am meisten hervorstechendes Markenzeichen: die unbändige Lebensfreude. Trotz aller Schwierigkeiten, die auf ihrem Weg lagen. Ude, der ihr später ein guter Freund geworden ist, erinnert an ihren teils holprigen Lebenslauf. Wie sie im nordrhein-westfälischen Moers geboren wurde und eigentlich Tänzerin werden wollte. Die Eltern die Tanzschule aber bald nicht mehr bezahlen konnten – und sie so eine Lehre zur KFZ-Mechanikerin begann. Wie sie auch dort von der ganz und gar männlichen Kollegschaft schikaniert wurde. Wie sie schließlich Sängerin wurde und sich zunächst mit von ihr gar nicht so geliebten Seemannsliedern durchschlug. Die dunkle, rauchige Stimme stets an der großen Zarah Leander orientiert. Wie sie alles daran legte, als Sängerin leben zu können. Es gelang. Indem sie schließlich das tat, was keine andere Frau in jener Zeit wagte: Sie eröffnete – mit nur 23 Jahren – 1952 eine Kneipe. Mitten in Schwabing. Und schuf sich damit ihre eigene Bühne. Als Deutschlands jüngste Wirtin. Der schlichte, von Selbstbewusstsein zeugende Name: „Bei Gisela.“ Ude: „Sie war gewissermaßen eine Neuentdeckung von sich selbst.“

„Auch aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du etwas Schönes bauen“, ein Satz von Erich Kästner, den Gisela gelebt zu haben scheint. Kästner ist nur einer der vielen bekannten Stars, die Abend für Abend in die Kneipe in der Occamstraße, in der heute das „Vereinsheim“ ist, kamen. All die Berühmtheiten der Zeit kamen damals, erinnert sich Silvano Cocchi, der viele Jahre Gitarrist bei Gisela war. „Es waren interessante Menschen aus der ganzen Welt bei ihr. Viele Prominente: Orson Welles, Kirk Douglas. Jeder hat sich bei ihr wohl gefühlt.

Wenn jemand Sorgen gehabt hat, hat sie ihn getröstet“, erzählt Cocchi vor der Trauerfeier, auf der er dann mit seiner Gitarre das „Ave Maria“ anstimmt. Auch Jazzsängerin Jenny Evans singt vor dem Bild ihrer verstorbenen Freundin zwei letzte Abschiedslieder, „Amazing Grace“ und „Bye Bye Blackbird“, ehe die vielen Gäste auf Einladung von Pfarrer Rainer Schießler Gisela bei ihren „letzten irdischen Schritten“ hin zum Grab begleiten. Ihre Urne wird nun von einem Grab bedeckt, das mit Sonnenblumen und einem bunten Blumenkranz (mit einem letzten Gruß von ihrem Freund Konstantin Wecker gesandt) geschmückt ist. Bunt wie das Leben.

„Gott will, dass wir das Leben leben und lieben. Genau das hat Gisela getan. Sie hat geleuchtet. Schaut Euch diese Augen an“, sagt Schießler und deutet noch einmal auf dieses besonders schöne Bild der am 25. Juli Verstorbenen. „Da strahlt alles heraus: Sie war liebenswürdig, freundlich und – leuchtend.“

Katja Kraft

So behalten Wegbegleiter die Schwabinger Gisela in Erinnerung

Wolfgang M. Prinz, Künstler:  „Die Gisela war immer fröhlich, eine Frohnatur. Sie hatte Herz. Und ihre Lieder, die werden einem jedem abgehen, der sie gekannt hat. Ich habe sie sehr geliebt.“

Christian Ude, Alt-OB:

„Die Gisela war mir die ganze Jugend über, während der Schulzeit und während des Studiums, ein Begriff. Kennengelernt habe ich sie dann bei ihrem 70. Geburtstag 1999 – und von da an war unsere Beziehung sehr intensiv, sie kam privat zu uns zu Festen. Ich hab sie sehr lieb gewonnen. Ein unglaublich gutmütiges, manchmal auch allzu gutgläubiges Wesen. Und in ihrer Zeit als Deutschlands jüngste Wirtin ja auch eine Frau mit großer erotischer Ausstrahlungskraft. Sie hat in diese muffigen 1950er-Jahre frischen Wind reingebracht.“

Ilse Neubauer, Schauspielerin:

„Ich kannte die Schwabinger Gisela schon als junges Mädchen, aber da hab ich in ihr Lokal noch nicht hineingedurft. Ich hab sie dann später kennen gelernt, vor allem durch den Wolfgang Roucka, einen gemeinsamen Freund. Sie war einfach ein tolles Weib, eine tolle Stimme und ein wunderbarer Mensch. Sie hat das Leben so genommen, wie es kam. Kein Jammern, kein Klagen. Ich sag einfach nur: Unersetzlich. Sie war ein Kaliber.“

Gudrun Köhl, Ex-Leiterin des Valentin-Karlstadt-Musäums:

„In den 1960er-Jahren war ich Studentin an der Akademie. Wir hatten nicht viel Geld, wussten aber, dass um Mitternacht immer die Gisela aus der Küche kam und in ihrer Bar sang. Da haben meine Freundinnen und ich uns vom benachbarten Tanzlokal her hineingeschlichen. Haben uns hinter die Tür gestellt und ihren Auftritt abgewartet. Das war immer lustig. Sie war die letzte Repräsentantin des alten, berühmten Schwabing. Sie war so ein offener, ehrlicher Mensch. Sie hat so ein offenes Gschau gehabt. Man hat sich gleich vertraut gefühlt. Und sie war einfach eine Powerfrau.“

Wolfgang Roucka, Galerist:

„Zwei der schönsten Erinnerungen an die Gisela sind ihre 85. Geburtstagsfeier am 24. Januar dieses Jahres – den haben wir mit vielen Freunden noch einmal so richtig gefeiert. Und dann – der zweite Höhepunkt – am 21. Februar bei mir in der Galerie, zu meinem 50. Jubiläum, wo sie noch einmal mit allerletzter Kraft die ,Schwabinger Laterne‘ gesungen hat. Das geht mir jetzt noch total unter die Haut. Das war die Verabschiedung und ich bin so froh, dass wir das noch erlebt haben. Sie bleibt mit ihrem Markenzeichen in Erinnerung: Der Schwabinger Laterne. Sie steht bei mir in der Galerie. Ich hoffe, wenn der Wedekind-Platz mal gescheit hergerichtet wird, dass sie da auch künftig stehen wird, dass man sagen kann: Schwabing leuchtet.“

Silvano Cocchi, Gitarrist:

„Die Gisela war voll Herz. Sie war für jeden von uns Musikern wie eine Mama. Sie war tolerant und immer positiv. Auch wenn die Sachen nicht gut gegangen sind für sie. Sie war immer tapfer. Das Leben war manchmal auch hart für sie. Ich war von 1957 bis 1966 bei ihr. Schwabing war damals noch ganz anders: Interessante Menschen aus der ganzen Welt waren bei ihr zu Gast. Viele Prominente waren da. Die Leute haben sich bei ihr immer wohl gefühlt.“

Toni Fuhrmann, Pianist:

„Als junger Student habe ich die Gisela musikalisch begleitet – und unsere Freundschaft hat sich bis heute gehalten. Die Songs, die sie gesungen hat, waren eigentlich alle harmonisch interessant. Und für mich als damals junger Student war das eine tolle Geschichte. Sie war immer sehr großzügig zu uns Musikern. Es stand immer eine Flasche Whisky für uns bereit. Und das Essen war hervorragend. Es war eine schöne Zeit."

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