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Stammgäste und Musiker demonstrierten am Sonntag gegen das Aus des Schwabinger Kult-Musik-Clubs.

Musikbühne schließt

Trauermarsch für Schwabinger Musik-Club: Ausgspuit im Alfonso‘s

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Eine weitere Schwabinger Instiution ist Geschichte: Der Livemusik-Club Alfonso’s hat nach dem Pfingstwochenende für immer seine Türen geschlossen – nach fast 30 Jahren.

München - Am Montag holten sie Alligator Alfonso von der Wand, das Maskottchen des Livemusik-Clubs. Seit 1988 gab es das „Alfonso’s“ an der Franzstraße 5. Der 30. Geburtstag war dem Laden mit Wohnzimmer-Charakter nicht mehr vergönnt. Am Sonntag fand die letzte Jamsession statt, dann war Schluss.

„Ich wollte hier drin sterben“, sagt Peter Piper (58), der Mann mit der rauchigen Stimme, der hinter der Bar die Drinks ausschenkt. „Es war die schönste Arbeitsstätte, die man sich wünschen konnte.“ Sieben Abende die Woche Livemusik: Blues, Rock, Soul, Funk und Jazz. Und das im intimen Rahmen, maximal 50 Leute passen in den Raum mit den speckigen Wänden und dem Ventilator an der Decke. Doch Ende vergangenen Jahres kündigte die Paulaner-Brauerei den Mietvertrag. Der Eigentümer will das Gebäude abreißen und das Gelände neu bebauen.

Aus is: das Alfonso‘s hat nach fast 30 Jahren geschlossen.

Wieder stirbt ein Stück Schwabing

Piper ist traurig, dass wieder ein Stück Schwabing stirbt – und wütend, dass die Stadt nur zuschaut. „Die stecken halt nur Geld in die großen Sachen: Deutsches Theater, Philharmonie ...“ Die kleinen Kulturinstitutionen blieben auf der Strecke. Im Februar musste um die Ecke schon der alteingesessene Livemusik-Club Schwabinger Podium zumachen. Piper schüttelt den Kopf. „In Schwabing gibt es doch nur noch Ketten, Fresstempel und Klamottenläden.“

Zu denen, die um das Alfonso’s trauern, gehört auch Mel Canady (70), der hier mit seiner Band Chessboard viele hundert Male auf der Bühne stand. „Bei Alfonso’s habe ich die Sau rausgelassen“, sagt der gebürtige US-Amerikaner und lacht. „Hier gab es noch qualitativ hochwertige Musik und keinen Kommerz.“ Dass das Alfonso’s zumacht, sei auch ein herber Schlag für den Nachwuchs. „Man braucht einen Ort, an dem man sich vor Publikum ausprobieren und einen eigenen Charakter entwickeln kann.“

Die letzten Getränke im Alfonso‘s.

Ein Trauerzug durchs Viertel

Ihrer Trauer haben Barkeeper Peter Piper, Besitzer Frank Meister und zahlreiche Musiker am Sonntag Ausdruck verliehen. Piper sagt: „Wir haben uns gedacht, ein Umzug wär’ geil, damit wir wenigstens noch mal maulen können.“ Zusammen mit Gitarrist Boris Ruge hat er einen „Trauermarsch für den letzten Livemusik-Club Schwabings“ organisiert. Gerade noch rechtzeitig genehmigt vom Kreisverwaltungsreferat. 

Der Trauerzug setzte sich um 13 Uhr vor dem Alfonso’s in Bewegung. Es ging durch Altschwabing, danach soll es noch einige Trauerreden geben, bevor um 17 Uhr die letzte Jamsession im Musikclub startete. Ruge sagt: „Das wird ein langer Abend am Sonntag. Denn es wird viele geben, die nicht gehen wollen.“

Was jetzt mit dem Gebäude geschieht:

Das Haus, in dem sich „Alfonso’s Live-Music Club“ befand, soll abgerissen werden. Auch die anderen Mieter in dem Gebäude an der Ecke Franz- und Siegesstraße müssen weichen, etwa das Kinderkunsthaus München und der Jivamukti Yogaloft. Der Grundstücksbesitzer, Herzog Immobilien, will das Gelände neu bebauen – und damit neuen Wohnraum schaffen. „Es gibt aber noch keinen Bauantrag“, sagt Firmenchef Christian Herzog. „Wir wollen das alles ganz entspannt angehen.“ Bis in die 60er-Jahre befand sich auf dem Grundstück eine Fabrik für Flaschenverschlüsse und Kronkorken.

Das Gebäude wird abgerissen, auch die Nachbarn des Musik-Clubs müssen weichen.

Dem Mythos Schwabing haben wir uns erst kürzlich in einer großen Serie gewidmet. Lesen Sie hier noch einmal alle Folgen:

Teil1: Schwabing - Mythos oder Märchen?

Teil 2: Besuch im Viertel - Hat sich die Legende bis ins Heute getragen?

Teil 3: Nur in Schwabing - Große Bühne für kleine Kunst

Teil 4: Suche nach dem echten Schwabing - Schlendern mit Ude

Teil 5: In Schwabing tischt die ganze Welt auf

Teil 6: Auf Kneipentour in Schwabing

Teil 7: Gehört das Schwabinger Tor noch dazu?

Teil 8: Schwabing ist ein Zustand - Darum lieben wir Schwabing

Unsere wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf der Facebookseite „Schwabing - mein Viertel“.

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