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Flüchtlinge: Polizei geht gegen Hetzer vor

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Von: Angelo Rychel, Christine Ulrich

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Verstärkte Präsenz: Seit die Bayernkaserne an der Heidemannstraße überbelegt ist, fahren und reiten mehr Beamte Streife. © Reinhard Kurzendörfer

München - Angesichts der angespannten Flüchtlingssituation will die Münchner Polizei konsequent gegen Rechtsextreme vorgehen, die Hetze gegen Asylbewerber betreiben.

Sie ist neuerdings voller Menschen, die Heidemannstraße. Menschen, die allein durch ihre Hautfarbe auffallen. Die es nicht eilig haben. Mütter schieben Kinderwägen, reden in fremden Sprachen am Handy. Junge Männer laufen in Gruppen, kaufen Eis an der Tankstelle. Kaufen Bier. Setzen sich an diesem heißen Augustmittag in den Schatten – auf den Grünstreifen vor der Mauer, die das Regierungsgelände der Bayernkaserne abschirmt vor „unberechtigten Personen“.

Sie schirmt aber nicht das Viertel vor den Flüchtlingen ab. Vor drei Jahren lebten wenige hundert Asylbewerber in der Erstaufnahmeeinrichtung, jetzt sind es 2000. Diesen kann man zwar immer neue Betten hinstellen, wie die Regierung von Oberbayern bewies. Aber wenn ein Stadtviertel plötzlich so viele neue Bewohner hat, macht sich das bemerkbar.

Seyfettin Tokgöz schildert die Stimmung so: „Viele Leute haben Mitleid.“ Die Flüchtlinge seien vor Krieg, Hunger, Not geflüchtet. Tokgöz lebt in der Gruson-Siedlung nördlich der Heidemannstraße, beschauliche Einfamilienhäuser, Zäune, Mauern. „Aber nachts hört das Mitleid auf. Da spazieren sie angetrunken herum. Und es kommen Fahrräder weg.“

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Richard Wolf, Imbissbuden-Betreiber. © Kurzendörfer

Richard Wolf sagt: „Bei mir sind die Flüchtlinge Tagesgespräch“, so der Betreiber der Wurstbraterei. „Ihr Benehmen, das Stehlen, der Dreck – das erzürnt die Leute.“ Auch Alexandra Fonsatti hat Sorgen: „Ich will hier nicht mehr langlaufen“, so die Schauspielstudentin, die in der Pizzeria Romantica Venezia arbeitet. Betrunkene pöbelten Frauen an, pinkelten an Wände. Es gebe Schlägereien. Und neulich sei bei ihnen eingebrochen worden. „Da hat man kein gutes Gefühl mehr.“ Und während Fonsatti die Tische dekoriert, reitet eine Polizeistreife vorbei.

Man habe die Präsenz im Viertel erhöht, sagt Wolfgang Wenger,

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Alexandra Fonsatti aus der Pizzaria. © Kurzendörfer

Münchner Polizei-Pressechef. „Wir sind ständig unterwegs.“ Es gebe mehr Beschwerden als früher und mehr Delikte. Der Lebensmittelladen Netto und der Mediamarkt haben ihr Sicherheitspersonal verstärkt. Auf dem Spielplatz an der Kollwitzstraße ist das Klettergerüst gesperrt, weil Scherben im Sand liegen. Auf den Wiesen sitzen abends Flüchtlinge und trinken Alkohol, was auf dem Kasernengelände verboten ist. Weil viele ihren Müll liegenlassen, reinigt die Stadt die Straßen und Grünanlagen rund um die Kaserne täglich. Und kürzlich wurden Tuberkulose-Fälle bekannt, die viele – wenn auch unbegründete – Ansteckungs-Ängste weckten.

Bei diesen Entwicklungen sei die Beunruhigung der Anwohner „verständlich“, sagt Norbert Ellinger, Pfarrer in der evangelischen Hoffnungskirche. Die Anzahl der Flüchtlinge habe einen kritischen Punkt überschritten. Und nicht jeder, der protestiere, sei ausländerfeindlich. Ende Juli etwa hatten sich 60 Anwohner im Heidemannpark getroffen. Laut dem Antifaschismus-Portal „Aida“ fielen dort rechtsradikale Sätze. Die Polizei bestätigt nur, dass man aufgebrachte Bürger beruhigt habe.

Fest steht aber, dass sich seit Juli brauner Gedankensumpf über normale Sorgen legt. So hetzten gleich zwei Facebook-Gruppen gegen Asylbewerber. Eine davon zählte nur eine Handvoll Mitglieder, doch diese äußerten so Abscheuliches, dass sie der Staatsschutz des Münchner Polizeipräsidiums ins Visier nahm – und nun gegen zwei Nutzer wegen fremdenfeindlicher Äußerungen und Androhungen von Straftaten ermittelt. Seit Montag ist die Gruppe offline (siehe Titelseite).

Um die Situation in der und um die Bayernkaserne zu entschärfen, suchen Stadt und Regierung intensiv nach Alternativstandorten. Mitte August sollen zwei Gebäude auf dem nahen Funkkasernen-Gelände rund 300 Flüchtlinge aufnehmen, wie die Regierung von Oberbayern verkündete. OB Dieter Reiter (SPD) brachte zuletzt die McGraw-Kaserne in Giesing ins Gespräch. Rathaussprecher Stefan Hauf bestätigt: Es sei die letzte freistehende Einrichtung in staatlichem Besitz in dieser Größe. Allerdings ginge es laut Hauf wieder nur um eine Zwischennutzung: Künftig soll dort eine Zentrale für die Münchner Kriminalpolizei entstehen.

Unterdessen steht für viele Anwohner der Schuldige fest: „Man muss

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Metin Kocademir, Wirt im Heidemann-Stüberl, mit seinem Bekannten Seyfettin Tokgöz. © Kurzendörfer

die Regierung kritisieren, dass sie das so hat laufen lassen“, sagt Pfarrer Ellinger. Auch Metin Kocademir, Wirt im Heidemann-Stüberl, stellt klar: „Die Regierung hat Fehler gemacht.“ Doch im Alltag gehen sie pragmatisch damit um. Ellinger sagt: Dass manche Flüchtlinge sich nicht zu benehmen wüssten, komme bei so vielen Menschen eben vor. Was sollten sie auch den ganzen Tag in der Kaserne machen? Gemeinsam mit der Inneren Mission und 40 Ehrenamtlichen organisiert er seit Jahren Hilfe: Kleiderkammer, Radlwerkstatt, Sprachkurse, Ausflüge, Spielenachmittage – „es ist schwieriger geworden, aber die Projekte laufen weiter“. Aktuell suchen sie nach gespendeten Kinderwagen.

Und Kocademir erzählt: Zur Fußball-WM habe er den Fernseher draußen aufgebaut – und „plötzlich kamen mehr als 100 Flüchtlinge“. Er hat ein gutes Herz: „Viele hatten kein Geld, um etwas bei mir zu trinken. Ich habe sie trotzdem schauen lassen.“ Sein Bekannter Tokgöz ergänzt: „Und wenn im Stüberl gegrillt wird, geben wir ihnen natürlich etwas ab. So ändert sich das ganze Leben.“

von Christine Ulrich und Angelo Rychel

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