„Sozialarbeit wird abgewertet“

Innere Mission steigt wegen Regierung aus Flüchtlingshilfe aus

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München - Die Innere Mission verlässt das Münchner Ankunftszentrum – weil die Regierung den Betrieb neu strukturieren will. Das sei nicht mit ihrem Selbstverständnis vereinbar.

Die Innere Mission München (IMM) will die Sozialbetreuung für Flüchtlinge im Ankunftszentrum an der Maria-Probst-Straße Mitte Februar einstellen. Damit reagiert der evangelische Wohlfahrtsverband darauf, dass die Regierung von Oberbayern (ROB) den Betrieb des Zentrums mittels einer europaweiten Ausschreibung neu vergeben will.

Als die ROB im vergangenen Juli das Ankunftszentrum im Euro-Industriepark aus dem Boden stampfte, war die Not groß. Die IMM sprang ein und übernahm die Betreuung der Menschen. Doch die Dankbarkeit der Regierung dafür scheint sich in Grenzen zu halten: Denn jetzt schreibt sie den Betrieb des Zentrums europaweit aus. Das Konzept sieht vor, dass die Sozialbetreuung künftig dem Betreiber und nicht mehr direkt der ROB unterstellt ist. Eine Konstellation, die die IMM klar ablehnt.

Das Ankunftszentrum dient dazu, die Asylsuchenden effizient zu verteilen. Dazu hat die Regierung ein System entworfen: Busse setzen die Menschen ab. In der Halle füllen sie eine Selbstauskunft aus. Formulare gibt es in 27 Sprachen. Nächste Stationen: Warten, Essen, Arzt, Fotoaufnahme, Registrierung. Dann die Transfers: in die Bayernkaserne, andere Regierungsbezirke oder Bundesländer. Wer nachts ankommt, schläft im Bettenhaus gegenüber, einem renovierten Bürogebäude. Nur eine Woche nach der Beauftragung durch die ROB hatte die IMM die Arbeit aufgenommen. Schon zwei Wochen später war ein Dienst in zwei Schichten von 7.30 bis 23.30 Uhr eingerichtet, um täglich zwischen 300 und 800 Flüchtlinge zu betreuen.

Geforderte Dienstleistung ist nicht mit diakonischen Verständnis vereinbar

Doch nun soll damit Schluss sein. Sich an der europaweiten Ausschreibung der ROB zu beteiligen, kommt für die IMM nicht in Frage. Denn: Die soziale Betreuung sei darin den Bereichen „Catering“, „Reinigung“ und „Sicherheitsdienst“ gleichgesetzt – und wie diese dem künftigen Betreiber des Projekts unterstellt. „Die Abgabe eines Angebots für die soziale Betreuung ist damit für uns überflüssig“, sagt Andrea Betz, Leiterin der Abteilung Hilfen für Flüchtlinge. Denn so werde der Stellenwert der Sozialbetreuung deutlich abgewertet, diese sei nur noch Dienstleister eines anderes Dienstleisters. „Das ist mit unserem diakonischen Selbstverständnis nicht vereinbar.“ In dieser Konstellation sei es nicht mehr möglich, die Belange der Flüchtlinge angemessen zu vertreten. „Während aus der gesellschaftlichen Mitte die Aufwertung des Sozial- und Erziehungsdienstes gefordert wird, wird genau diese notwendige Aufwertung konterkariert, indem der Sozialarbeit die Rolle eines Erfüllungsgehilfen zugewiesen wird“, schimpft IMM-Geschäftsführer Günther Bauer.

Die ROB sieht das anders. Die soziale Betreuung im Ankunftszentrum müsse „in den Ablauf dieser speziellen Einrichtung besonders eingebunden“ sein, teilte Sprecherin Simone Hilgers mit. Zur besseren Koordination sei in der Ausschreibung eigens die Stelle eines Objektmanagers festgelegt worden. Der solle aber keine inhaltlichen Vorgaben machen. Die Gesamtverantwortung bleibe „selbstverständlich bei der ROB, die weiterhin mit eigenen Personal vor Ort sein wird“ und auch „ihr Weisungsrecht nicht aus der Hand gibt“, so Hilgers. Die europaweite Ausschreibung sei gemäß geltenden Vorschriften erforderlich.

Derzeit besteht das Team der IMM im Ankunftszentrum aus einer Sozialanthropologin, einem Islamwissenschaftler, einer Germanistin und weiteren Hochschulabsolventen. In jeder Schicht sind drei qualifizierte Mitarbeiter im Dienst. Sie beraten in dreizehn Sprachen, darunter Arabisch, Paschto, Dari, Farsi, Urdu, Hindi, Russisch, Kurdisch und Vietnamesisch. Sorge um ihre Zukunft müssen sie sich nicht machen: Die Sozialbetreuung der IMM ist in vielen Einrichtungen der Flüchtlingshilfe gefragt.

Rubriklistenbild: © dpa

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