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Blick von den Faultürmen auf die Anlage. Die alten Faultürme werden abgerissen. Links ein Gasspeicher, rechts vorn eines der Absetzbecken.

Münchner Stadtentwässerung

Stadt investiert 135 Millionen in Öko-Umbau der Kläranlagen

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Mit einem Investitionspaket von 135 Millionen Euro will die Münchner Stadtentwässerung ihren Energiehaushalt optimieren. Das Ziel: In wenigen Jahren sollen die Klärwerke Großlappen und Marienhof den eigenen Strom- und Wärmebedarf vollständig aus regenerativen Quellen decken.

München - Großlappen, mit rund 50 Hektar etwas größer als die Bayern-Kaserne, und die kleinere Anlage Marienhof nahe Garching klären Tag für Tag zusammen 475 000 Kubikmeter Abwasser. Das ist immerhin ein Zehntel der Wassermenge, die gestern in der Isar durch München floss. Dieser Dienst an der Umwelt kostet Strom: Gewaltige Pumpen und Motoren, vor allem aber die Turboverdichter, die Unmengen Luft durch die Belebungsbecken sprudeln lassen, schlucken alljährlich 85 Millionen Kilowattstunden – so viel, wie 20 000 Vierpersonenhaushalte verbrauchen.

Doch das Abwasser bringt auch Energie mit: Seine Schmutzfracht wird zu Klärschlamm konzentriert und in die großen, weithin sichtbaren Faultürme gepumpt. Dort nährt der Schlamm Bakterien, die Biogas produzieren. Damit wiederum lassen sich Motoren in Blockheizkraftwerken betreiben, die Strom und Wärme erzeugen. Die Wärme reicht bereits jetzt aus, um die Betriebsgebäude zu heizen und den Schlamm in den großen Faultürmen auf die für die Bakterien optimale Temperatur von 38 Grad zu bringen. Doch den Stromhunger der Anlage deckt die eigene Produktion nur zu 60 Prozent.

Koordinatorin Ute Blotenberg an einem der Belebungsbecken. Durch die Rohre wird Luft für die Bakterien in die Brühe gepumpt.

Dem Ziel der Autarkie nähert sich das kommunale Unternehmen nun von zwei Seiten: Zunächst einmal werden die Anlagen optimiert. Im Gut Marienhof, wo das Faulgas von 25 Jahre alten Dieselmotoren verstromt wird, entsteht eine neue Energiezentrale mit effizienteren Gas-Otto-Motoren. Die Luftversorgung der Belebungsbecken, wo sauerstoffliebende Bakterien sich über Stickstoffverbindungen im Abwasser hermachen, soll mit neuer Technik sparsamer arbeiten. Bis zum Jahr 2020 soll die Anlage so effizient arbeiten, dass sie mit dem selbst erzeugten Strom auskommt. Die Anbindung ans Netz des Bayernwerks bleibe zur Sicherheit dennoch bestehen, berichtete Koordinatorin Ute Blotenberg gestern bei einer Pressekonferenz.

Auch in Großlappen sollen Generatoren der neuesten Generation die Stromausbeute aus dem Faulgas erhöhen und neue Turboverdichter den Verbrauch senken. Doch zur Autarkie reicht das nicht, denn hier wird der Klärschlamm aus beiden Anlagen verbrannt, was zusätzliche stromfressende Verfahrensschritte nötig macht. Es bleibt eine Stromlücke, die bisher aus dem Netz der Stadtwerke gedeckt wird.

Die Luftpumpe im Großformat präsentiert hier Christian Berchtenbreiter. Der Turboverdichter belüftet die Belebungsbecken.

Um diese Lücke zu schließen, zapft das kommunale Unternehmen die Sonne an: Auf einem noch freien Grundstück östlich des Guts Marienhof entsteht eine Photovoltaikanlage. „Der Stadtrat hat das schon genehmigt, unter der Auflage, dass es wirtschaftlich ist“, berichtet Christian Berchtenbreiter, Leiter der Abteilung Klärwerksbau. Er zweifelt nicht daran, dass die Berechnung auf Basis der derzeit laufenden Ausschreibung dem Projekt die Wirtschaftlichkeit attestieren wird. Anfang 2018, so hofft Berchtenbreiter, könne der Stadtrat sein endgültiges Plazet geben, „und wenn wir Glück haben, können wir noch Ende 2018 mit dem Bau anfangen.“ Jährlich fünf Millionen Kilowattstunden Strom – der Verbrauch von 1200 Vierpersonenhaushalten – sollen in der ersten Ausbaustufe nach München fließen. Über eine Leitungstrasse braucht sich das Unternehmen keine Gedanken zu machen: Das Kabel wird einfach in dem begehbaren Kanalrohr verlegt, das Großlappen und Marienhof verbindet. Stromproduktion über den eigenen Bedarf hinaus sei nicht geplant, betont Blotenberg. „Unsere Kernaufgabe ist und bleibt die Abwasserreinigung.“

Und diese Aufgabe wird wachsen. „Wir schätzen, dass wir im Jahr 2035 das Abwasser von einer halben Million Einwohner mehr verarbeiten müssen“, sagt Berchtenbreiter. Denn ans Münchner Abwassersystem sind neben der Landeshauptstadt auch zwei Dutzend Gemeinden von Krailling im Südwesten bis Aying im Südosten angeschlossen. „In den Faultürmen haben wir noch genug Luft“, berichtet der Experte. Andere Anlagenteile müssten dann erweitert werden. Aber dass irgendwo auf den weitläufigen Anlagen gebaut wird – sei es, um mehr Kapazität zu schaffen, sei es, um auf neue, bessere Technik umzurüsten – das ist man bei der Münchner Stadtentwässerung gewohnt.

Einst sollte die Stadt vor Krankheiten und Seuchen geschützt werden – heute steht der Schutz der Natur im Mittelpunkt. Vor 125 Jahren wurde die Münchner Abfallwirtschaft gegründet.

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