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tz-Reporter Tobias Scharnagl schlendert mit Christian Ude durch Schwabing. 

Ex-OB zeigt uns seinen Lieblingsplatz

Wir suchen das echte Schwabing - Teil 4: Schlendern mit Ude

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Schwabing - das klingt nach Legende. Aber was ist mit der Gegenwart? Hat sich die Legende bis ins Heute getragen? Die tz geht dieser Frage jetzt in einer neuen Serie nach. Teil 4: Schlendern mit Ude.

Was ist noch echt an Schwabing? Besitzt das Viertel eine Seele – oder hat es diese längst verkauft?

Wer Schwabing ergründen will, kommt an Alt-OB Christian Ude (69) nicht vorbei. Er ist nicht das einzige Urgestein, aber kaum jemand hat Schwabing aus so vielen Blickwinkeln studiert wie er. Zwar ist Ude Jurist, aber in Sachen Schwabing ist er Geograf und Gerichtsmediziner zugleich.

In sieben Jahrzehnten hat Ude als Student, Anwalt, Wahlkämpfer und Spaziergänger das Viertel unzählige Male durchschritten und regelrecht vermessen. Wie ein Anatomieprofessor hat er Schwabing aber auch auf den Seziertisch gelegt, sich mit kritischem Blick darübergebeugt und jede Ecke mit Sorgfalt inspiziert.

Ude ist hier aufgewachsen, zur Schule gegangen, er hat seine Studentenzeit in den 70er-Jahren in den Jazz-Kneipen verträumt. Später hat er als Anwalt alteingesessene Schwabinger gegen gierige Immobilienhaie verteidigt. 1993 veränderte sich Udes Blick auf die Welt grundlegend: die Münchner wählten ihn zu ihrem Oberbürgermeister. Der Anwalt der kleinen Leute musste große Politik machen.

Heute ist Christian Ude Privatier, er kann ausschlafen, Bücher schreiben, in Ruhe Zeitung lesen. Oder mit der tz durch Schwabing spazieren. Die einzig angemessene Art, sich in diesem Viertel fortzubewegen. Was hat sich verändert? Was ist geblieben?

Wir treffen Ude am Sonntagvormittag daheim in Schwabing-West. Gut gelaunt schlendert er los – und setzt sich gleich auf eine Bank am Kaiserplatz. Er lehnt sich zurück und schaut hinüber zur Kirche St. Ursula. Die perfekt erhaltenen Fassaden der Häuser, der Glockenturm der Kirche – Ude sagt „Campanile“ –, das ist für Ude „Italien mitten in München“. Jedes Haus habe seine Geschichte. Helmut Fischer, der Monaco Franze, habe in Nummer fünf gewohnt, der Student Thomas Gottschalk drüben im Studentenheim.

Ude: „In den 70ern wurden viele Schwabinger von hier vertrieben“

Ude seufzt. Das ist die Außenansicht, hinter der schönen Fassade schaut es anders aus. „In den 70er-Jahren wurden viele Schwabinger von hier vertrieben“, sagt Ude – und korrigiert sich gleich wieder: „Keine Vertreibung. Es war eher so, dass die Nachmieter einfach höhere Einkommen hatten als ihre Vormieter.“ Der soziale Wandel kam auf leisen Sohlen.

Ude steht auf, schlendert die Viktoriastraße entlang. An der nächsten Kreuzung (siehe Bild unten) deutet er auf ein Thai-Restaurant. „Früher war hier ein Wirtshaus. Als Jungsozialist hab ich hier geredet, hier hab ich im Fasching ’72 meine Frau näher kennengelernt.“ Heute ein gesichtsloses Schnellrestaurant? Stimmt nicht, sagt Ude. „Die Wirtsleute sind sehr nett! Wir kommen oft her, da helfen sogar die Schwiegereltern mit in der Küche. Das ist heute viel netter als früher.“

Wann ist Ihnen die Gentrifizierung zum ersten Mal begegnet, Herr Ude? „Als Anwalt in den 70ern. Es ging gegen gierige Bauherren und Altbauspekulation. In Schwabing, in der Maxvorstadt, im Lehel.“ Und heute? „Jene, die Schwabing wegen seines kulturellen Rufs als Anlageobjekt wählen, zerstören die kulturelle Grundlage dieses Viertels.“ Spekulanten nennt er „Heimsuchung“.

Das war’s aber noch nicht. Häufig vermisse er auch bei den Vermietern Anstandsgefühl. „Die Schwabinger sind nicht nur Opfer, sondern häufig auch Täter.“ Eine „soziale Auslese“ habe dafür gesorgt, dass die Mischung verloren ging. „Früher lebten hier verschiedene Berufsgruppen: Studenten, Künstler, Handwerker, Angestellte. Heute ist das anders – die IT-Branche hat das Viertel für sich entdeckt.“

Es werde zwar immer noch viel Kultur produziert in Schwabing. „Aber die Zeit als Viertel für mittellose Künstler ist vorbei!“

Ude spaziert die Herzogstraße entlang, vorbei an einer Villa mit unverschämt großem Garten (siehe Bild unten).

Weiter geht‘s über grüne und rote Ampeln, bis hin zur Münchner Freiheit (siehe Bild unten). „Für mich ein echtes Wahrzeichen!“ Ludwig Spaenle von der CSU habe den Bahnhof einmal als „Mahnmal der Schande“ bezeichnet und vorgeschlagen, ihn nach Christian Ude zu benennen. „Ich hätte nichts dagegen“, sagt Ude und lacht sein langgezogenes Ude-Lachen.

Ein paar Meter weiter bleibt Ude wie angewurzelt stehen. „So einen demagogischen Bügerprotest habe ich noch nie erlebt!“ Er steht gegenüber der Feilitzschstraße 7 (siehe Bild unten). Ein wunder Punkt (siehe Text unten). Hier war einmal die legendäre Schwabinger 7 zu Hause. „Es ging erstens um ein Privatgrundstück, da konnte die Stadt nichts machen. Und dann kamen die Gegner auch noch mit unlauteren Argumenten!“

Ude trauert der „Barackenkneipe“ nicht hinterher. „34 Wohnungen wurden hier gebaut!“ Viele sehen das anders. Ude fügt hinzu: „Natürlich ist das ein klassisches Beispiel für die Gentrifizierung. Altes muss weichen, Neues kommt – und leisten kann sich das fast niemand mehr!“ Dennoch: „Man kann doch niemandem verbieten, nach Schwabing zu wollen!“ Lieber sollten die Leute in Neubauten ziehen als den Druck auf den Altbaubestand zu erhöhen.

Weiter vorn am Wedekindplatz tritt Ude wütend nach einer weggeworfenen McDonald’s-Tüte. „Das ist schon ein wenig ein Witz, dass ein privater Eigentümer an solch einem Platz an McDonald’s vermietet.“

Ude: „Einzigartig! Diese Kulturdichte!“

Davon abgesehen gefällt ihm der neue Wedekindplatz (siehe Bild unten) gut. Ude steht vor dem Drugstore (siehe zweites Bild unten) und blickt die Occamstraße entlang. „Einzigartig! Diese Kulturdichte! Hinter uns das Heppel & Ettlich, die Seidl-Villa in Gehweite, neben uns die Galerie Roucka, da vorn Lustpielhaus und Vereinsheim, gleich um’s Eck die Lach & Schieß.“ Er lacht und breitet die Arme aus. „Schwabing stirbt? Ich kann’s nicht mehr hören! Sieht das nach Einsargen aus? Lebendiger kann eine Kulturszene doch gar nicht sein!“

Ude ist beschwingt, er will noch seinen Lieblingsplatz zeigen. Hin zum Englischen Garten dreht Ude nach links ab, schlüpft durch ein Gässchen. Das Rauschen der Autos, das Geplapper der Menschen – plötzlich hört man nichts mehr davon. Stille, Vogelgezwitscher. Ude setzt sich auf eine Parkbank unter mächtige Linden und schaut auf Schwabings Dorfkirche, Sankt Sylvester (siehe Bild unten). „Schwabing soll das Viertel der Gentrifizierung, der Hast, des Geldes sein?“ Ude schnauft. „Ich glaub’ das nicht!“

Die „Schwasi“: 60 Jahre Kult

Nirgendwo anders sind die Münchner herrlicher abgestürzt als in der Schwabinger 7. Stehtische, eingeritzte Liebesschwüre und Jägermeisterflaschen im Fusellicht – die „Schwasi“ war lange Zeit Kult, eine Kneipe als Institution.

Vor etwa sechs Jahren musste die Kneipe in der Feilitzschstraße 7 schließen. In dem verranzten Eck sollte für 39 Millionen Euro ein exklusives Bürogebäude entstehen – trotz heftiger Proteste und Debatten. Ludwig Spaenle (CSU) stellte einen Antrag auf Denkmalschutz. Till Hofmann von der Lach- und Schießgesellschaft startete eine Initiative zur „Rettung der Münchner Freiheit“. Studenten gingen auf die Straße, Künstler auf die Bühne und die Nachbarn vor Gericht. Die Fußballfans der Ultra-Truppe „Schickeria“ haben beim Heimspiel der Bayern gegen den VfB Stuttgart ein Spruchband entrollt, auf dem zu lesen war: „Lieber in der dunkelsten Kneipe der Welt als am hellsten Arbeitsplatz – Die Schwabinger 7 muss bleiben!“ Schließlich schwärmten an einem Mai-Nachmittag mehrere hundert Zuschauer Richtung Schwabing. Auf einem zusammengezimmerten Podium wetterte Michael Mittermeier gegen den Abriss der Schwasi. „Unsere Kinder werden dort, wo heute noch Kneipen herumstehen, nur noch Nagelstudios finden“, prophezeite der Komiker.

Heute ist die Schwasi wieder ganz die Alte: Dunkel, laut und wild. Nach dem Abriss hat der Wirt sein „Kultloch“ einfach ein paar Häuser weiter in die Feilitzschstraße 15 verlegt. 

Lesen Sie auch die weiteren Teile zur Serie: „Die Suche nach dem echten Schwabing“

Teil 1: Mythos oder Märchen?

Teil 2: „Wir sind schon schräg“

Teil 3: Große Bühne für kleine Kunst

Tobias Scharnagl, Sarah Brenner

Unsere besten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf der Facebookseite „Schwabing - mein Viertel“. Werden Sie jetzt Fan. 

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