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Hat die Geschichte des Hauses miterlebt: der Schwabinger Josef Stöcher in seinem Zwei-Zimmer-Apartment.

75. Geburtstag

Altenheim an der Rümannstraße: Ein Haus mit Geschichte

Das Haus an der Rümannstraße im Norden Schwabings hat viel erlebt. Vom Hitler-Regime als Alten- und Siechenheim geplant, wurde es zum Lazarett umfunktioniert und nach dem Krieg zum Heim für „Displaced Persons“. Heute betreibt die Münchenstift es als Altenheim. Am Wochenende feierte das Haus seinen 75. Geburtstag.

München - Wenn Josef Stöcher aus dem Fenster seines Zwei-Zimmer-Apartments schaut, dann ist es für ihn ein vertrauter Blick. Denn der 92-Jährige ist in der Nähe der Rümannstraße in Schwabing aufgewachsen. „Ich bin hier schon als junger Bub vorbeigelaufen“, erzählt er. „Da war früher hier noch alles Wiese, bevor mit dem Bau angefangen wurde.“ Josef Stöcher hat somit die ereignisreiche Geschichte des Hauses hautnah miterlebt.

Er war gerade sechs Jahre alt, als das Nazi-Regime den Bau eines neuen Altenheimes in der „Hauptstadt der Bewegung“ plante. Anders als in dieser Zeit üblich sollten die 530 geplanten Betten nicht in großen Schlafsälen, sondern in modernen Ein- bis Fünfbettzimmern untergebracht werden. Die Finanzierung des rund 2,6 Millionen Reichsmark teuren Baus kam 1939 ins Stocken. Um die Räumlichkeiten als Wehrmachtslazarett nutzen zu können, wurden die Arbeiten jedoch schnell wieder aufgenommen. Der Garten wurde von Zwangsarbeitern angelegt.

Das Haus an der Rümannstraße: Heute beheimatet es knapp 450 Bewohner.

Eine schwierige Anfangsgeschichte, die aber beim 75-jährigen Jubiläum am Samstag nicht verschwiegen wurde. „Es ist eine Zeit, über die man sprechen muss“, sagte Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD), Aufsichtsratsvorsitzende der Münchenstift. Und auch Münchenstift-Geschäftsführer Siegfried Benker betonte: „Wir haben die Verpflichtung, diese Geschichte zu erzählen.“

Die ersten Soldaten trafen 1942 ein. Mit über 600 Verwundeten war das Lazarett bereits im selben Jahr überbelegt. Nach Kriegsende übernahmen die Amerikaner die Verwaltung des Hauses. Sie brachten dort sogenannte Displaced Persons unter, also Personen aus dem Ausland, die meistens davor von den Nationalsozialisten aus ihrer Heimat verschleppt worden waren. Ein Großteil waren ehemalige KZ-Häftlinge oder Zwangsarbeiter. Der Begriff wurde von den Alliierten geprägt.

Im Dezember 1951 wurde das Haus schließlich an die Stadt München übergeben und seinem ursprünglichen Zweck als Altenheim zugeführt. Da es in den frühen 1950er-Jahren nur wenige Altenheime gab, war der Andrang immens. Anfang der 70er-Jahre war daher eine Erweiterung nötig, die unter Alt-Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel beschlossen wurde. Möglich machte dies auch die Spende von 3,5 Millionen Mark des Münchner Herrenausstatters Hans Hirmer. Bis heute finanziert die Familie Hirmer zwei Stellen, die die ehrenamtlichen Mitarbeiter koordinieren sowie einen jährlichen Ausflug. Nach zweijähriger Bauzeit wurde das „Hans-Hirmer-Haus“ eröffnet. In den nächsten Jahren folgten zahlreiche Modernisierungen.

Stolze Hausherren: Münchenstift-Chef Siegfried Benker und Hausleiterin Brigitte Harz-Jahnel.

Anfang 1996 übernahm die Münchenstift, eine gemeinnützige Tochtergesellschaft der Stadt München, die Leitung des Hauses. Zwei Jahre später begannen umfangreiche Renovierungsarbeiten, die 2003 abgeschlossen wurden. Nun gibt es neben den Einzelzimmern auch Apartments für Ehepaare.

Ein solches bewohnt auch Josef Stöcher mit seiner Frau – schon seit knapp 16 Jahren. „Wir fühlen uns sehr wohl hier“, sagt Stöcher und lächelt zufrieden. Hausleiterin Brigitte Harz-Jahnel ist stolz auf die Entwicklung des Hauses, welches sie seit 21 Jahren führt. „Es wurde bereits beim Bau als Vorzeigehaus geplant – und das ist es heute noch immer.“ Eben ein Haus mit einer bewegten Geschichte.

Die besten und wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf der Facebookseite „Schwabing – mein Viertel“.

von Lisa-Marie Birnbeck

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