Auch der Hund ist tot

Frau stirbt an Kohlenmonoxid: Tödliches Gas in der Wohnung

München - Eine 65-jährige Münchnerin ist in der Nacht zum Mittwoch in ihrer Wohnung in Schwabing an Kohlenmonoxid erstickt. Das giftige Gas strömte ersten Ermittlungen zufolge aus einer defekten Gastherme.

Mitten in der Nacht schreckte der Lebensgefährte der Frau aus dem Schlaf. Es war gegen vier Uhr morgens. Seine Partnerin war immer noch nicht im Bett. Er stand auf, um nach ihr zu sehen. Er fand sie leblos auf dem Boden liegend. Offenbar war die Frau auf dem Weg vom Wohnzimmer ins Badezimmer zusammengebrochen. 

Der Mann alarmierte sofort alle Rettungskräfte. Polizei, Feuerwehr und Krankenwagen rückten an. Der Notarzt versuchte vergebens, die Frau wiederzubeleben. Auch der Hund des Paares lag leblos im Wohnzimmer – vermutlich ebenso wie die Bewohnerin an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung gestorben. CO-Warner, mit denen die Mitarbeiter des Rettungs- und Notarztdienstes ausgerüstet sind, schlugen jedenfalls Alarm, und auch die Messgeräte der Feuerwehr zeigten Kohlenmonoxid an. Der Mann wies ebenfalls leichte Vergiftungserscheinungen auf und musste behandelt werden. 

Einen Verdacht, woher das tödliche Gas gekommen sein könnte, hatten die Fahnder schnell: Im Wohnzimmer des Paares steht eine Heizung, im Bad ein Warmwasser-Erhitzer. Beide Geräte sind gasbetrieben. Die Feuerwehr schaltete daher noch in der Nacht die Hauptgasleitung des Mehrfamilienhauses ab. Welches der beiden Geräte in der Wohnung des Paares tatsächlich defekt und für die Vergiftung gesorgt haben könnte, ist unklar. Die Gutachter und Ermittler können das erst klären, wenn die Hauptgasleitung wieder in Betrieb genommen wird. Wann das sein wird, ist ungewiss. 

Im Verdacht: Die Gasheizung

Der Tod der Frau hat die Hausgemeinschaft schockiert und die Bewohner verunsichert. „Ich wohne im dritten Stock“, sagt eine junge Frau, die am Mittwochnachmittag vom Nachtdienst nach Hause kommt und von dem Drama hört. „Muss ich jetzt meine Gastherme überprüfen?“ Ein anderer Anwohner sagt: „So weit ich weiß, ist das Vergiftungs-Risiko gering, wenn man das Fenster kippt.“ 

Eine junge Mutter im Hochparterre des Hauses kannte die Tote nicht näher. Das Paar sei erst kürzlich eingezogen, sagt sie. Angst, dass auch eines ihrer Geräte defekt sein könnte, hat sie nicht. „Zum einen werden sie regelmäßig geprüft, zum anderen ist mein Mann selbst Experte“, sagt sie. „Er arbeitet als Gasthermen- und Heizungsinstallateur. Da fühlt man sich natürlich besser in so einer Situation.“ 

Kohlenmonoxid entsteht meist dann, wenn bei einer Verbrennung der Sauerstoff knapp wird (siehe Kasten links). Seine besondere Gefahr liegt darin, dass der Mensch es nicht wahrnehmen kann. „Das Gas ist farblos, geruchlos und geschmacklos“, sagt Professor Florian Eyer, Leiter der Abteilung für Klinische Toxikologie und des Giftnotrufs am Klinikum rechts der Isar. „Sie kriegen es gar nicht mit, wenn Sie Kohlenmonoxid einatmen“. Auch die ersten Symptome seien sehr unspezifisch: Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Schwindelgefühle, Konzentrationsstörungen und Müdigkeit könnten viele andere Ursachen haben. An Kohlenmonoxid denke da kaum jemand. „Es kommt immer wieder vor, dass der Hausarzt einen Magen-Darm-Infekt diagnostiziert, wenn die ganze Familie solche Symptome zeigt.“ Die Folge: Die Betroffenen gehen zurück in ihre Wohnung, und die Vergiftung geht weiter. 

Der Mensch nimmt das Gas nicht wahr

„Kohlenmonoxid hat eine starke Bindung an den roten Blutfarbstoff Hämoglobin“, erklärt Eyer. „Es verdrängt den Sauerstoff von den roten Blutkörperchen und blockiert die Fähigkeit des Blutes, Sauerstoff zu den Zellen zu transportieren.“ Die Folge: Der Betroffene wird schläfrig, dämmert weg und erstickt. 

„Der Patient muss so schnell wie möglich an die frische Luft gebracht werden“, sagt Eyer. „Und zwar möglichst durch die Feuerwehr.“ Doch selbst dann dauere es noch mehr als fünf Stunden, bis die Hälfte des Gifts wieder aus dem Blut entfernt sei. Durch Beatmung mit Sauerstoff in hoher Konzentration könne der Notarzt diese sogenannte Halbwertszeit auf 60 Minuten drücken. In schweren Fällen ist die letzte Rettung die Druckkammer der Feuerwache Ramersdorf, wo der Entgiftungsprozess noch schneller abläuft. 

Gefährdet sind nicht nur Menschen in dem Raum, in dem das Kohlenmonoxid freigesetzt wird. „Das Gas ist etwas leichter als Luft und steigt nach oben, und es geht auch durch Mauerwerk und Betondecken“, sagt Eyer. „Es kann also sein, dass eine Wohnung im Erdgeschoss betroffen ist, aber auch im ersten Stock liegen sie schon bewusstlos.“ Deshalb kennt die Feuerwehr, wie auch am Mittwochmorgen an der Ainmillerstraße, keine Rücksicht auf Nachtruhe: Die Einsatzkräfte rissen die Bewohner aller 13

Wohnungen in dem Mehrfamilienhaus aus dem Schlaf und kontrollierten mit Messgeräten die Raumluft. „Da geht’s ums Überleben“, sagt Sprecher Johann Petryszak. In einer weiteren Wohnung wurden erhöhte Werte festgestellt. Hier genügte kräftiges Lüften, um die Gefahr zu bannen.

Hüseyin Ince, Peter T. Schmidt

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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