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Am Bett des Patienten halten Ärzte und Pflegekräfte rund um die Uhr Wacht.

Besuch auf der Sonderisolierstation

Schwabinger Klinikum: Im Schutzanzug gegen Ebola

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München - Ein Ebola-Patient aus Afrika soll womöglich in Hamburg behandelt werden. Falls ein Infizierter nach Bayern gelangen sollte, würde er im Schwabinger Krankenhaus landen. Hier gibt es eine von bundesweit sieben Sonderisolierstationen, die für solche Fälle gerüstet sind.

„Das Fenster“, sagt Wolfgang Guggemos und deutet auf eine mit braunen Holzleisten gerahmte Scheibe in der Tür, „ist das Wichtigste“. Durch dieses Fenster, so erklärt der Leitende Oberarzt, „haben wir immer die Kollegen im Blick. Nachts um drei ist das unheimlich wichtig: Zu sehen, dass draußen das Leben weitergeht.“

Draußen, das ist der „grüne“, von Erregern freie Bereich der Sonderisolierstation von Haus 10 im Schwabinger Klinikum. Drinnen, in einem hermetisch abgesperrten Krankenzimmer, sitzen im Ernstfall ein Arzt und zwei Schwestern in Schutzanzügen neben einem Patienten. Es geht um Leben und Tod – für den Patienten, der mit einem gefährlichen Virus infiziert ist, und für alle Menschen ringsum, die sich anstecken könnten. Für solche Fälle wurde die Station 10d in Schwabing gebaut. Mehr Schutz als hier gibt es in ganz Bayern nirgends.

Station mit höchster Infektions-Schutzstufe für Viren wie Ebola

Es ist eine Station, die extrem selten gebraucht wird. Stufe 4, die höchste Infektions-Schutzstufe, ist vor allem bei Viren nötig, die sogenannte hämorrhagische Fieber wie Ebola und Lassa-Fieber hervorrufen. Solche Krankheiten gibt es hierzulande nicht, sie können allenfalls von Reisenden eingeschleppt werden. „Die Wahrscheinlichkeit ist sehr klein“, sagt Guggemos. Nur ein- bis zweimal im Jahr gelangen solche Erreger nach Europa. Zuletzt wurde in Schwabing im März vergangenen Jahres ein Araber behandelt, der sich mit einem noch wenig bekannten Corona-Virus infiziert hatte. Der 73-Jährige starb. Sein Leichnam wurde auf Station 10d für den sicheren Transport in die Heimat vorbereitet.

Immer, wenn irgendwo auf der Welt Epidemien ausbrechen wie jetzt in Afrika, wachse auch hierzulande die Nervosität, berichtet Professor Clemens Wendtner, Chefarzt der Schwabinger Klinik für Hämatologie, Onkologie, Immunologie, Palliativmedizin, Infektiologie und Tropenmedizin, zu der Haus 10 gehört. „Da gibt es dann Kollegen, die einen Patienten mit unklaren Symptomen im Sprechzimmer einsperren und hier anrufen.“ (Welche Symptome auf eine Ebola-Infektion hindeuten, wo das Virus herkommt und warum eine Infektion so gefährlich ist - Antworten auf diese Fragen lesen Sie in unserem Artikel über das Killer-Virus.)

20 Minuten dauert das Ankleiden für die Isolierstation

Meistens ist es falscher Alarm. Doch wenn der Verdacht sich erhärtet, folgt eine wahre Materialschlacht. „Kommen Sie“, sagt Oberarzt Guggemos und startet zu einem Rundgang. Der beginnt im Ankleideraum, zwischen Regalen voller Verbrauchsmaterial und Transportkisten für das Mobil-Team. Oberarzt Michael Seilmaier hilft Guggemos in den gelben Schutzanzug, Größe XXL. Reißverschluss, Ärmelbünde, der Doppelkragen der transparenten Kunststoffhaube – alles wird penibel mit Klebestreifen verschlossen. Deren Enden drückt Seilmaier zu Laschen zusammen. Später, in der Dekontaminationsdusche, muss Guggemos sie allein öffnen können. Ein akkubetriebenes Atemgerät drückt leise heulend Luft in den Anzug, angesaugt durch Filter, die selbst Viren zurückhalten. Im Anzug herrscht jetzt Überdruck – selbst durch ein kleines Leck könnten keine Erreger eindringen. Doch der Anzug ist dicht – so dicht, dass Guggemos eine Funksprechanlage braucht, um sich verständigen zu können. Der Infektions-Spezialist streift sich das zweite Paar Handschuhe über und steigt in dunkelgrüne Plastik-Clogs. Die 22 Punkte der Checkliste, die in großen Lettern an der Wand prangt, sind abgearbeitet. Fast 20 Minuten sind vergangen. „Fertig“, sagt Guggemos und öffnet die Tür zum Außenkorridor. Ein paar Schritte weiter steht er vor der Tür, die den grünen vom roten Bereich trennt. „Zugang zur Isolierstation“ steht darauf.

Blutprobe eines Ebola-Patienten darf die Isolierstation nicht verlassen

Dahinter liegt ein kleines Labor. „Unspektakulär, aber hier können wir alles machen“, sagt Guggemos. Das große Klinik-Labor steht im Ernstfall nicht zur Verfügung. Nicht einmal die Blutprobe eines Ebola-Patienten darf die Isolierstation verlassen.

Durch eine Druckschleuse betritt Guggemos das Krankenzimmer. Hier herrscht Unterdruck, damit keine Luft ungefiltert nach außen dringt. Zwei Betten verlieren sich in dem Raum. Doch im Ernstfall, sagt Guggemos, „steht hier alles voll“. Dialyse-, Beatmungs- und Diagnosegeräte: Das komplette Instrumentarium moderner Intensivmedizin fahren die Ärzte dann auf. Und keines der Geräte kommt wieder hinaus. Die teure Technik wird vernichtet, „weil kein Hersteller uns garantiert, dass die Geräte nach der Desinfektion hundertprozentig Ebola-frei sind.“ Für den Fotografen beugt sich Guggemos über die Übungs-Puppe im Bett. Schon jetzt kleben seine Haare an der schweißnassen Stirn. „Länger als drei Stunden kann man in diesem Anzug nicht arbeiten“ sagt er. Und nach der Schicht wartet die Formalindusche.

Bei Ebola-Ernstfall sind 25 Personen pro Tag und Patient nötig

Im winzigen Dekontaminationsraum muss Guggemos den Anzug mindestens eine Viertelstunde lang abschrubben. Dann, endlich, darf er die Plastikhülle abstreifen und durch die zweite Tür in den „grünen Bereich“ treten.

Im Ernstfall ist das ein ständiger Kreislauf: „Wir brauchen 25 Personen pro Tag und Patient“, sagt der Mediziner. Zum Glück mangelt es nicht an Interessenten. Die Bereitschaft mitzuarbeiten sei größer als der Bedarf, sagt Guggemos. 150 Schwabinger Pflegekräfte sind für Station 10d ausgebildet, eine Schwester und ein Arzt sind immer in Rufbereitschaft. Binnen 3 Stunden lässt sich die Anlage aus ihrem Dornröschenschlaf wecken.

Erschrecken die Patienten, wenn sie die Schutzanzüge sehen? Ganz im Gegenteil, sagt Guggemos. Jeder Patient, bei dem der Verdacht auf Ebola oder Ähnliches aufkommt, „wird zunächst die Erfahrung machen, dass um ihn herum Panik und Hektik herrscht. Jetzt trifft er auf ein Team, das vielleicht anders aussieht, aber es ist für ihn da. Das wird dankend angenommen.“

Bei Ebola-Verdacht am Flughafen: Fahrzeugkonvoi auf abgesperrten Autobahnen

Das beginnt schon beim Transport nach Schwabing – auf abgesperrten Autobahnen in einem Fahrzeugkonvoi mit Polizeibegleitung. Besonders stressig seien Fahrten zum Flughafen, berichtet Guggemos. Der Münchner Airport ist einer der wenigen in Deutschland, zu denen Flugzeuge umgeleitet werden, wenn in der Luft der Verdacht einer Stufe-4-Infektion aufkommt. Anders, als wenn der Patient schon in einer Klinik liegt, gibt es hier keine klare Diagnose, man muss auf alles gefasst sein.

Umso wichtiger sind die zwei Handbücher, die Guggemos und sein Team in den vergangenen 20 Jahren geschrieben haben. Sie bestehen fast nur aus Checklisten, die Punkt für Punkt abzuarbeiten sind.

Während draußen im Ernstfall die Fachleute der Gesundheitsämter nach Kontaktpersonen fahnden und Quarantänemaßnahmen koordinieren, beginnt hinter den Milchglasscheiben von Station 10d das Ringen um den Patienten. Zwar gibt es für die Mehrzahl der hämorrhagischen Fieber keine Therapie, der Körper muss allein mit dem Virus fertig werden. Doch dabei können ihn Guggemos und sein Team mit allem unterstützen, was die moderne Intensivmedizin hergibt. Über allem, so betont der Oberarzt, stehe dabei das Gebot, „dass jeder Mitarbeiter sicher rein und sicher wieder rauskommt.“

Bei Ebola "wissen wir, wie wir die Patienten behandeln müssen"

Ebola bereitet dem erfahrenen Infektiologen in dieser Hinsicht kein Kopfzerbrechen: „Da ist alles bekannt: Es verbreitet sich nicht durch die Luft, es gibt einen Standardtest, und wir wissen, wie wir die Patienten behandeln müssen.“ Viel komplizierter seien neue Krankheiten wie die Lungeninfektion SARS die im Jahr 2003 weltweit fast 1000 Todesopfer forderte: „Die ist nahezu aus dem Nichts entstanden und hat sich extrem schnell über die ganze Welt verbreitet. SARS hat gezeigt, dass Krankheiten reisen.“

Diese Sorge, so berichtet Chefarzt Wendtner, sei schon vor den Olympischen Spielen 1972 aufgekommen, als Gäste aus aller Welt in München erwartet wurden. Damals wurde die Sonderisolierstation gebaut. Heute, in Zeiten des Massentourismus und der Angst vor Bio-Terrorismus, gibt es keinen mehr, der die hohen Kosten in Frage stellen würde. Und jederzeit könnte irgendwo auf der Welt ein neues Virus auftauchen, sagt Guggemos. „Wir wissen nicht, was die Evolution bereithält.“

Sein Team würde im Fall des Falles die Checklisten abarbeiten, sie gegebenenfalls um neue Erkenntnisse erweitern und, wie Guggemos es ausdrückt, „Medizin machen“ – möglichst abgeschirmt von der Öffentlichkeit, ohne die Hektik, die in Katastrophenfilmen wie „Outbreak“ mit Dustin Hoffman herrscht. „Auf die Heldenrolle“, sagt Professor Wendtner, „können wir gerne verzichten“.

Von Peter T. Schmidt

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