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Treffen an Giselas Laterne: Gerd Waldhauser, Till Hofmann und Wolfgang Roucka (v.re.) am Wedekindplatz, der Drehscheibe Altschwabings.

Kaum noch Boazn im Viertel

Karibik-Bar schließt: So verändert sich Altschwabing

Seit einigen Jahren verschwinden Kneipen in Schwabing. Als Nächstes die Karibik-Bar. Wir haben mit drei Altschwabinger Urgesteinen gesprochen und festgestellt: Die Entwicklung polarisiert.

Auf dem Wedekindplatz steht eine Laterne. Sie ist krumm, sieht nach Kunst aus. Was nur wenige wissen: Die Laterne ist ein Relikt aus Altschwabings wilder Vergangenheit. Dass sie dort steht, ist Wolfgang Roucka zu verdanken. Seit über 50 Jahren hat der „Posterkönig von Schwabing“ an der Feilitzschstraße seine Galerie. Der Fotograf ist eine Schwabinger Legende, aus dem Viertel nicht wegzudenken.

Wenn Roucka die Laterne betrachtet, leuchten seine Augen. „Die hat früher der Schwabinger Gisela gehört“, erzählt er. In den 50er- und 60er-Jahren war das „Bei Gisela“ an der Occamstraße 8 das Nachtlokal schlechthin. Bei Gisela Jonas-Dialer, damals Deutschlands jüngste Wirtin, traf sich, was Rang und Namen hatte – vom Astronauten Juri Gagarin bis zum Westernhelden John Wayne. „Wer in München war, ging zur Gisela“, sagt Roucka.

Gisela berühmt für freche Chansons

Die Gisela war berühmt für ihre frechen Chansons. Jeden Abend erklomm die Wirtin die Bühne und sang mit rauchiger Stimme freizügige Lieder. „Dort war die Hölle los, und ihr Markenzeichen war diese Laterne.“ Bis die Gisela 1974 ihr Lokal schloss. Ihre Freundschaft zum Posterkönig blieb bis zu ihrem Tod im Jahr 2014. „Damals habe ich der Gisela versprochen, dass ich ihre Laterne auf dem Wedekindplatz zum Leuchten bringe.“ Wolfgang Roucka hat Wort gehalten. Beim Schwabinger Bürgerfest im Mai 2016 wurde die Laterne am rundum sanierten Platz eingeweiht.

Die wilde Zeit, an die die Laterne erinnert, ist vorbei. „Dieses Bermudadreieck am Wedekindplatz war in den 60er- und 70er-Jahren voller Leben“, schwelgt Roucka. „Damals gab es in jedem Lokal Livemusik. Ladenschluss war um halb sieben, danach ging es in die Kneipen.“ Um ein Uhr sei der Zauber stets vorbei gewesen. „Um acht Uhr früh musste man ja wieder einsatzbereit auf der Matte stehen. Das hat Schwabing enorm geprägt.“ Wo früher berühmt-berüchtigte Kneipen waren, stehen heute vor allem Speiselokale. Internationale Küche, gut, familientauglich.

Die Karibik schließt diese Tage. Was nachfolgt, ist noch unbekannt.

Eine Entwicklung, die Wolfgang Roucka begrüßt. Denn Ende der 80er-Jahre hat sich Altschwabing schon einmal gewandelt – nicht zum Besseren, wie Roucka findet. Neue Feiermeilen wie der Kunstpark Ost entstanden. Livemusik sei immer mehr verschwunden. „Die Schwabinger Kneipen wurden runtergewirtschaftet, mit Meter-Pils und lauter so Zeug.“ Das neue Klientel: Leute, die nur noch viel und billig trinken wollten. „Ich habe immer gesagt: Schwabing ist nicht tot, aber Belebung tut Not.“

Roucka: „Viertel blüht wieder auf“

Seit einigen Jahren blühe das Viertel wieder auf, sagt Roucka. „So, wie ich damals mit neuen Ideen kam und Schwabing aufgemischt habe, so sind jetzt wieder junge Leute mit kreativen Ideen am Werk.“ Gut findet er das Lokal Trumpf oder Kritisch, dort, wo in den 70ern die Kneipe Hängematte war. Oder das Occam Deli, „ein sehr innovatives Lokal“. Roucka: „Abends ist es hier wieder gerammelt voll. Man kommt wieder gerne ins Epizentrum Schwabing.“

Andere sehen das neue Altschwabing eher kritisch. Zum Beispiel Till Hofmann. Neben dem Lustspielhaus und der Lach- und Schießgesellschaft gehört ihm auch das Vereinsheim an der Occamstraße 8, wo früher die Schwabinger Gisela war. „Der Bestand geht schon kaputt“, sagt Hofmann. „Das, was Schwabing ausmacht. Dazu gehört auch der Dreck in den Ritzen – und nicht das hochglanzpolierte, geschleckte Wohnviertel, das kaputt gewohnt wird mit 15 000 Euro pro Quadratmeter.“ Die Gentrifizierung ist ihm ein Graus. „Es muss jetzt alles leise sein, denn es ist auf einmal ein Wohnviertel. Die Spekulationsblase schlägt schon aufs Flair.“ Anwohner, die sich über Lärm beschweren – das hätte zum Altschwabing der 60er nicht gepasst.

Ein Trauerzug fand im Juni 2011 statt, als die legendäre „Schwabinger 7“ umziehen musste – von der Feilitzschstraße 7 an die Hausnummer 15.

„Das Problem ist natürlich, dass Künstler und Kreative in günstige Viertel gehen“, sagt Hofmann. „Diese Leute machen es dann zum In-Viertel. Das zieht wiederum Investoren an, und die Künstler sind die ersten, die wieder rausfliegen.“ Trotzdem will er den Wandel nicht verteufeln, es könne sich ja noch zum Guten wenden. „Wenn man viel Geld in Hochglanz investiert, kann der Hochglanz auch abschmieren.“ Seine Hoffnung ist, dass ein paar der Läden pleite gehen, etwas Neues entsteht. „Dass man die Wirte wieder leben lässt und sagt: Der ist fürs Viertel wichtig.“ In Nostalgie will Hofmann aber nicht schwelgen. „Die Leute sagen, es sei nicht mehr das Schwabing von damals. Lustigerweise habe ich kürzlich einen Dokumentarfilm aus den 50er-Jahren gesehen, in dem die Leute sagen: In den 20ern, da gab es in Schwabing lauter Künstlerateliers, heute kann sich das keiner mehr leisten.“

Kneipen schließen: Schwabing braucht „die Boazn an der Ecke“

Hofmann geht es auch um die Kneipen. Dass sie verschwinden, bereitet ihm Sorgen. Die Bar Centrale – heute ein afghanisches Lokal. Das Schwabinger Podium schloss Ende Februar, das Alfonso’s vor wenigen Tagen. Ende Juni ist die Cocktailbar Karibik dran, eine der letzten Fußballkneipen im Viertel. „Es muss auch Läden geben, wo nicht nur der Porsche-Cayenne-Fahrer verkehrt“, sagt Hofmann. „Wo normale Typen rumhängen, die Boazn an der Ecke.“ Einige dieser Kneipen gibt es im Viertel noch. Den Neuen Hut, die Rennbahn, die Hopfendolde. Oder die legendäre Schwabinger 7, das Grüne Eck, das Abseits und das Feldstüberl – letztere haben alle eines gemeinsam: Sie gehören Gerd „Manila“ Waldhauser. 1969 übernahm der heute 75-Jährige die Schwabinger 7. Mitten in der wilden Zeit.

„Die Sieben war eines meiner Stammlokale“, erzählt Waldhauser. „Es war nicht das verkommenste, aber das verrückteste Lokal – da waren nur Spinner drin. Und ein bisschen spinnen muss man, weil man sonst nicht normal ist.“ Für ihn habe das genau gepasst. „Da haben wir es krachen lassen. Den Abendumsatz haben wir manchmal einfach in der Stadt wieder versoffen.“ Damals habe es auch keine Probleme wegen der Lautstärke gegeben. „In den 60ern und 70ern war das hier eine reine Sauferei, ohne dass die Nähe der Uni auf uns gewirkt hätte“, sagt Waldhauser.

(Unsere besten und wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf unserer neuen Facebook-Seite „SChwabing - mein Viertel“.)

Müllmänner haben in der Schwabinger 7 vorbeigeschaut

Er erinnert sich gerne an die Eskapaden von damals. „Vor 40 Jahren hat man sich auch nicht an die Sperrstunde gehalten. Wir haben einfach zugesperrt und durchgemacht.“ Manchmal, bis am nächsten Morgen die Müllabfuhr kam. So mancher Müllmann habe morgens in der Schwabinger 7 vorbeigeschaut. „Einmal haben die ihren Müllwagen bei uns in der Einfahrt stehen lassen, weil sie so besoffen waren, dass sie nicht mehr wegfahren konnten.“ Heute unvorstellbar. Es sei nicht alles nur gut gewesen – wo Licht ist, sei auch immer Schatten. Dennoch: „Wenn sie bei uns eine Prohibition eingeführt hätten, wäre ich der Erste mit Distille im Keller gewesen.“

Dass es heute in der Occam- und Feilitzschstraße hauptsächlich Speiselokale gibt, findet Waldhauser nicht schlecht. „Was dort gerade läuft, ist gut für Schwabing. Das sind gute Lokale, ihre Betreiber sind Leute, die sich engagieren.“ Das werde von den Münchnern angenommen. „Es hat eben alles seine Zeit.“

In einem Punkt sind sich Gerd Waldhauser, Wolfgang Roucka und Till Hofmann einig: Sie alle lieben ihr Altschwabing, ungeachtet sämtlicher Veränderungen. Hofmann findet dafür klare Worte: „Schwabing gefällt mir nach wie vor total gut. Wahrscheinlich gerade, weil es sich verändert, und weil man sich aufregt und ärgert.“ Weil man diskutiere, weil alles in Bewegung sei. „Weil es sich lohnt, für Schwabing zu kämpfen.“

Lesen Sie auch unseren Bericht „Trauermarsch für Schwabinger Musik-Club: Ausgspuit im Alfonso‘s“ und alle Teile unserer großen Serie, in der wir das alte Schwabing gesucht haben

Marian Meidel

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