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Verlor erst ihre Wohnung, dann ihren Job – im Haus Agnes fand Sabine Ketzer wieder Halt.

Haus Agnes hilft Frauen in Not

Rettung vor der Obdachlosigkeit: „Hier wurde ich aufgefangen“

Das Haus Agnes in Schwabing bietet wohnungslosen Frauen vorübergehend ein Dach über dem Kopf. Die Einrichtung gibt den Bewohnerinnen nicht nur ein Zuhause auf Zeit, sondern auch neue Hoffnung.

München - Sabine Ketzer hat schlecht geschlafen in der letzten Nacht. „Bis vier Uhr morgens war ich wach, so aufgeregt war ich“, erzählt sie über eine Tasse Kaffee gebeugt. Der Grund für die Aufregung ist eine Wohnung. 36 Quadratmeter in der Maxvorstadt, mit Küche, Bad „und richtig schön geschnitten“, wie Ketzer sagt. Am Montag hat sie die Wohnung besichtigt, seitdem ist sie nervös. „Die war ganz frisch saniert, ob man mich da mit Hund will?“

Um zu verstehen, wie eine einfache Wohnungsbesichtigung eine eigentlich stark wirkende Frau wie Ketzer so aus der Fassung bringen kann, muss man wissen, dass sich das Leben der 55-Jährigen im vergangenen Sommer plötzlich von einen auf den anderen Tag komplett veränderte. Damals hatte ihr der Vermieter ihrer Wohnung in Moosach nach 18 Jahren wegen Eigenbedarfs gekündigt. Mit einem Einkommen von monatlich knapp 1100 Euro und einem großen weißen Schäferhund als Haustier gestaltete sich die Suche nach einem Ersatzquartier mehr als schwierig – und plötzlich schwebte das Damoklesschwert Obdachlosigkeit über Ketzer.

Rettung kam in letzter Minute: Als die Kassiererin nicht mehr weiter wusste, wendete sie sich an eine Beratungsstelle. Hier wurde sie an das Haus Agnes vom Sozialdienst katholischer Frauen verwiesen. Frauen, die sonst auf der Straße stünden, finden hier übergangsweise ein Dach über dem Kopf.

Haus Agnes: Man frühstückt gemeinsam - und feiert Feste

48 Plätze hat die Einrichtung derzeit. Jede Frau, die hier unterkommt, hat ihr eigenes kleines Zimmer. Bäder, Küchen und Aufenthaltsräume werden geteilt. An die große Not, aus der viele Frauen gerettet wurden, erinnert im Haus auf den ersten Blick nur wenig. Die Räume sind freundlich gestaltet, in den Gemeinschaftsräumen stehen Blumen. „Wir wollen es den Frauen so schön wie möglich machen“, sagt Cornelia Zangl, Leiterin des Haus Agnes. Dafür wird einiges getan: Zweimal im Monat frühstücken die Frauen zusammen, und auch Feste werden gemeinsam gefeiert.

Auch die sozialpädagogische Betreuung vor Ort ist ein wichtiger Teil des Konzepts. Denn nicht wenige der Frauen haben Traumatisches erlebt: Schulden, psychische Probleme, häusliche Gewalt. Aber auch Frauen ohne solche Vorgeschichten bringt das Gefühl, mit der eigenen Wohnung ein wichtiges Stück Normalität im Leben zu verlieren, schnell an Belastbarkeitsgrenzen.

„Wir wollen es den Frauen so schön wie möglich machen“, sagt Cornelia Zangl, Leiterin des Haus Agnes.

Ketzer weiß, wie es sich anfühlt, wenn das eigene Leben plötzlich in sich zusammenfällt wie ein Kartenhaus. Kurz nach der Wohnungskündigung verlor sie auch den Job – nach 35 Jahren im Arbeitsleben. Und dann musste auch noch der geliebte Hund vorerst zum Tierschutz, denn Einrichtungen für Frauen mit Tieren gibt es nicht. „Damals kam wahnsinnig viel zusammen. Als ich hier ankam, war ich fix und fertig, aber ich wurde aufgefangen“, sagt sie.

Bewohnerin: „Es wird hier wirklich sehr viel getan für uns“

Bewohnerin Renate Ippolitis sieht das ganz ähnlich: „Es wird hier wirklich sehr viel getan für uns“, erzählt sie. Auch sie stand auf einmal vor dem Nichts. 45 Jahre lang war die zierliche 76-Jährige verheiratet. Der Ehemann war Künstler, das Paar reiste um die Welt, lebte lange in den USA. Dann starb ihr Mann. Ippolitis lernte einen neuen Partner kennen, zog zu ihm in die Eigentumswohnung. „Er wollte immer, dass wir zum Anwalt gehen und alles regeln für den Fall, dass ihm etwas passiert, aber das wollte ich nicht“, erzählt sie. Ein Fehler, wie sich bald herausstellt. Denn als auch der neue Partner stirbt, verkaufen seine Erben die Wohnung. Mit 75 Jahren stand Ippolitis auf der Straße. „Ich wusste nicht, an wen ich mich wenden kann, habe mich auch ein bisschen geschämt“, erzählt sie. Deshalb zog sie ins Hotel. Zwei Monate lebte sie dort, für 60 Euro die Nacht. Erst als das Geld aus war, vertraute sie sich einer Freundin an. Die brachte sie ins Haus Agnes.

Als ihr Partner starb, stand Renate Ippolitis auf der Straße. Im Haus Agnes fand sie eine neue Bleibe.

Scham sei bei Frauen nicht selten, weiß Einrichtungsleiterin Zangl. Dabei stehen sie mit ihren Problemen nicht alleine da. Rund 5500 Wohnungslose zählte die Stadt München im vergangenen Jahr. 450 davon Frauen, die in Unterkünften wie dem Haus Agnes untergebracht waren. Die Zahl der tatsächlich auf der Straße lebenden Frauen lässt sich nur schätzen: Mit rund 500 wird sie angesetzt.

Die Zeit, die Bewohnerinnen im Haus Agnes verbringen können, ist begrenzt. Sechs Monate sollen die Frauen maximal bleiben, in Einzelfällen kann verlängert werden. Das kam in den vergangenen Jahren häufiger vor. Denn gerade Frauen, die zwar Geld verdienen, aber eben nicht genug, um auf dem Münchner Wohnungsmarkt bestehen zu können, fallen oft durch alle Förderraster, so Zangl.

Für Ippolitis und Ketzer stehen die Chancen, bald wieder in den eigenen vier Wänden leben zu können, gut. „Ich freue mich darauf, wieder mein eigenes Leben führen zu können, aber ich habe hier auch viel Positives mitgenommen“, erzählt Ketzer. „Trotzdem will ich das Haus so schnell wie möglich verlassen, auch damit eine andere Frau in meiner Situation nachrücken kann.“ Wenn es geklappt hat mit der eigenen Wohnung, will Ketzer zuallererst ihren Hund vom Tierschutzverein holen. „Ich vermisse ihn jeden Tag“, sagt sie.

Mit ihrer Zimmernachbarin Renate Ippolitis will sie Kontakt halten. Die beiden Frauen haben sich im Haus Agnes angefreundet und auch schon einen großen Plan für die Zeit danach: gemeinsam zur Weihnachtszeit nach New York reisen. „Träume muss man immer haben“, sagt Ippolitis. „Sonst ist man verloren.“

Apropos Obdachlosigkeit: Gerade erst berichteten wir über Thomas, der trotz eines Jobs unter einer Brücke leben muss. Nun wird dem Mann geholfen.

Von Annika Schall

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