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„Die Verbände müssen den Mut haben, in so ein großes Stadion zu gehen.“ Arno Hartung an einem weltbekannten Ort: das Olympiastadion mit seinem grandiosen Zeltdach. Der Olympiapark-Chef geht Ende des Jahres in den Ruhestand. Der Park ist ihm ans Herz gewachsen – trotz vieler Probleme und Rückschläge.

Scheidender Boss im Interview

Chef Hartung: „Das war die härteste Entscheidung für den Olympiapark“

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München - Olympiapark-Chef Arno Hartung geht zum Jahresende in den Ruhestand. Vorher spricht er im Interview noch über schwere Momente, verpasste Chancen und die Zukunft des Areals. 

Auf dem Besprechungstisch in Arno Hartungs Büro steht ein Modell des Olympiastadions. Auf dem Spielfeld stecken Vereinswimpel des FC Bayern und der Löwen. Fußball hat nach Olympia 1972 den Park geprägt. Doch das ist Geschichte. Auch die Ära des Chefs der Olympiapark München GmbH (OMG) ist am Jahresende vorüber. Hartung (67) geht in den Ruhestand, Nachfolgerin wird seine Stellvertreterin Marion Schöne. 41 Jahre lang war Hartung im Olympiapark beschäftigt. Lange leitete der Münchner die Presseabteilung, 2014 wurde er zum Chef befördert, nachdem Vorgänger Ralph Huber wegen des Verdachts der Untreue gehen musste. Ein Gespräch über ein Leben für und im Olympiapark.

Ich rate mal: Ihr Lieblingsplatz im Olympiapark ist das Drehrestaurant im Olympiaturm mit seinem wunderbaren Ausblick.

Arno Hartung: Es gibt sicher mehrere Lieblingsplätze. Aber da geb ich Ihnen Recht – vom Turm aus hat man den besten Blick: über den Park in seiner vollen Schönheit, und über München bis in die Alpen hinein.

Was macht die Schönheit des Olympiaparks aus?

Hartung: Vieles: die Architektur, die Parklandschaft, die Veranstaltungsstätten, die Möglichkeit für die Bürger, sich sportlich zu betätigen. Rein optisch ist die Architektur des Stadion-Zeltdachs das wertvollste Gut des Parks. Wäre diese Architektur nicht, würde es vielleicht den Park in der Form nicht mehr geben. Auf der anderen Seite ist der Park in seiner Gesamtheit für den Erfolg verantwortlich. Er ist zum Erholungspark für die Münchner geworden. Eines sollte man aber bedenken: Wir sind kein Englischer Garten, wir sind ein Sportgelände. Das sage ich ganz bewusst, weil es manchmal Tendenzen gibt, alles müsse hier ruhiger werden. Es ist ein Veranstaltungspark, der aus Anlass der Olympischen Spiele 1972 gebaut wurde.

Das Stadion-Dach genießt Weltruf. Nun gibt es Pläne, den Park zum Unesco-Weltkulturerbe zu erklären. Eine gute Idee?

Hartung: Ja und Nein. Einerseits kann ich es nachvollziehen, andererseits sollte man sich sehr genau erkundigen, was damit verbunden ist. Auf keinen Fall darf es passieren, dass eine Art Käseglocke über den Park gestülpt wird und gewisse Dinge nicht mehr gemacht werden dürfen ...

Das war die negativste Entscheidung für den Park

Zum Beispiel große Open-Air-Konzerte . . .

Hartung: Genau, das wäre für den Park tödlich. Man muss genau hinsehen, was ein Weltkulturerbe brächte. Dass mehr Touristen angelockt würden, glaube ich nicht. Der Park ist schon jetzt sehr gut bevölkert. Ein Weltkulturerbe bringt keinen zusätzlichen Schub.

Sie waren 41 Jahre bei der OMG. Was ist so faszinierend an diesem Job?

Hartung: Die Tätigkeit bringt jeden Tag neue Herausforderungen, die meist von Erfolg gekrönt sind. Der Erfolg ist greifbar – zum Beispiel bei einem tollen Konzert. Es ist ein schöner Job, weil man den Leuten Freude bereitet und sie in ihrer Freizeit unterhalten kann.

Sie waren lange in der Presseabteilung, die letzten zwei Jahre nun Chef. Ein später Adelstitel . . .

Hartung: Es war für mich ein traumhafter Abschluss, keine Frage. Auch eine Art Wertschätzung der Arbeit, aber mehr für das gesamte Team. Darauf lege ich Wert. Wir haben gemeinsam den Olympiapark nach einer nicht einfachen Periode auf Vordermann gebracht.

Olympia 1972 war kurz vor Ihrem Einstieg bei der OMG. Wo und wie haben Sie das Attentat erlebt?

Hartung: Das habe ich alles sehr leibhaftig erlebt. Meine Frau war Olympia-Hostess. Sie hatte zwar zum Zeitpunkt des Attentats keinen Dienst. Aber weil mich die Spiele generell sehr interessiert haben, ging uns das sehr nahe. Wir waren damals, am 5. September 1972, bei meinen Schwiegereltern in Gern und haben die Polizeihubschrauber übers Haus fliegen sehen. Ich war auch bei der Trauerfeier im Stadion. Ich habe starke Erinnerungen an das Attentat.

Hat Ihre Frau als Hostess weitergearbeitet?

Hartung: Es hat sie natürlich mitgenommen, aber sie hat weitergemacht. Das Motto „The games must go on“ galt auch für die Mitarbeiter.

Bis 2005 stand der Olympiapark für Fußball. Das Ende war vermutlich ein harter Schlag.

Hartung: Es war aus meiner Sicht die härteste und negativste Entscheidung für den Park.

Die Sie aber nicht beeinflussen konnten . . .

Hartung: Richtig, wir waren machtlos. Auch beim Bürgerentscheid zum Stadion-Neubau mussten wir uns neutral verhalten. Das war sehr bitter. Aus sportlicher Sicht konnte ich natürlich nachvollziehen, dass der FC Bayern ein neues Stadion wollte. Was uns das Genick gebrochen hat, war das Zögern der Architekten bei einem möglichen Umbau des Olympiastadions. Von da an war klar, dass es auf ein neues Stadion zulief. Wobei die Frage, ob nicht auch im Olympiastadion zur WM 2006 hätte gespielt werden können, nie klar beantwortet wurde. Das Olympiastadion war vom Standard in der höchsten Kategorie.

Manche befürchteten damals den Ruin der OMG.

Hartung: Klar war immer, dass wir ein um vier bis fünf Millionen Euro höheres Defizit nach dem Auszug von Bayern und 1860 haben würden und dies zu Lasten des Steuerzahlers geht. Für uns brach ein wesentlicher Einnahmefaktor weg – und pro Jahr 1,7 bis 1,8 Millionen Besucher. Andererseits war die Lage nicht existenzbedrohend. Das Ende des Fußballs eröffnete neue Möglichkeiten wie mehr Open-Air-Konzerte. Eines aber ist klar: Der Fußball in München ist durch nichts, aber auch gar nichts, finanziell zu ersetzen.

Ihre einprägsamste Erinnerung an die Fußball-Ära im Olympiastadion?

Hartung: Da gibt es eine persönliche Anekdote beim Champions-League-Finale 1997 zwischen Borussia Dortmund und Juventus Turin. Der Pokal stand im Ehrengastbereich und niemand dachte offenbar daran, den Pokal aufs Spielfeld zu bringen. Da habe ich den Pokal in der 70. Spielminute in die Hand genommen, die Ehrentribüne heruntergetragen und am Spielfeldrand aufgestellt. Heute wird das ja feierlich zelebriert. Ich habe wohl 900 Fußballspiele im Olympiastadion mitverfolgt. International bleiben die Europapokal-Spiele der Bayern gegen Madrid oder Manchester in Erinnerung, national viele Spiele gegen den VfB Stuttgart oder die Lokalderbys.

Jetzt können Sie’s ja sagen: Bayern oder Sechzig?

Hartung: Ich oute mich gerne, ich bin Bayern-Fan und habe auch nach dem Auszug engen Kontakt zur Vereinsspitze.

1860 hat mehrfach angeklopft, womöglich übergangsweise ins Olympiastadion zurückzukehren. Kaum vorstellbar, oder?

Hartung: Jein. Wenn es 1860 gelingen sollte, aus der Allianz Arena herauszugehen, würde trotzdem ein Neubau acht bis zehn Jahre dauern. Das heißt, als Übergangslösung bliebe nur das Olympiastadion. Klar ist das Zukunftsmusik, aber 1860 bräuchte dann realistische Alternativen zur Allianz Arena. Verantwortliche von 1860 haben zwar auch Pläne für einen Neubau auf dem Olympiagelände artikuliert. Aber mir hat noch niemand gesagt, wie und wo das funktionieren soll.

Der Druck, den Park mit attraktiven Events zu bestücken, nimmt nicht ab. Das Stadion liegt für den Sport jedoch weitgehend brach.

Hartung: Um es wiederzubeleben, brauchen wir auch die Unterstützung der Verbände. Die müssen den Mut haben, in ein so großes Stadion zu gehen. Mit dem internationalen Rugby-Turnier 2017 zur Wiesn-Zeit haben wir wieder mal ein Highlight. Auf Sicht dürfen wir auch Leichtathletik nicht aus den Augen verlieren.

2017 kehrt der Rasen ins Stadion zurück. War die Asphaltierung ein Fehler?

Hartung: Ja und Nein. Die DTM abzuhalten, war ein Fehler – unbestritten. Aber für die Open-Air-Konzerte war der Teer eine Erleichterung.

Zweite Olympische Spiele waren München nicht vergönnt. Wie bewerten Sie es, dass München bei den Winterspielen nicht zum Zuge kam und sich die Bürger gegen eine erneute Bewerbung ausgesprochen haben?

Hartung: Neben dem Auszug des Fußballs war die Nicht-Kandidatur für Olympia 2022 das negativste Erlebnis. Es war ein Riesenfehler, dass man sich nicht bewerben durfte oder konnte. Nach dem Scheitern der Bewerbung für die Winterspiele 2018 hätten wir Olympia 2022 auf dem Silbertablett serviert bekommen, dabei bleibe ich. Es ist ein Witz, dass die Winterspiele nun in Peking stattfinden. Ein Grund für den negativen Bürgerentscheid war sicher die Kandidatur von Thomas Bach zum IOC-Präsidenten – in einer Zeit aufkommender Korruptionsvorwürfe. Es ging am Ende bei der Olympia-Debatte gar nicht mehr um Ökologie, sondern um die Frage, wie korrupt ist das IOC, die FIFA, die UEFA. Viele Bürger hatten wohl das Gefühl: Die kassieren ab, und wir bezahlen. Ein weiterer Grund: Die Leute sind in gewisser Weise übersättigt. Aber ich sage: Der Olympiapark hätte profitiert.

Immerhin gibt es eine Chance auf die Olympischen Jugendsommerspiele 2022. Wie wichtig wäre diese Veranstaltung?

Hartung: Sehr wichtig, um den olympischen Gedanken nach vorne zu bringen. Wir reden natürlich bei weitem nicht von so viel Geld wie bei normalen Olympischen Spielen. Aber es wäre ein Ansatz für Deutschland, um sich wieder an solche Großereignisse heranzuwagen. Es kann ja nicht sein, dass sich Deutschland als große Sportnation völlig zurückzieht. Wenn es so weitergeht, wird es immer schwerer, in Westeuropa olympische Begeisterung zu wecken. Wir hatten 2014 Sotschi, 2018 werden die Winterspiele in Pyeongchang sein, 2020 die Sommerspiele in Tokio – und dann 2022 Peking. Das kann es auf Dauer nicht sein.

Das Stadion hat viele Stars erlebt. Ihr Favorit?

Hartung: Eindeutig Tina Turner, sie steht bei mir ganz oben. Auch Michael Jackson war ein fantastischer Künstler. Dann kann ich mich an ein Konzert mit Liza Minnelli, Frank Sinatra und Sammy Davis junior erinnern. In der Klassik Luciano Pavarotti.

Was ist eigentlich aus der Idee eines Olympia-Museums geworden?

Hartung: Es ist hauptsächlich eine Raumfrage, weil das Stadion irgendwann saniert wird. Daher suchen wir alternativ Räume im Bereich des Olympiaturms. Es wäre wohl der beste Ort für ein Museum, weil dort die meisten Touristen landen. Allerdings könnte auch das Eishockeystadion eine Möglichkeit sein – wenn Red Bull seine neue Arena baut.

Die Sanierung des Stadions wird mit 76 Millionen Euro teuer. Muss sich Ihre Nachfolgerin Sorgen machen, dass aus finanziellen Gründen in den nächsten Jahren nichts passiert?

Hartung: Sorgen wäre übertrieben. Aber man muss am Ball bleiben. Sicher ist die Finanzsituation der Stadt ambivalent. Wenn man fünf Milliarden Euro für die Schulen braucht, und dann noch 76 Millionen Euro für das Olympiastadion – das steht irgendwie gegeneinander. Aber wir müssen das Stadion sanieren, um hier große Open Airs veranstalten zu können, die wiederum ein großer Geldbringer sind.

Es heißt, die Besucherzahlen in Park und Turm seien im August wegen des Amoklaufs um 20 bis 25 Prozent eingebrochen . . .

Hartung: Es waren um die 15 Prozent. Aber die Delle ist vorüber. Und ich wäre vorsichtig mit der Analyse, dass es allein am Amoklauf lag.

Wie werden Sie dem Park verbunden bleiben?

Hartung: Sicher emotional. Ich werde auch den Park genießen und Veranstaltungen besuchen. Meine Familie wohnt relativ nah am Olympiapark. Ins Tagesgeschäft werde ich mich nicht einmischen – es sei denn, man fragt mich um Rat.

Was macht der Ruheständler Arno Hartung?

Hartung: Bisher lag mein Fokus darauf, die Verabschiedungen hinter mich zu bringen und hier reinen Tisch zu machen. Konkrete Pläne habe ich nicht. Es gibt ein paar ehrenamtliche Aufgaben – etwa beim Förderverein des Tierparks oder bei der Tafel. Und das Thema Seniorenstudium interessiert mich.

Welches Fachgebiet?

Geschichte und Politik.

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