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Das ABC ist trotz altem Charme rundum renoviert.

Chef Kuchenreuther blickt zurück

Schwabinger ABC-Kino wird 100 Jahre alt

München - Eine Institution weit über Schwabings Grenzen hinaus wird heute 100 Jahre alt. Das ABC-Kino an der Herzogstraße 1. Betreiber Thomas Kuchenreuther, 70, erinnert sich an die Zeit, in der Münchens große Filmemacher hier auf die Leinwand starrten.

Heute Abend, 19.30 Uhr, steigt eine Geburtstagsfeier im Rahmen der Preview des Films „Hin und Weg“. Karten gibt’s noch unter 089/33 23 00.

Herr Kuchenreuther, das ABC-Kino hatte schon 50 Jahre auf dem Buckel, als Sie es 1965 übernahmen. Wie war sein Ruf damals?

Es hatte vor allem Heimatschnulzen im Programm – und ich erstmal Probleme, aus all den Verträgen auszusteigen. Aber das Kino war schon immer beliebt in Schwabing. Eröffnet worden war es unter dem Namen Odeon Lichtspiele, am 7. Oktober 1914. Der Erste Weltkrieg hatte gerade begonnen. In frühen Anzeigen wird damit geworben, dass zu den Vorführungen auch Berichte von der Front gezeigt werden. Später war es das Stammkino von Karl Valentin. Er hatte immer einen Schlauch mit Chininpulver dabei, wegen seines Asthmas.

Sie und Ihre Frau Marieluise haben ab 1965 das Programm gestaltet. Was haben Sie geändert?

Wir haben Filme der Neuen Welle gezeigt – und viele Serien. Zum Beispiel, um 1970 herum, eine Melodramen-Serie von Douglas Sirk. In einem dieser Filme saß ich mit meiner Frau, und plötzlich hören wir, wie einer Rotz und Wasser heult. Nach der Vorführung, als das Licht anging, drehten wir uns um – war’s der Rainer Werner Fassbinder. Über dieses Erlebnis in unserem Kino hat er einen großen Artikel geschrieben, über Sirk und wie wahnsinnig Film eigentlich sein kann. Der Artikel ist in seinen Schriften zu finden.

Das bedeutet, Sie haben mit dem ABC-Kino Fassbinder beeinflusst?

Nein, nein, nein (lacht). Wir waren halt ein zentrales Kino in Schwabing. Die ganze neue Filmszene – Alexander Kluge, Edgar Reitz, Fassbinder, Wim Wenders, Werner Herzog – war in München an der Filmhochschule. Und sie ging bei uns ins Kino. Wir hatten damals viel mehr noch als heute ein Arthouse-Programm.

Legende geworden ist der Ausspruch von Claude Chabrol: „Wer das Kino liebt, muss mit dem ABC beginnen.“

Wir zeigten eine Retrospektive mit Filmen von Chabrol. Er hatte noch nicht viele gedreht, vielleicht sieben. Anlässlich der Retrospektive war er in München, und den Satz hat er uns ins Gästebuch geschrieben. Dabei hat der Name ABC einen ganz pragmatischen Ursprung. Unser Vorgänger, Franz Mutter, wollte auf jeder Liste an erster Stelle stehen. Und das ist ja noch heute so.

Das Kino-Geschäft hat in den vergangenen 15 Jahren einige Umbrüche erlebt. Wie stark war Ihr Kino davon betroffen?

Wir sind durch diese ganzen Stürme ziemlich gut durchgekommen – weil wir mit einem guten Programm ein breites Publikum erreichen. Das Kino hat eine richtige Tradition, viele Stammkunden, die Auslastung ist beachtlich. Unser Personal ist unglaublich beliebt, die Atmosphäre stimmt – und ich habe einen Hausbesitzer, der Kino unterstützt. Durch die Digitalisierung können wir außerdem mehrere Filme pro Saal und mehr Originalfassungen zeigen.

Haben Sie in Zeiten des Heimkinos Angst um die Zukunft Ihres Hauses?

Nein, überhaupt nicht. Es macht wirklich Spaß, ins Kino zu gehen. Worauf ich mich freue, ist, dass der neue Wim-Wenders-Film „Das Salz der Erde“ bald bei uns in Erstaufführung läuft. Wenders hat versprochen, dass er im November zu einer Vorstellung kommt. Er hält uns die Treue. Und an diesem Dienstagabend können die Besucher bei uns mit Sekt das Jubiläum feiern. Solche Erlebnisse gibt es doch im Heimkino nicht.

Das Interview führte Johannes Löhr.

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