Die wunderbar schräge Seele unserer Stadt

Unsere Serie sucht das echte Schwabing - Teil 1: Mythos oder Märchen?

Schwabing - das klingt nach Legende. Aber was ist mit der Gegenwart? Hat sich die Legende bis ins Heute getragen? Die tz geht dieser Frage jetzt in einer neuen Serie nach. Teil 1: Die Menschen.

Legendär ist dieses Viertel, legendär der Klang dieser zwei Silben. „Schwabing“: Wer das hört, denkt an den Monaco Franze, an die Freiheit, an wilde Party-Nächte und ebenso wilde Studenten, an Kabarett und Kunst. An all das, was dieses Viertel so berühmt ­gemacht hat. So weit die Vergangenheit. Und was ist mit der Gegenwart? Hat sich die Legende bis ins Heute ­getragen? Stimmt es immer noch, dass Schwabing ­eigentlich gar kein Ort ist, sondern ein Zustand, wie Fanny Gräfin von Rewentlow vor mehr als hundert Jahren schrieb? Die tz geht ­dieser Frage jetzt in einer neuen Serie nach. Wollen Sie ein bisschen mit uns schlendern?

Die wunderbar schräge Seele unserer Stadt

Wenn Marienplatz, Viktualienmarkt und die Fußgängerzone das Herz Münchens sind, dann ist Schwabing seine Seele. Dort, wo sich nicht alles um Geld oder Politik dreht. Dort, wo man schlendert und schwelgt, flaniert und flirtet, liebt und lebt. Der Mythos Schwabing – gibt’s den noch?

„Schwabing ist kein Ort, sondern ein Zustand“ – das hat Fanny Gräfin zu Reventlow 1913 in ihrem Roman Herrn Dames Aufzeichnungen geschrieben. Aber: Gilt das noch heute? Gräfin Fanny wusste, wovon sie schrieb: Die bekannte Schauspielerin, Autorin und Malerin verlieh der Schwabinger Bohème vor dem Ersten Weltkrieg mit ihrer erotischen Freizügigkeit eine pikante Würze. Jene Verruchtheit verbinden viele bis heute mit dem Amüsierviertel ­Alt-Schwabing.

Wo Künstler wie Thomas Mann und Paul Klee ihre Werke schufen, wo Lenin unter dem Pseudonym Meier die russische Revolution vorbereitete, wo sich 1962 die Schwabinger Krawalle entzündeten, wo vier Jahre später Jimi Hendrix im Big Apple seine Gitarre zerdepperte, wo ab 1969 in der Seidlvilla einige Folgen vom Schulmädchen-Report gedreht wurden, wo Mick Jagger im Drugstore abtanzte und Werner Enke bis heute seine Kippen kauft, wo ­Helmut Dietl im Café Münchner Freiheit Helmut Fischer (Monaco Franze) entdeckte – da lebten und leben noch heute ungewöhnliche Menschen zusammen.

Schwabing, die „Massensiedlung von Sonderlingen“

„Die Unbekümmertheit um das Urteil anderer Leute“ – darin sah der Schriftsteller Erich Mühsam (1878 – 1934) das „eigentliche ­Charakteristikum des Begriffs Schwabing“. Zwar sei jeder Mensch ein eigener, aber wer dies zeige, hieße anderswo: Sonderling. Nicht in Schwabing – denn dort gibt es laut Mühsam eine „Massensiedlung von Sonderlingen“. Und genau das habe auf München auch einen ganz pädagogischen Wert: Denn die Stadt gewöhne sich an das Ungewöhnliche, lerne Toleranz und gönne der Seltsamkeit ihr Lebensrecht. Soweit Mühsam, eine Schlüsselfigur der Schwabinger Bohème. Er war verbandelt mit Heinrich Mann, Frank Wedekind, Lion Feuchtwanger – und Skandal-Gräfin Fanny zu Reventlow, die das Viertel liebevoll „Wahnmoching“ nannte.

Sonderlinge als Schwabinger Normalität – dem stimmen Till Hofmann, dem Chef u. a. von Lustspielhaus, Vereinsheim und der Lach- und Schießgesellschaft, und Hannes Ringlstetter im tz-Interview zu. Hofmann: „Wo Mühsam recht hat, hat er recht.“ Und der Kabarettist, Musiker, Autor und Schauspieler Ringlstetter ergänzt: „Ich finde, dass sich in Schwabing immer noch spezielle Leute tummeln. Schwabing hat Typen, die ein Lebensgefühl ausstrahlen und umsetzen in Kunst, Ideen oder auch Blödsinn – ich finde alle drei gleich wichtig.“ Ringlstetter muss es wissen, denn in Till Hofmanns Vereinsheim ist er als Comedian und Musiker in der Occamstraße groß geworden.

Früher lagen an der weltberühmten Leopoldstraße wahre Kultstätten. Das von der Spider Murphy Gang besungene Café Rialto – heute eine Shisha-Bar. Gelato-Jünger pilgern inzwischen in die Hohenzollernstraße 44 zu Lorenzo Corno, Schwabings Speiseeis-Maestro. Dort ringt Schwabing-West dem mythischen Alt-Schwabing einen Teilsieg ab.

„Amüsierviertel mit entsprechender Lautstärke“

Doch damit hat sich’s fast schon. Schwabinger 7, Drugstore, Wedekindplatz, Giselas wiederaufgestelltes Laterndl – all das liegt zwischen Leopoldstraße und Englischem Garten und in Nord-Süd-Richtung zwischen Dietlindenstraße und Nikolaiplatz. Hier erfindet sich ein ehemaliges Künstler-, späteres Krawall- und noch späteres Kneipenviertel immer wieder neu. Bis hin zum heutigen „Amüsierviertel mit entsprechender Lautstärke“ – wie viele Hausbesitzer in die neuen Mietverträge schreiben.

Schwabing ­verändert sich, aber ein Wesenszug hat (bisher) Bestand: eine ­gewisse Lässigkeit, hier ausgelebt auf der Leopoldstraße

Werktags trifft man Einheimische aus aller Herren Länder und Bundesländer. Auch geborene Schwabinger gibt’s. Sie frequentieren ihre Lieblingsplätze: den 2016 herausgeputzten Wedekindplatz im Herzen Alt-Schwabings oder das Café Münchner Freiheit, das auch dank der Helmut-Fischer-Statue strahlt. Der bronzene Monaco Franze hat sich zur Kulisse für Selfie-Fans entwickelt – der Alt-Schwabinger Konstantin Wecker schwärmt: „Ich find’s super, dass sie dort dem Helmut Fischer ein Denkmal gesetzt haben, wo er so oft war.“ Am Wochenende genießen mehr Auswärtige das Schwabinger Leben: Münchner Vorstädter, Landeier, Touristen.

Gastronomie prägt das Flair, gutbürgerlich oder international: israelisch-bayerisch-arabische Fusionküche im Helene Restaurant, Afghanisch im Chopan, Südkalifornisch im So.Cal und sehr viel Italienisch. Die Azzurri stellen die größte Gruppe an Ausländern in Schwabing.

Koch und Wirt Sante Bucci von der gleichnamigen Bar in der Occamstraße fühlt sich nach 30 Jahren längst als Schwabinger: „Ich würde nie mit einem anderen Viertel tauschen wollen. Ich habe ein Auto, aber ich kann in Schwabing alles zu Fuß machen, ob Restaurant, Arzt, Einkaufen oder Kinobesuche. Ich habe vor fast vier Monaten das letzte Mal getankt.“

„Schwabing ist ein Mythos“

Wer sich für Kultur interessiert, wird hier reich bedient: vier Kinos, sieben Galerien, sieben Theater. Eines der berühmtesten, das Heppel & Ettlich, residiert seit 2009 über einem Zentralpunkt dessen, was man „Schwabinger Renaissance“ nennen kann: Der Drugstore war ein Kult-Treff der wilden Siebziger und hat nach neunmonatiger Renovierung wieder offen. Nicht anders als bisher, sondern aufgefrischt und mit ursprünglichem Flair.

Rund um den Drugstore tut sich viel. Andreas Buchwalsky, zusammen mit Florian Gleibs Betreiber des Helene Club & Restaurant: „Schwabing ist ein Mythos. Als wir vom ehemaligen Albatros in der Occamstraße als mögliche Location für uns hörten, haben wir ein Konzept entwickelt. Der Mythos Schwabing hat uns dabei geholfen. Deshalb auch unsere Slogans wie #makeschwabinggreatagain.“

Schwabing hat das Zeug dazu, wieder richtig groß zu werden. Start-up-Manager Florian Schubert trauert den alten Zeiten nicht nach. Im Gegenteil: „Die Umgebung um den Wedekindplatz hat sich in den vergangenen zehn Jahren unheimlich gemausert. Früher war das eine reine Saufmeile. Heute kommst du wieder von einer spannenden Kneipe in die nächste.“ Dazu soll auch der neue Drugstore wieder gehören. Betreiber Nader Saffari zwar persischer Herkunft, aber in München aufgewachsen: Trachtler, Mundartsprecher und Sechzger-Fan. Sein Anspruch: „Der Drugstore ist ein Relikt aus den goldenen Schwabinger Zeiten“, weiß Saffari. „Im neuen Drugstore berührt einen der Hauch der Geschichte – und man bekommt einen Eindruck davon, wie’s früher hier zugegangen sein mag. Das Schwabinger Lebensgefühl erlebt man heute an Orten wie dem Lustspielhaus, der Lach- und Schießgesellschaft und eben im Drugstore – Fleckerl, wo man den Schwabinger Zustand noch heute fühlt.“

Damit steht Saffari nicht allein. Auch das Schwabinger Urgestein Hanspeter Bergmann, Jahrgang 1958, bekräftigt: „Schwabing ist ein Zustand.“

Bewegte Geschichte: Kunst und Krawall!

Um das Jahr 1900 ist Schwabing eine ­Kunstmetropole von Weltrang. Dann ein ­ideales Pflaster für das Aufbegehren der 68er – eine Krawallkolonie und ein ­Symbol des gesellschaftlichen Aufbruchs sowie der neuen Freizügigkeit.

Später toben im Künstler-, Kultur- und Kneipenviertel die wilden 80er mit vielen heute längst verschwundenen Kultkneipen. Über diese Zeit weiß Günter Sigl, Frontmann der Spider Murphy Gang und Autor von legendären Schwabing-Songs wie Schickeria oder Sommer in der Stadt: „Damals hat’s schon geheißen: ,Schwabing ist tot. Vor 20 Jahren, da war noch was los.‘ Und andere ham gsagt: ‚Vor 100 Jahren mit der Reventlow und der Bohème, das was noch ganz was anderes‘.“ Der Sänger kann’s nicht mehr hören. „Egal zu welcher Zeit: Wenn man jung ist, dann ist es deine Zeit, und Schwabing ist dann dein Pflaster. Deswegen sind auch wir immer in Schwabing unterwegs gewesen.“

Die Leo als Grenzlinie 

Die Leopoldstraße ist die Grenzlinie zwischen Schabinger Teilen.

Schwabing-West, Schwabing-Nord, Schwabing-Freimann: Wer gibt den Takt vor? Antwort: Alt-Schwabing! Wedekindplatz, Feilitzschstraße, Occamstraße – hier spielt die Musik!

Die Leopoldstraße ist die Hauptschlagader des gesamten Viertels. Einerseits. Sie ist aber auch die Trennlinie zwischen Schwabing-West und Alt-Schwabing.

Hier schwärmen Touristen mit aufgeschlagenen Reiseführern oder Stadtkarten ratlos entlang. Gewinnen die Fußballer irgendwas, hupen sich hier die Autokorsos durch die Stadt.

Seit 17 Jahren drängen sich im Mai beim Streetlife Festival und Corso Leopold Menschenmassen durch die Leopoldstraße. Hier dröhnen vier- und zweirädrige Geschosse glänzend auf und ab. Wo, wenn nicht hier am Münchner Glitzerboulevard, kann man seinen Lambo, seine Harley oder seine restaurierte Isetta so publikumsträchtig und standesgemäß ausführen?

Überzeugten Alt-Schwabingern, die östlich der Leopoldstraße in der Keimzelle des Schwabinger Mythos leben, gilt die flapsig als „Leo“ bezeichnete Verkehrsader als nicht gerade sympathische, aber wenigstens klare Grenze.

Der Optiker Günter ­Radauer betreibt in der Feil­itzschstraße sein eigenes Brillen-Label namens Schwabinger Krawalle. Er ist ein Kosmopolit im Viertel: aufgewachsen im Salzburger Land, seit 1992 in München, heute überzeugter Schwabinger. Radauer sagt über die Hauptstraße des Viertels, die „Leo“: „Das eigentliche Schwabing wird begrenzt durch diesen reißenden Fluss, der sich Leopoldstraße nennt. Wenn man da drüber ist, ist man fast in einer anderen Welt.“

Ralf Schütze

Rubriklistenbild: © Klaus Haag

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