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Das „Schwabinger Tor“ in der Zukunft: Auch die neue Tram-Haltestelle sticht heraus.

Unsere Stadtviertel-Serie

Echtes Schwabing - Teil 7: Gehört das „Schwabinger Tor“ dazu?

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Schwabing - das klingt nach Legende. Aber was ist mit der Gegenwart? Hat sich die Legende bis ins Heute getragen? Die tz geht dieser Frage jetzt in einer neuen Serie nach. Teil 7: Das „Schwabinger Tor“.

Schwabing - Legendär ist dieses Viertel, legendär der Klang dieser zwei ­Silben. „­Schwabing“: Wer das hört, denkt an den Monaco Franze, an die Freiheit, an wilde Partynächte und ebenso wilde Studenten, an Kabarett und Kunst. An all das, was dieses Viertel so berühmt ­gemacht hat. So weit die Vergangenheit. Und was ist mit der Gegenwart? Hat sich die Legende bis ins Heute ­getragen? Stimmt es immer noch, dass ­Schwabing ­eigentlich gar kein Ort ist, sondern ein Zustand, wie Fanny ­Gräfin von Reventlow vor mehr als hundert Jahren schrieb? Die tz geht ­dieser Frage in einer großen Serie nach. Wollen Sie ein bisschen mit uns schlendern?

Schwabings Tor in die Zukunft

Es sind Bilder wie aus einer perfekten neuen Welt: Ein junges Pärchen schlendert mit einem Kaffee in der Hand durch die Straßen. Zwei Frauen beugen in einem Büro ihre Köpfe über einen Plan und lachen. Eine Designerwohnung im 7. Stock verspricht einen Blick über die ganze Stadt. Im Restaurant warten elegant gedeckte Tische auf die Gäste. Mit diesen Eindrücken wirbt ein Prospekt fürs Schwabinger Tor, das neue Quartier, das auf dem fast 500 Meter langen Areal entlang der Leopoldstraße 150 bis 184 entsteht.

Neun cremefarbene Hochhäuser ragen bereits in die ­Höhe und versprühen großstädtischen Charme. Hier werden Wohnungen, Büros, Restaurants, Geschäfte, ein Hotel und eine spektakuläre Tram­station gebaut. Doch ist das noch Schwabing?

Ihm gefällt der Spielplatz im Quartier: Steffen Warlich von der Jost Hurler Gruppe, die das Projekt verantwortet.

Ja, sagt Steffen Warlich - eine Weiterentwicklung von Schwabing. Wir treffen den Marketingleiter der Jost Hurler Gruppe, die das Großprojekt verantwortet, vor dem La Bohème, dem ersten Restaurant im Quartier. Auf dem zentralen sonnigen Platz, wo Anwohner und Geschäftsleute zu Mittag essen, wird derzeit auch die Tramstation für das Schwabinger Tor gebaut. Warlich erklärt: „Schwabing soll nicht mehr an der Münchner Freiheit aufhören, sondern attraktiv und lebendig weitergehen.“

Schwabing ist seit jeher Heimat von Künstlern und Intellektuellen. Ein Viertel mit dem Ruf, weltoffen und liberal zu sein. An diese Tradition will die Jost Hurler Gruppe anknüpfen. Im Schwabinger Tor will man junge Künstler fördern und ein lockeres Zusammenleben praktizieren, auch nach dem „Sharing-Prinzip“: Teilen statt besitzen lautet die Devise.

Für viele stehen die Baukörper mit bis zu 14 Geschossen symbolisch für die Gentrifizierung des Viertels – Altes muss Neuem weichen. Das will Gastronom Michael Urban (28), Geschäftsführer im Restaurant La Bohème und einer der ersten Bewohner im Quartier, nicht gelten lassen. „Hier wurden ja keine Sozialwohnungen plattgemacht!“, sagt er. Im Gegenteil: Es sei Wohnraum geschaffen worden, wo vorher nur der Großmarkt Metro war.

„Vor allem fungiere das Schwabinger Tor auch wortwörtlich als solches“, sagt Urban. Der ehemalige Industrieblock – bestehend aus Metro und Holiday-Inn-Hotel – habe einen Einschnitt markiert, das neue Quartier mit seiner Durchwegung verbinde die Parkstadt Schwabing mit Schwabing West.

Die tz hat sich am Schwabinger Tor umgesehen: Was war hier vorher? Was gibt es jetzt? Und was kommt noch?

Technik der Zukunft

Auf die Bewohner des Schwabinger Tors wartet allerhand moderne Technik, die den Alltag vereinfachen und die Menschen miteinander verbinden soll. Das fängt bei den kleinen Dingen an: Wer kann meine Blumen gießen, während ich im Urlaub bin? Wer kann mir eine Bohrmaschine leihen? Wer sucht einen Babysitter? 

Was früher das Schwarze Brett war, ist für die Bewohner des Schwabinger Tors eine Smartphone-App. Mit dem Einzug bekommt jeder Bewohner Zugang zur eigens entwickelten Schwabinger-Tor-App. Auch der Hausmeister kann per App Termine mitteilen und angeschrieben werden. Der Leitgedanke im Quartier: Teilen und Benutzen statt Besitzen. „Moderne Mobilität geht weg vom Besitzgedanken“, sagt Marketingleiter Steffen Warlich.

Bald soll für die Bewohner auch Carsharing in der Tiefgarage angeboten werden - auch die Gemeinschafts-Autos sollen sie über die App buchen können. Und noch mehr Zukunftsträchtiges birgt die Tiefgarage mit stolzen 900 Pkw- und 700 Fahrrad-Stellplätzen: Stromtanksäulen für Elektroautos. 

Geschichte des Areals

Die Jost Hurler Gruppe, ein Familienunternehmen, will das Schwabinger Tor langfristig im Bestand halten und die Wohnungen selbst vermieten. Denn Firmengründer Jost Hurler hat eine persönliche Bindung zum Gelände: Mitte der 60er-Jahre siedelte der Unternehmer seine Lebensmittelgroßhandlung an eben jener Stelle in der Leopoldstraße an; der damals neumodische Selbstbedienungsladen für Großhändler, wird zur Zentrale seines Unternehmens, das immer weiter expandiert - bis ein Schicksalsschlag die Familie ereilt: 1982 stirbt Hurlers Sohn und designierter Nachfolger bei einem Flugzeugabsturz.

Der Kaufmann zieht sich zurück und verpachtet das Gebäude an den Großhandelsmarkt Metro - von vielen weiterhin „der Hurler“ genannt. Das Gebäude wird 2013 abgerissen, ebenso wie das Hotel Holiday Inn, zu dem einst auch die legendäre Schwabinger Diskothek „Yellow Submarine“ gehörte. Im April 2014 wird der Grundstein für das Quartier Schwabinger Tor gelegt. Hier will die Jost Hurler Gruppe ihre neue Firmenzentrale beziehen. Vergangenheit und Gegenwart - der Kreis schließt sich.

Geschichte: Die Metro nutzte das Gebäude an der Leopoldstraße bis 2013.

Hotel mit Rooftop-Bar

Neun Hochhäuser bilden das Schwabinger Tor - mittendrin entsteht ein Hotel mit 275 Design-Zimmern und Rooftop-Bar. Auf der Dachterrasse im 13. Stock gibt es für Hotelgäste und Münchner Cocktails mit Blick über die Stadt. Hinzu kommt ein 1800 Quadratmeter großer Wellness- und Fitnessbereich, den auch die Anwohner nutzen dürfen. Das „Andaz by Hyatt“-Hotel soll „durch sein internationales Publikum zur Weltoffenheit des Quartiers beitragen, indem viele Mentalitäten und Kulturen, Ideen und Lebensentwürfe zusammenfinden“, heißt es in der Projektbeschreibung. Eröffnung: Frühjahr 2018.

Die neue Tram-Haltestelle

Schon jetzt fährt die Tram (Linie 23) durch das Schwabinger Tor, halten wird sie dort aber erst 2018. Ein echter Blickfang soll die neue Haltestelle werden: Eine spektakuläre Flügelkonstruktion soll auf dem Platz vor dem Restaurant „La Bohème“ entstehen. Mit zwei Überdachungen, die als sogenannte Hyparschale einer geometrisch aufwendigen Bogenform folgen. Das Tragwerk der Überdachungen besteht aus einer massiven Konstruktion aus jeweils rund 50 Tonnen Stahl. Zudem wird die Haltestelle „durch eine effektvolle Illumination aufgewertet“, heißt es von den Planern.

Derzeit bereiten Bauarbeiter das Fundament vor, die Konstruktion erfolgt im Herbst, Mitte 2018 könnte die neue Haltstelle in Betrieb gehen. Sie liegt dicht zwischen den Stationen Parzivalplatz und Münchner Tor, die beide erhalten bleiben sollen. Für Autofahrer hat das neue Quartier hingegen nur Platz in der Tiefgarage: Auf den Querstraßen wird ein striktes Autoverbot gelten.

Restaurants & Geschäfte

Gastronomie und Einzelhandel sind essenzielle Bestandteile des neuen Quartiers - und sollen sich auch an die bestehende Schwabinger Nachbarschaft richten. Den Anfang machte vergangenen Sommer das Restaurant „La Bohème“ im fertiggestellten Nordteil des Neubaugebiets. Hier will man an das Lebensgefühl der Schwabinger Bohème um 1900 anknüpfen. „Restaurants waren eine zweite Heimat, die der Kreativität, dem Genuss und dem Zusammensein gewidmet war. Ohne konventionelle Zwänge“, heißt es in einer Beschreibung des Restaurants.

Das „La Bohème“ will also eine offen sein für „Künstler, Lebemänner, Studenten, Arbeiter, Angestellte, Unternehmer und Freigeister“. Gastronom Michael Urban bietet deutsch-französische Küche im Stil einer Brasserie an - die Gäste können hier morgens einen Kaffee und ein Brioche bestellen oder abends ein 7-Gang-Menü genießen.

Hier gibt es deutsch-französische Küche: Gastronom Michael Urban bittet ins „La Bohème“.

Den künstlerischen Anspruch bringt der Chef höchst selbst ins Lokal: Urban ist leidenschaftlicher Hobby-Magier und zeigt sein Können bei Zaubershows. Zudem gibt es eine „Open Stage“, bei der unterschiedliche Musiker auf der Bühne stehen und Lesungen sind geplant.

Neben dem Restaurant gibt es bereits einen Supermarkt (Feneberg), eine Bäckerei (Riedmair) und einen Dönerladen (Oliva). Ende des Jahres soll ein Drogeriemarkt (dm) auf dem Gelände eröffnen. Weitere Restaurants, ein Café und rund ein Dutzend Geschäfte sollen folgen. Gerne gesehen wären eine Wäscherei, ein Friseur und eine Zahnarztpraxis im Quartier.

Zu Besuch bei der ersten Bewohnerin

Entschuldigend empfängt Kristina Rosenfeld den Besuch in ihrer Wohnung im 4. Stock. „Ich bin gerade erst nach Hause gekommen und habe es nicht mehr geschafft, aufzuräumen.“ Dabei hat die 47-Jährige keinen Grund, sich zu schämen. Die 120-Quadratmeter-Wohnung ist blitzeblank und sieht aus wie aus dem Katalog - nun ja, Rosenberg ist Interior Designerin. Selbst die Fernbedienung auf dem Couchtisch wirkt, als sollte sie genau dort liegen. Das einzige, was zum perfekten Bild fehlt, sind frische Schnittblumen auf dem Esstisch.

Seit Dezember 2015 lebt die Halb-Italienerin, die sechs Sprachen spricht, hier an der Leopoldstraße im Schwabinger Tor, zusammen mit ihrer Tochter Ludowika (15) und ihrem neuen Mann Igor (55). Oft ist auch dessen Sohn Nicolai da, der 12-Jährige hat ein eigenes kleines Zimmer in der Wohnung. Rosenberg sagt: „Wir sind eine glückliche Patchworkfamilie.“

Stolz erzählt Kristina Rosenberg, dass sie die erste Bewohnerin im „Schwabinger Tor“ war. Sie lebt im neuen Quartier in einem der drei bereits fertiggestellten Hochhäuser. Die restlichen sechs befinden sich noch im Bau und sollen Ende dieses Jahres bezugsfertig sein. „Als ich eingezogen bin, ging noch nicht einmal der Fahrstuhl“, erinnert sich Rosenberg. Doch vom ersten Moment an habe sie sich in ihrem neuen Zuhause wohlgefühlt. „Ich liebe das viele Licht, dass durch die bodentiefen Fenster reinkommt.“

Wohnt in einer 120-Quadratmeter-Wohnung im 4. Stock: Kristina Rosenfeld.

Und: Man muss nicht lüften. Für ein gutes Raumklima in der Wohnung sorgt eine Frischluftanlage. Die Deckenhöhe in der Wohnung beträgt stolze 2,85 Meter – wie in manchem Altbau. Auf dem Boden: edles Eichenparkett. Und auch sonst ist die Wohnung hochwertig ausgestattet, etwa mit einer Einbauküche der Marke Bulthaup. 2500 Euro Miete lässt sich Rosenberg diesen Komfort im Monat kosten.

Toll sei auch, beobachten zu können, wie das Quartier immer weiter wächst. Von ihrem Schlafzimmerfenster aus überblickt Rosenberg den Südteil des Geländes, wo die Bauarbeiten noch in vollem Gange sind. Dort soll neben Wohnungen, Büros und Einzelhandel auch ein luxuriöses Hotel mit Rooftop-Bar entstehen. „Es soll eine unterirdische Verbindung zum Hotel geben - dann kann ich im Bademantel die Wohnung verlassen und dort ins Spa gehen“, sagt Rosenberg und lacht.

Vor ihrem Schlafzimmerfenster verlaufen die Gleise der Trambahn. Auf dem Platz vor ihrer Haustür soll Mitte 2018 die neue Tramstation „Schwabinger Tor“ eingeweiht werden. Auf den Simulationen ist eine spektakuläre Flügeldachkonstruktion zu sehen.

Das Highlight in Rosenbergs Wohnung: die Loggia, die man über eine große Glas-Schiebetür im Essbereich betritt. Der Blick über Schwabing in Richtung Nordfriedhof erfreut die Bewohnerin jeden Tag aufs Neue. Und auch Katze Nala mag den Balkon - daran, dass sie gerne mal in schwindelerregender Höhe auf dem Geländer balanciert, hat sich ihre Besitzerin längst gewöhnt.

Kann sich sehen lassen: Kristina Rosenfeld gewährt einen Blick in ihre Wohnung.

Wohnungen und Künstlerateliers

Eigentumswohnungen gibt es im Schwabinger Tor nicht - vielmehr wünscht sich die Jost Hurler Gruppe eine bunt gemischte Mieterschaft - „Leute, die die gleichen Werte teilen“, erklärt Marketingleiter Steffen Warlich. Das Stichwort ist Weltoffenheit. Warlich sagt: „Die Wohnungen sollen auch wirklich bewohnt sein - und keine sogenannten Opernwohnungen. Wir wollen hier Nachbarn haben und keine Leute, die nur ab und zu anreisen.“ Bei den Mietern wird laut Warlich nicht nach Alter und Einkommen geschaut, sondern nach Wertvorstellungen und Toleranz. Jeder Interessent muss sich in einem Gespräch persönlich vorstellen.

Dennoch: Wer hier wohnen will, muss entweder sehr reich oder sehr arm sein. Die Preise für Mietwohnungen beginnen bei 2500 Euro (für rund 120 Quadratmeter). Penthouse-Mieter zahlen bis zu 5000 Euro - und fördern damit die günstigen Ateliers, die Künstlern hier künftig angeboten werden sollen. Mit den Künstlern soll auch das Lebensgefühl der Schwabinger Bohème Einzug erhalten. Die Ateliers befinden sich jedoch noch im Bau.

Von den insgesamt 210 Wohnungen sind 32 von der Stadt gefördert und sozial schwachen Münchnern vorbehalten - 50 Quadratmeter Wohnraum für 500 Euro. Warlich versichert: „Bei uns gibt keine ,poor door’, also keinen separaten Eingang für die Armen, wie man das aus Amerika kennt. Bei uns ist oben die Penthouse-Wohnung und direkt darunter gefördertes Wohnen.“

Im ersten Bauabschnitt wurden zwei Gebäude mit 70 Wohnungen fertiggestellt, die restlichen Gebäude sollen am 1. Oktober dieses Jahres bezugsfertig sein.

Die Teile unserer Schwabing-Serie 

Teil 1: Mythos oder Märchen?

Teil 2: „Wir sind schon schräg“

Teil 3: Große Bühne für kleine Kunst

Teil 4: Schlendern mit Ude

Teil 5: Einmal um den Gourmet-Globus

Teil 6: Auf Kneipentour

Unsere wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf unserer Facebookseite „Schwabing - mein Viertel“

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