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Die Feinmechanik, das Filigrane , fasziniert ihn an seiner Arbeit: Max Frei repariert im Westend Saxofone. 

Filigrans Handwerk

Zu Besuch beim Saxofon-Chirurg vom Westend

Jazz ist etwas für Liebhaber. Die Werkstatt von Max Frei im Westend auch. Dort repariert der 52-Jährige Saxofone. Ein Handwerk, das lebt – dank einiger weniger Begeisterter.

München - Vor Max Frei liegen, ausgebreitet wie Operationsbesteck, goldglänzende Metallteile. „Mein Schwager ist Gefäßchirurg“, sagt der 52-Jährige. „Der bewundert mich immer.“ Auf Freis Tisch geht es nicht um Leben und Tod. Aber für seine Kunden geht es oft um ihren wichtigsten Besitz: ihr Saxofon. Frei hat sich mit seiner Reparatur-Werkstatt auf das klangvolle Instrument spezialisiert. Einen Nachfolger findet er nicht. Trotzdem sieht er eine Zukunft für sein Handwerk.

„Es gibt inzwischen keinen Fall mehr, der mich zum Schwitzen bringt“, sagt Frei. Im Westend sitzt er an seinem Tisch, die Lederschürze umgebunden. Frei greift zu den Metallteilen vor sich, es sind die Klappen, die nach getaner Arbeit die Tonlöcher des Saxofons auf seinem Schoß schließen sollen. Wenn an einem Loch nur ein Zehntel Millimeter Spalt bleibt, funktioniert das Instrument nicht mehr.

Gerade die Feinmechanik, das Filigrane, war es, das Frei zu den Holzblasinstrumenten brachte, zu denen das Saxofon gehört. Es steht wie kein anderes Instrument für Jazz. Und Menschen, die Saxofone reparieren, gehören zu einem kleinen Kreis, genau wie die Musiker und Fans in dieser Nische des Musikmarkts, die am 30. April mit dem internationalen Tag des Jazz gefeiert wird.

Hinter Frei an der Wand hängt ein Porträt von Sonny Rollins. Er ist weltweit einer der einflussreichsten Jazz-Saxofonisten – und einer von Freis Kunden. Die Werkstatt ist Anlaufstelle für Profimusiker aus aller Welt. Seine saubere Arbeit und Mundpropaganda haben Frei das Vertrauen seiner Kunden eingebracht. Viele empfehlen ihn als Koryphäe.

Dabei hat Frei sich seinen Beruf nicht selber ausgesucht. Mit 16 nahmen seine Eltern ihn von der Schule. Mittlere Reife reicht, sagten sie, und steckten ihn in die Ausbildung. Metallinstrumentenbauer sollte er werden, die Eltern hatten im Allgäu ein Musikhaus, er sollte hineinwachsen ins Geschäft. Nur war das Handeln mit Instrumenten gar nicht seins. Also schrieb Max eine Kündigung an seine Eltern. Vor allem seine Mutter verzieh ihm das nie. „Es ging nicht anders“, sagt er heute.

Den Handel hat er aufgegeben, im Handwerk geht er auf. Nach einer Zusatzausbildung wechselte er zu den Holzblasinstrumenten. So perfektionistisch ist er, dass er es kaum aushält, wenn jemand eine Feile falsch hält. Am liebsten arbeitet er also allein, und es liegt an ihm, dass er keinen Azubi hat. Keine Geduld, sagt er. Wie ein Profimusiker, der Schüler nimmt, aber keine blutigen Anfänger. Eine Mitarbeiterin hat er, ihr würde er gern den letzten Schliff geben und seine Werkstatt anvertrauen. Aber die junge Frau will ihr eigenes Geschäft. Und so gibt es niemanden, der Freis Lebenswerk übernimmt. „Ich habe mich damit abgefunden, dass ich es mache, bis mir das Werkzeug aus der Hand fällt. Und dann ist es vorbei.“

So geht es vielen. Die Betriebe machen sich nicht die Mühe, jemanden auszubilden, der wieder geht. Also bilden sie vor allem aus, wenn sie in der Nachbarschaft Nachwuchs finden, der bleibt. So erklärt es Martin Wurm. Er unterrichtet an der Musikinstrumentenbauschule in Mittenwald. Ihre Tradition reicht mehr als 150 Jahre zurück, sie ist weltberühmt für den Geigenbau. Seit 2013 wird dort auch der Bau von Holzblasinstrumenten gelehrt – um den Beruf am Leben zu erhalten.

25 Lehrlinge ließen sich laut Bundesverband des Handwerks (ZDH) im vergangenen Jahr zu Holzblasinstrumentenmachern ausbilden. Das waren immerhin fünf mehr als 2015, in den Jahren davor sank die Zahl der Lehrlinge kontinuierlich. „Es ist ein Exotenberuf, den machen nur die, die wirklich brennen“, sagt Wurm. Sein Handwerk passe nicht in die Spaßgesellschaft, in der junge Menschen erwarteten, dass zusätzlich zu viel Geld neben dem Job noch viel Zeit bleibe für andere Dinge.

Max Frei steht jeden Tag zwischen fünf und sechs Uhr morgens auf, seit 35 Jahren. Das frühe Aufstehen hat er von seiner Oma gelernt, die ihre Landwirtschaft zu pflegen hatte. Wie er kommen viele im Holzinstrumentenbau vom Land, über die Blasmusik. „Es kommen schon immer wieder junge Leute nach“, sagt Frei. Obwohl sein Betrieb nicht weitergeführt wird, sieht er den Beruf nicht bedroht. Auch dank der Schule in Mittenwald.

Doch der Meistertitel hat an Bedeutung verloren. Seit 2004 muss man in rund 50 Berufen kein Meister mehr sein, um eine Werkstatt zu eröffnen, auch als Holzblasinstrumentenbauer nicht. Der Plan war, dass sich mehr Menschen selbstständig machen sollen, und tatsächlich ist in den zwölf Jahren die Zahl der Firmen bundesweit gestiegen, von 176 auf 265 im vergangenen Jahr. Aber die Zahl der Auszubildenden ist eben gesunken – wie von vielen befürchtet.

Max Frei hat da aber ohnehin einen anderen Tipp: für eine gewisse Zeit raus aus der Standardausbildung. So wie er, vor 20 Jahren. Da nahm er sich die Zimmermänner zum Vorbild und ging auf die Walz, in Deutschland und in den USA. Wo er willkommen war, arbeitete er eine Weile mit, bevor er weiterzog. So, sagt er, lerne man zu unterscheiden: zwischen schlechter Arbeit und guter. Er hat sich, trotz aller Mühen, für die gute entschieden.

Sophie Rohrmeier

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