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Irene Knechtskern starb mit 92 Jahren in St. Josef. 

Skandal im Pflegeheim 

Frau wird in dreckiger Hose beerdigt, weil Pfleger Bitte ignorierten

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Skandal im Münchenstift-Pflegeheim St. Josef: Obwohl die Tochter den Pflegern saubere Kleidung für ihre tote Mutter Irene gibt, wird sie in einem T-Shirt und einer schmutzigen Hose beerdigt.

München - Andrea Cefaro (54) ist noch immer fassungslos. Vor knapp drei Wochen ist ihre Mutter Irene Knechtskern mit 92 Jahren im Münchenstift-Pflegeheim St. Josef gestorben. Wütend macht die Münchnerin das unwürdige Verhalten des Hauses nach dem Tod ihrer Mutter. „Es lässt mir keine Ruhe“, sagt Cefaro. „Vielleicht wird auch mit anderen Menschen so umgegangen.“

Rückblende. Um 3.26 Uhr in der Nacht auf den 22. April erhält Andrea Cefaro einen Anruf aus St. Josef. Ihre Mutter sei verstorben. Cefaro verständigt ihre Tochter Sabrina (32), gemeinsam mit ihr und einer Freundin fährt sie am frühen Morgen ins Pflegeheim, um sich von ihrer Mutter zu verabschieden – und die letzten Dinge zu regeln.

Zunächst läuft alles ganz normal ab. Andrea Cefaro sucht aus dem Schrank ihrer Mutter ein blaues Kleid und einen Blazer heraus. „Ich habe die Pflegekraft gebeten, die Kleidung dem Bestattungsdienst zu übergeben, damit meine Mutter schön aussieht, wenn sie beerdigt wird“, erzählt die 54-Jährige. Die Pflegerin sagt ihr das zu, Cefaro hängt Kleid und Blazer auf die Kleiderstange in den Schrank und lässt ihn offen. Weil es heißt, der Bestattungsdienst komme „irgendwann im Laufe des Tages“, fährt Cefaro gegen 10.30 Uhr heim.

Nur ein Zufall führt dazu, dass überhaupt herauskommt, wie Irene Knechtskern bestattet wurde. „Alles wäre unbemerkt geblieben, wenn meine Tochter nicht noch einen großen Wunsch gehabt hätte“, sagt Cefaro. Die Enkelin will ihrer Oma unbedingt noch ein Herz und ein Foto mitgeben, auf dem sie und die Oma abgebildet sind. Deshalb fahren die beiden Frauen zum Westfriedhof, bitten darum, dass der Sarg von Irene Knechtskern noch einmal geöffnet wird. „Natürlich“, heißt es dort. Der Schock der beiden Frauen ist groß, als sie die Verstorbene sehen: Sie hat das Hemdchen an, in dem sie starb. Darüber ein T-Shirt und eine schmutzige, alte Hose. „Eine Riesen-Sauerei“, schimpft Cefaro. „Ich möchte nicht wissen, wie viele andere in dreckiger Kleidung beerdigt werden, weil davon ausgegangen wird, dass der Sarg sowieso nicht mehr geöffnet wird.“ Das sei nicht weniger als eine Verletzung der Menschenwürde.

Eine unwürdige Verabschiedung, sagt der Pflegeexperte

„Das geht gar nicht“, sagt Pflegeexperte Claus Fussek. Dass so etwas passiere, liege auch daran, dass in der Pflege viele Zeitarbeitskräfte arbeiteten, „denen die innere Haltung fehlt, menschenwürdig mit den Pflegebedürftigen umzugehen“. Häuser, in denen eine Abschiedskultur gepflegt werde, legten Wert auf Rituale nach dem Tod eines Bewohners. Fussek: „Da wird eine Kerze angezündet, ein Lied gesungen. Der Leichnam wird nicht in den Keller gebracht, wo ihn der Bestatter abholt, sondern zum Haupteingang rausgebracht.“ Zu einem würdigen Verabschieden gehöre auch, dass der Verstorbene saubere Kleidung angezogen bekomme. Das Anziehen übernehme zwar der Bestatter, dass die Kleidung bei ihm ankommt, dafür müsse aber das Pflegeheim sorgen.

Siegfried Benker, Geschäftsführer der städtischen Tochter Münchenstift, die im Stadtgebiet derzeit neun Pflegeheime betreibt, spricht von einem „Einzelfall“. Er bedauere es außerordentlich, dass es „zu einem unwürdigen Abschied mit verschmutzter Kleidung gekommen ist“. Frau Cefaro habe zwar das Kleid „an die Schranktür beziehungsweise in den Schrank gehängt“, gleichzeitig habe aber auch Kleidung auf dem Nachttisch gelegen. Die Pflegekraft habe dann dem Bestattungsdienst wohl „aus Versehen den falschen Kleidungsstapel mitgegeben“. Warum die Kleidung schmutzig gewesen sei, lasse sich nicht sagen. Benker betont aber, dass es bei der Münchenstift intensive Schulungen und ethische Fallrunden zur Abschiedskultur als Teil der Palliativ- und Hospizkultur gebe. Was bei der verstorbenen Irene Knechtskern passiert sei, entspreche „weder dem Standard noch den Regeln des Unternehmens“.

Lesen Sie den tz-Report „Pflege-Schande im Münchenstift“ aus dem Jahr 2014. Die RTL-Sendung „Team Wallraff – Reporter Undercover“ hatte erschreckende Missstände im Münchner Altenheim St. Josef aufgedeckt.

Analyse: So plündert die Pflege-Mafia uns Münchner aus

Ambulante Pflegedienste werden von organisierter Kriminalität durchwandert. Das geht aus einem Bericht einer Sonderermittlungsgruppe des BKA hervor. Wir zeigen, wie es in München aussieht.

Unsere wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf unserer Facebookseite „Sendling - mein Viertel“

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