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Endlich mit sich im Reinen: Heute gefällt Amanda Reiter, was sie im Spiegel sieht.

Transgender

Amandas langer Lauf zu sich selbst

Über 40 Jahre lebte Amanda Reiter im falschen Körper: dem eines Mannes, der sie nie sein konnte. Jetzt startet die Lenggrieserin als Frau neu durch – und will mit ihrer Offenheit anderen Betroffenen Mut machen.

Nach 43 Minuten und 53 Sekunden kam Amanda Reiter beim Geretsrieder Stadtlauf als Zweite ihrer Klasse im Zehn-Kilometer-Lauf ins Ziel. Ein gutes Ergebnis. Für die 47-Jährige aber war der Wettbewerb ein Triumph ganz anderer Art. Zuletzt hatte die Lenggrieserin vor drei Jahren teilgenommen – damals noch als Hermann Reiter. Nach einem langen Lauf zu sich selbst startete Amanda Reiter jetzt zum ersten Mal als der Mensch, der sie ist: in der Frauenwertung.

„Mir ging es nicht um eine Bestzeit, mir ging es um Anerkennung und Respekt“, sagt Amanda Reiter. „Ich bin mitgelaufen um zu zeigen: Ich bin auch da, und das ist ganz normal.“ Die Worte sprudeln aus Amanda Reiter hervor, wenn sie ihre Geschichte erzählt – eine schlanke, quirlige, jugendlich wirkende Frau, natürliches Make-Up, Jeans, schulterfreies T-Shirt und ein Strahlen im Gesicht.

Wer und was sie ist, das muss die Lenggrieserin häufiger erläutern: eine Transfrau oder Transgender. „Ich bin zu 100 Prozent Frau, hatte aber zu 100 Prozent den Körper eines Mannes.“ Ein Widerspruch, dessen Folgen fast überflüssig auszusprechen sind: „Das führt zu psychischen Problemen.“

Amanda Reiter musste sich das Wissen über Transgender selbst erst anlesen. Einen Großteil ihres Lebens war ihr der Begriff fremd. Es gab kein Wort, keine Beschreibung für das, was mit dem einstigen Hermann nicht stimmte. Reiter musste erst 45 Jahre in der Rolle eines Mannes leben, um sagen zu können: „Ich bin Transgender.“

Als Kind war Hermann anders als andere Buben. Am Raufen und Fußballspielen hatte er kein Interesse. Lieber hätte er zur Barbie-Puppe gegriffen und sich mit anderen Mädchen angefreundet. Doch das Umfeld erstickte solche Ansätze im Keim: „Es war einfach tabu, man hat mir klargemacht, dass es falsch ist.“ Den Gedanken, er könnte ein Mädchen sein, ließ die Realität nicht zu. „Ich habe es 1000-mal geträumt“, sagt Amanda. „Aber ich bin aufgewacht und habe mir gesagt: Das ist ja Quatsch.“

So ging es immer weiter, durch Schule, Ausbildung, Bundeswehr. „Ich habe alles getan, um ein guter Mann zu sein.“ Hermann lebte nach der Norm – und war todunglücklich. Nach außen kapselte er sich ab. „Worüber hätte ich denn mit Männern reden sollen, abends beim Bier? Ihre Themen interessieren mich überhaupt nicht.“

Hermann Reiter heiratete, wurde Vater – ein einziges Schauspiel vor sich selbst und anderen. Nach sieben Jahren hielt er es nicht mehr aus. „Ich habe die Flucht ergriffen, bin von einem Tag auf den anderen ausgezogen.“ Den wahren Grund konnte er selbst nicht benennen. „Ich habe nur gewusst, dass es nicht passt.“

Von dem großen Schritt der Selbstdiagnose war Reiter da noch weit entfernt. Transsexualität, „das ist eine Sache, die vergräbt man tief im Garten“, sagt Amanda heute. Dass Hermann zu Hause ab und zu in Damenkleider schlüpfte oder sich im Fasching als Frau verkleidete – ein Fetisch, nur Spaß. Dass er 30 Jahre nicht in den Spiegel blickte, nicht einmal beim Rasieren, um das fremde Männergesicht nicht sehen zu müssen – eine Eigenart.

Der Sport wurde zum Ventil, um mit dem unsagbaren Druck fertig zu werden. Von null an fing der zuvor etwas pummelige Hermann mit 40 Jahren an zu trainieren, lief bald den Marathon in 2:46:03 Stunden. Das war der dritte Platz bei der Bayerischen Meisterschaft, mit dem Team Isartal holte er Gold.

Ins wahre Ziel kam er beim Laufen aber nicht. „Ich musste erst eine andere Transfrau sehen, um auf den Gedanken zu kommen: Kann es sein, dass ich auch so bin?“ Amanda Reiter war 45, als sie sich endlich als Transgender erkannte. „Das war eine fröhliche Feststellung.“

Und es war der Beginn einer Reise, die bis heute andauert. Ein Psychotherapeut begleitet sie dabei. Eine Hormonbehandlung macht die Lenggrieserin auch äußerlich von Monat zu Monat femininer. Eine Logopädin hilft ihr zuzulassen, mit der Stimme einer Frau zu sprechen, ein Hautarzt bei der Entfernung der Gesichtsbehaarung. An Schönheitsoperationen denkt die 47-Jährige nicht. Sie hat Glück. Die Gesichtszüge sind fein, das Haupthaar kräftig. Strebt sie eine chirurgische Geschlechtsumwandlung an? „Ich denke, ja“, sagt Amanda Reiter. Eine offizielle Personenstandsänderung hat sie bereits beim Amtsgericht München beantragt. Bald wird der Name Amanda auch in ihrem Pass stehen – abgeleitet vom Kosenamen Mandi, den ihr die Großmutter vor über 40 Jahren gab.

„Ich habe alles getan, um ein guter Mann zu sein.“ Hermann Reiter im Jahr 2011.

Die Zeiten, als Amanda ihr neues Ich nur in den eigenen vier Wänden auslebte, sind vorbei. An einem Juni-Tag 2013 ging sie zum ersten Mal als Frau in Lenggries in den Supermarkt – keiner störte sich daran. Mittlerweile verstellt sie sich nirgends mehr. Sie zeigt sich als Geschäftsfrau – Inhaberin einer Holzhandlung, Softwareentwicklerin und Programmiererin intelligenter Haussteuerungen; als Mutter, die ihren Sohn vom Kindergarten abholt. „Ich verstecke mich nicht, ich mache den Weg frei“, sagt sie stolz. Sie selbst hätte sich gewünscht, früher im Leben eine Transfrau gesehen zu haben. Rechnerisch gebe es laut Experten 200 000 Transsexuelle in Deutschland, doch nur zirka 12 000 davon leben offen. Für die anderen will Amanda ein Bezugspunkt sein.

Negative Reaktionen hat die Lenggrieserin nie erlebt – was an der Freude liegen könnte, die sie ausstrahlt, seit sie ihr neues Leben begonnen hat. „Ich schenke den Menschen ein Lächeln und bekomme es zurück“, sagt sie. „Die Menschen hier sind toleranter, als sie selbst denken.“

Nicht zuletzt bekommt die Öffentlichkeit Amanda Reiter nun auch als Sportlerin zu Gesicht. „Ich habe beim Veranstalter der Oberland-Challenge einfach gefragt, ob ich bei den Frauen mitlaufen darf – er hat ja gesagt.“ Eine Wettbewerbsverzerrung sei nicht zu befürchten, versichert Amanda Reiter. Aufgrund der Hormontherapie, die sie seit Mitte 2013 macht, starte sie unter vergleichbaren Bedingungen wie andere Frauen. „Als Mann bin ich die zehn Kilometer in 35 Minuten gelaufen, jetzt in 43 – und ich könnte auch nicht schneller.“ Eine Gewinnerin ist sie auch in diesem Tempo.   Andreas Steppan

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