Münchner Erfolgsgeschichte

50 Jahre Iberl-Bühne: Bretter, die von der Welt erzählen

München - Mit anspruchsvollem Volkstheater wurde die Iberl Bühne berühmt. Gegründet hat sie Georg Maier vor 50 Jahren. Eine ungewöhnliche Erfolgsgeschichte – die mit einem geplatzten Traum begann.

Bloß kein Happy End. Das wäre zu einfach. Aber ein offenes Ende erträgt nicht jeder. Also stürmen manche nach der Aufführung zu Georg Maier, Chef und Gründer der Iberl Bühne: „Kommen die jetzt noch zusammen? Gell, die kommen doch zusammen?“ Doch Maier verrät es nicht. Schließlich schreibt er seine Stücke ganz bewusst so. Bayerisches Wirtshaustheater zum Mit- und Weiterdenken.

Auch Prominente zieht die Bühne an: Georg Maier (re.) mit Schauspieler Beppo Brem.

Das und viele andere Einflüsse prägen die Iberl Bühne, haben sie fest in München verankert, erfolgreich und bundesweit bekannt gemacht. Wie es einmal ausgeht – wer weiß das schon. Hätte jemand Maier vor 60 Jahren erzählt, dass er einmal ein Theater gründen und ein erfolgreicher Autor, Regisseur, Dramaturg und Schauspieler werden würde, hätte der Münchner wohl gelacht. Er hatte andere Pläne, die nichts mit der Bühne, Stückeschreiben und Schauspielerei zu tun hatten.

Als Maier elf ist oder zwölf, versteckt er sich mit einem entwendeten Grammophon und einer Schellackplatte in einer Ruine in Gern. Was der rothaarige, sommersprossige Bub da zum ersten Mal hört, haut ihn um, katapultiert ihn in eine neue, unbekannte Welt: Musik von Glenn Miller. „Von dem Augenblick an hing mein ganzes Herz am Jazz“, erzählt er. Die Geburtsstunde eines großen Traums: „Ich wollte einen Jazzclub in München etablieren.“ In den Kneipen seines Vaters sammelt der junge Mann erste Erfahrungen hinter der Theke. Mit 15 übernimmt er das „Pfälzer Weinstüberl“ im Schlachthofviertel, später ist er Juniorchef in der „Hundskugel“ an der Hackenstraße. 1966 die nächste und wichtigste Station: die Gaststätte Iberl in Solln. Dort eröffnet Maier seinen Jazzclub.

Der junge Franz Xaver Bogner (li.) fand sich gerne bei Maier ein...

Doch es läuft nicht rund. „Die Musik war einfach zu gut und dadurch das Publikum zu wenig“, erinnert sich Maier. „Mach halt Bauerntheater“, rät ihm sein Freund Gerhard Loew. Und er tut es, obwohl er bisher nichts damit am Hut hatte. Rutscht da so rein und merkt irgendwann, dass er genau dafür gemacht ist.

Alles fließt nun zusammen. Alles, was er als Jugendlicher erlebt und aufgesogen hat. Die Nachkriegszeit. Die Jahre im Schlachthofviertel. Die Musik, die Kinofilme und Bücher. Die Menschen, denen er begegnet ist, die Gescheiterten und Erfolgreichen, die Träumer und die Hoffnungslosen, die Gauner und die Rechtschaffenen. Das Münchner Milieu und das ferne Amerika. Fassbinder, Chabrol und Marlon Brando. Nicht überraschend, dass die Reise nicht in Richtung Komödienstadl ging. „Wir haben das auf die Schippe genommen“, sagt er. Volkskabarett statt Volkstümelei. Gesellschaftskritik statt Schenkelklopfer.

Maiers Stücke sind von Anfang an hintergründig, ironisch, authentisch, witzig und intelligent. Und das Publikum ist da. Es mag, was es sieht. Dann wird das Feuilleton aufmerksam, beißt sich wohlwollend und hingerissen an der Iberl Bühne fest. 1969 gelingt ihr mit der „Grattler-Oper“, einem Musical, der endgültige Durchbruch. Der BR beginnt, die Stücke fürs Fernsehen aufzuzeichnen. „Ich habe ein Riesenglück“, sagt Maier. „Seit 50 Jahren.“ Im September wird er 75. Er blättert in einem Buch mit Fotos, Widmungen und Zeitungsauschnitten. Von Beppo Brem bis Blacky Fuchsberger – auch Prominente zieht Maier an wie ein Magnet. „Ein großer Theaterabend“, lobt Gerd Fröbe 1979.

Der junge Franz Xaver Bogner (li.) fand sich gerne bei Maier ein...

Vor anderthalb Jahren ist die Iberl Bühne samt Ensemble umgezogen, von Solln in die Innenstadt. Im Augustiner-Stammhaus an der Herzogspitalstraße schreibt Maier zusammen mit seiner Tochter Georgia und seiner Frau Raphaela, die Sopranistin ist, ebenfalls auf der Bühne steht und ihn 2014 geheiratet hat, nun die Geschichte des legendären Volkstheaters fort. Die Lage hat Vorteile. „Unser Publikum hat sich verjüngt“, sagt Maier. „Jetzt kommen oft auch ganze Studentengruppen.“

Inhaltlich hat sich nichts geändert. Das Publikum muss mitdenken, wenn es im dunkelgetäfelten Theatersaal sitzt. Sich einlassen auf die nicht immer einfachen Charaktere. Sie sind alle echt, Erinnerungen. Wie ein roter Faden zieht sich Maiers Lebenslinie durch das, was er schreibt. „Die Figuren in den Stücken habe ich alle selbst erlebt“, sagt er.

„Sprecht’s ihr nur so, oder seid’s ihr immer so?“ Auch das wird Maier nach Aufführungen von Zuschauern gefragt. Oder: „Woher nehmt ihr nur die ganzen Ausdrücke?“ Dabei ist das nichts Exotisches. „Sondern einfach nur Bairisch.“ Manchmal verblüfft es ihn, wie glücklich er Menschen damit machen kann. Wie sehr sie strahlen, wenn sie aus dem Saal kommen. „Da ist eine so große Dankbarkeit für etwas, das für mich so normal ist wie die Tracht.“ Was er wohl geworden wäre, wenn das mit der Bühne nicht funktioniert hätte? Maier lacht: „Ich glaube Autohändler.“

50 Jahre Iberl Bühne

Im Jubiläumsjahr treten zahlreiche Kabarettisten und Musiker auf. Die nächsten Termine: 11. Mai: Moses Wolff mit „In meiner Wohnung“. 8. Juni: Helmut A. Binser mit „Wie im Himmel“. 3. Juli: Franziska Wanninger mit „AHOIbe“. 14. Juli: Altbürgermeister Christian Ude mit „Blick hinter die Kulissen“ und der Münchner Bahnhofskapelle. 24. Juli: Lizzy Aumeier mit „Best of“. Das komplette Programm steht auf www.iberlbuehne.de

Brigitta Wenninger

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