Abiturienten helfen in Deggendorf

Nach dem Abi: Eine 1 im Helfen

München/Deggendorf – Gerade haben sie ihre letzte Prüfung geschrieben. Doch statt zu feiern, war zehn Abiturienten des Theresia Gerhardinger Gymnasiums in München etwas anderes wichtig: Sie fuhren nach Deggendorf, um den Hochwasseropfern zu helfen.

Sie kauften sich zwei Bayerntickets, suchten im Internet die Kontaktadresse der studentischen Hilfsorganisation „Deggendorf räumt auf“ und machten sich auf den Weg ins Krisengebiet. „Wir wollten einfach helfen“, sagt die 17-jährige Annette zur Linden aus Eching am Ammersee (Kreis Landsberg am Lech). „Wir haben die Bilder im Fernsehen gesehen.“ Danach gab es nicht viel zu überlegen: „Wir hatten ja Zeit, um zu helfen.“ Annette zur Linden hat ihre Eindrücke aus Deggendorf festgehalten, als sie wieder zu Hause war. Das hier ist ihr Bericht: Als wir am Bahnhof in Deggendorf ankamen, entschieden wir uns mit dem Taxi nach Fischerdorf – dem vom Hochwasser am schlimmsten betroffenen Teil Deggendorfs – zu fahren. Als die Fahrerin erfuhr, dass wir zum Helfen gekommen sind, zahlte sie die Fahrt aus eigener Tasche. Das war für uns das erste positive Erlebnis in Deggendorf.

In der Zentrale von „Deggendorf räumt auf“ angekommen, mussten wir kurz warten, bis eine neue Meldung eintraf. Dann wurden wir zu einem Haus geschickt, um dort einen Gartenschuppen und das Erdgeschoss auszuräumen. Wir bildeten eine Menschenkette bis zur Straße, an der die Sachen dann auf Lkw geladen wurden.

Es war schockierend zu sehen, wie viel entsorgt werden musste. Aber etwas anderes war noch schockierender: In dem Haus, das wir ausräumten, lag ein toter Mann, der vor einigen Tagen gestorben war und noch nicht abtransportiert werden konnte.

Nachdem wir einige Zeit gearbeitet hatten, wurde uns Wasser zum Trinken bereitgestellt. Es war sehr anstrengend, aber auch schön, helfen zu können. Nachdem das erledigt war, gingen wir zurück zur Zentrale und fragten nach einer neuen Aufgabe. Dort sagte man uns, dass es heute keine Arbeit mehr gibt, und dass wir morgen nochmal vorbeischauen sollten.

Also gingen wir ins Versorgungszelt und aßen etwas. Danach telefonierten wir mit einer Familie, die angeboten hatte, Helfer für eine Nacht aufzunehmen. Die Familie holte uns auch gleich ab und zeigte uns das Zimmer, in dem wir schlafen konnten. Alle waren sehr freundlich und aufgeschlossen, und wir fühlten uns gut aufgehoben.

Am nächsten Tag standen wir schon früh auf. Kurz vor neun waren wir in der Zentrale und bekamen gleich unseren ersten Auftrag: Wir sollten Brennholz, das um ein Haus im Wasser schwamm, herausfischen und in zwei große Schuppen bringen. Dies schafften wir mithilfe von Schubkarren.

Nach einiger Zeit kamen Bundeswehrsoldaten hinzu, um uns zu helfen. Als der Oberst sah, dass wir Mädchen die Karren schoben, meinte er zu seinen Männern: „Ich will keine Frau mehr sehen, die einen Schubkarren fährt.“ Nachdem das vordere Holz weggeschafft war, bildeten wir eine Kette, und nach rund drei Stunden war das komplette Holz im Schuppen untergebracht.

Zwischendurch bekamen wir immer wieder etwas zu essen und zu trinken. Die Arbeit war sehr anstrengend, da sich das Holz voll Wasser gesogen hatte und dadurch sehr schwer war. Als das geschafft war, kehrten wir zur Zentrale zurück, wo gerade weitere Schülerinnen aus München eingetroffen waren.

Nach einer kurzen Pause bekamen wir unseren dritten und letzten Auftrag: Ein großes Bundeswehrfahrzeug brachte uns auf ein Fabrikgelände etwas außerhalb von Fischerdorf. Auf dem Weg dorthin war immer noch alles überschwemmt. Es war erschreckend zu sehen, wie viel die Menschen verloren hatten. Scheiben von Firmengebäuden waren von den Wassermassen eingedrückt worden, die Autos von mehreren Gebrauchtwarenhändlern standen immer noch bis zur Motorhaube unter Wasser.

Endlich angekommen, bestand unsere Aufgabe darin, die Büroartikel eines Wertstoffhofes auszuräumen und danach jedes einzelne Teil mit klarem Wasser von dem Schlamm, den das Hochwasser zurückgelassen hatte, zu befreien. Dafür brauchten wir einige Stunden. Wegen der hohen Temperaturen war es ziemlich anstrengend.

Immer wieder kamen Leute vorbei, die uns aufforderten eine Pause einzulegen und uns ständig mit Essen und Trinken versorgten. Generell ist die Aufgeschlossenheit der betroffenen Deggendorfer mehr als bewundernswert. Egal wie schwer die Flut sie getroffen hat, sie setzten sich unglaublich rührend dafür ein, dass wir Helfer immer gut versorgt waren, und es uns gut ging. Man kam uns mit einer solchen Freundlichkeit und Dankbarkeit entgegen, was wirklich beeindruckend war.

Müde, erschüttert von den Bildern und doch auch begeistert von der Gemeinschaft, die sich aus den verschiedenen, fremden Menschen bildete, fuhren wir am Abend heim mit dem Gedanken: Wir würden und werden es jederzeit wieder tun. Annette zur Linden

Das Helfer-Team

Mit Annette sind Mariola Dietrich, Gudrun Stock, Alexandra Heller, Olivia Szpetkowska, Ines Welker, Sophia Hecker, Sarah Frank, Alina Juhnke und Stefanie Schulmeister nach Deggendorf gefahren.

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