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Fürsorge und Ansprache sind für alte Menschen ebenso wichtig wie die korrekte medizinische Behandlung.

Altenpflege bleibt Sorgenkind

München - Die Pflege in Münchner Altenheimen ist weiterhin oft unzureichend: Bei einem Drittel aller Kontrollbesuche stellten Prüfer zuletzt Mängel fest - zum Teil gefährlicher Art.

Sie kommen unangemeldet und manchmal in der Nacht: die Kontrolleure der Heimaufsicht. Sie sehen in Münchner Alten- und Pflegeheimen nach, ob die Bewohner anständig behandelt werden. Ihr oberster Chef, Kreisverwaltungsreferent Wilfried Blume-Beyerle, sendet seine Leute deutlich öfter in die Heime, als er laut Gesetz müsste. Und was die Prüfer berichten, sorgt oft für Aufsehen - manchmal sogar für Entsetzen.

Nun steht der Bericht für die Jahre 2009 und 2010 an - und auch er bietet keinen Anlass zum Jubeln: 56 Einrichtungen der Altenhilfe überprüfte die Heimaufsicht bei 203 Kontrollbesuchen. Nach Informationen unserer Zeitung hatten die Kontrolleure bei einem Drittel der Besuche etwas auszusetzen. Noch besorgniserregender ist aber der Blick, den die Aufsicht auf die Versorgung einzelner Personen geworfen hat. Sie untersuchten 1120 Fälle. 355 davon stuften sie als „gefährliche Pflege“ ein. Das Gros - 718 Fälle - wurde als „angemessene Pflege“ oder „Routinepflege“ bewertet. Nur 47 Mal wurde das Prädikat „optimale Pflege“ vergeben.

Unter „gefährlicher Pflege“ verstehen die Experten verschiedene Arten von Mängeln: Ein Dekubitus (also eine Verletzung durch Wundliegen) fällt ebenso darunter wie die soziale Vernachlässigung eines alten Menschen, der etwa apathisch im Bett liegt und keinen Ansprechpartner hat. Im aktuellen Bericht stellte die Heimaufsicht mehr als doppelt so viele Fälle gefährlicher Pflege fest, wie noch 2009. Nach Auffassung des KVR liegt dies aber nicht daran, dass sich die Pflege in den letzten zwei Jahren derart verschlechtert hat. Die Erklärung sei vielmehr, dass die Heimaufseher inzwischen ihre Pappenheimer kennen: „Heime, in denen wir schon öfter Mängel festgestellt haben, werden intensiver und öfter kontrolliert“, so KVR-Chef Blume-Beyerle. Daher wurden nun mehr Fälle gefährlicher Pflege aufgedeckt.

Blume-Beyerles Fazit: „Es gibt nach wie vor keine Entwarnung.“ Der Pflegebereich bedürfe weiter „intensiver Aufmerksamkeit“. Die Grundprobleme, insbesondere zu wenig Pflegepersonal, seien ungelöst. „Die können wir als Stadt aber auch nicht lösen.“ In der Tat herrscht beim Pflegepersonal bundesweit Notstand. Das statistische Bundesamt bezifferte 2010 eine Lücke von 39 000 qualifizierten Fachkräften.

Dennoch: Blume-Beyerle hat auch Positives zu vermelden. Die Heimaufsicht habe „viel Mühe darauf verwandt, die Zahl der freiheitsentziehenden Maßnahmen zu senken - mit Erfolg.“ Stadträte hatten vor zwei Jahren entsetzt darauf reagiert, wie viele alte Menschen in Heimen fixiert, also etwa mit Gittern oder Gurten im Bett festgehalten werden. 2008 lag deren Anteil im Schnitt bei 19 Prozent - im Jahr 2010 sank er immerhin auf 15 Prozent. Blume-Beyerle versteht hier keinen Spaß. „Wenn jemand ohne richterliche Anordnung im Bett fixiert wird, wird das massiv beanstandet.“ Generell könnten die Sanktionen für Mängel in der Pflege bis zur Schließung eines Heims oder zur Auswechslung des Heimleiters reichen.

Viel zu tun hat auch die städtische Beschwerdestelle für die Altenpflege, die nun ebenfalls ihren neuen Bericht vorlegt. Zwar ging die Zahl der Beschwerden leicht zurück, bleibt jedoch auf hohem Niveau: Rund 1900 Personen pro Jahr suchten dort zuletzt einmalig Hilfe. Die Mitarbeiter, die den Klagen nachgingen, stellten in den Jahren 2009 und 2010 362 Mängel fest. Pikant: Trotz des Andrangs bei der Beschwerdestelle plant die Stadt, dort eine Pflegefachkraft einzusparen. Das vom Stadtrat beschlossene Sparkonzept mache dies nötig.

Johannes Patzig

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