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Hilfe für alte Menschen: Viele der Pflegekräfte sind Frauen, die in Teilzeit arbeiten. Davon kann man in München aber nicht leben - der Nachwuchs bleibt aus.

Neue Untersuchung

Altenpfleger verzweifelt gesucht

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An vielen Orten in Bayern fehlen Pflegekräfte – und die Lage wird immer kritischer, wie der Pflegeforscher Michael Isfort anhand einer aktuellen Studie zeigt. In München ist die Situation besonders problematisch. 

München - Wer soll in Zukunft unsere Senioren pflegen? Der steigenden Zahl an Pflegebedürftigen steht in vielen Regionen eine viel zu kleine Zahl an Interessenten für einen Job in der Altenpflege gegenüber. Vom Pflege-Notstand wird schon lange geredet. So deutlich vor Augen geführt wie Michael Isfort vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung in Köln hat ihn den Münchner Akteuren der Altenhilfe aber lange niemand mehr. Der Pflegeheimträger „Kuratorium Wohnen im Alter“ in München hatte bei den Kölnern eine Untersuchung in Auftrag gegeben. Isforts Fazit: „Sparen Sie sich Stellenanzeigen.“ Durch Abwerben von Pflegekräften aus anderen Heimen werde nur einem Träger geholfen, das Gesamtproblem aber nicht gelöst.

Im Landkreis München wird die Zahl der Über-80-Jährigen bis 2030 um 75,1 Prozent steigen, in der Landeshauptstadt um 48,2 Prozent. 2015 gab es in der Region München 126 100 Menschen über 80 Jahre. 2030 werden es 90 200 mehr sein.

Eine Ausbildungsreform fordert der Pflegeforscher Michael Isfort.

Doch wer soll sie pflegen? Derzeit arbeiten in der Altenpflege in der Stadt München und den umliegenden Landkreisen Dachau, Freising, Erding, Ebersberg, Starnberg und Fürstenfeldbruck sowie im Landkreis München 10 360 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in 191 Altenpflegeeinrichtungen und bei 176 ambulanten Pflegediensten. Im selben Umkreis sind 48 Altenpfleger arbeitslos gemeldet. Bei der Arbeitsagentur sind 242 offene Stellen gemeldet, und das sind nur die offiziell gemeldeten Stellen, viele Heime melden gar nicht mehr, wenn sie Pflegekräfte suchen. „Der Arbeitsmarkt ist komplett leer gefegt“, sagt Isfort. „Das aber wissen wir seit Langem.“

Auch der Nachwuchs reicht bei Weitem nicht aus: Insgesamt lassen sich derzeit nur 1210 Schüler an einer der Einrichtungen in der Region München zum Altenpfleger ausbilden. Nach Isforts Studie werden 83 Prozent von ihnen die Schulen mit einem Abschluss in der Tasche verlassen. Das heißt: Jedes Jahr gibt es in der gesamten Region München nur 287 qualifizierte Berufseinsteiger. „Der Ersatzbedarf wird nicht gedeckt werden können“, sagt Isfort.

In ganz Bayern, so hat es eine Studie der Bertelsmann-Stiftung prognostiziert, werden 2030 in der ambulanten Pflege 14 149 Altenpfleger fehlen, in der stationären Pflege in Heimen sogar 47 945.

Landesweite Erhebungen bringen aber gar nichts, sagt Isfort. Für jede Region müsse man gesondert berechnen, wie viele Pflegebedürftige es dort geben wird, wie viele Pflegekräfte angeworben werden können und ob es genügend Schulen gibt, die künftige Altenpfleger ausbilden. Studien hätten gezeigt, „dass Auszubildende räumlich nicht besonders flexibel“ seien. Will heißen: Der Radius, in dem Fachkräfte rekrutiert werden können, liegt bei etwa 20 Kilometern. Weiter wollen die Nachwuchskräfte nicht weg. Deshalb sei es wichtig, dass Städte und Gemeinden sich mit den Heimträgern, Kostenträgern und Politikern an einen Tisch setzen und planen. „Es gibt Steuerungsmöglichkeiten, man muss sie nur wollen.“

Dass Engagement in diesem Bereich Früchte tragen kann, hat sich in Nordrhein-Westfalen gezeigt. „Hier haben wir es innerhalb von fünf Jahren geschafft, 75 Prozent mehr Ausbildungsplätze zu schaffen“, berichtet Isfort. Der große Erfolg ist auch auf die Einführung der Pflegeausbildungsumlage zurückzuführen. Das System beruht darauf, dass ein Landesfonds den ausbildenden Betrieben sämtliche ihnen entstehende Kosten erstattet. Die Kosten zur Finanzierung des Fonds werden gleichmäßig auf alle Pflegeheime und ambulanten Dienste verteilt, gleichgültig, ob diese ausbilden oder nicht. Auf diese Weise haben ausbildende Betriebe keinen Kosten- beziehungsweise Wettbewerbsnachteil mehr.

In München aber sei die Situation noch einmal verschärft, sagt Isfort. „Das ist besonders wegen der hohen Lebenshaltungskosten und der Wohnungsnot so.“ Viele Pflegekräfte seien Frauen, die in Teilzeit arbeiten. „Davon kann man in München aber nicht leben.“

Um mehr junge Leute für den Beruf des Altenpflegers zu begeistern, brauche es unbedingt die Ausbildungsreform, über die schon lange diskutiert werde, fordert Isfort. Es müsse endlich eine gemeinsame Ausbildung für Kranken- und Altenpfleger her. „Bisher verdienen Krankenpfleger rund 500 bis 600 Euro mehr im Monat. Ohne eine Angleichung bleibt der Beruf des Altenpflegers einfach nicht attraktiv“, sagt Isfort.

Tief blicken lässt hier auch eine Befragung von 1441 Altenpflegeschülern. 680 von ihnen hatten erklärt, ihren Beruf später wegen der schlechten Bezahlung nicht ausüben zu wollen. 490 gaben an, das wegen der schlechten Arbeitsbedingungen nicht zu wollen.

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