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Massenabfertigung: In einem Logistikzentrum des Internethändlers Amazon laufen Unmengen an Waren vom Band.

Projekt für neuen Schnelllieferservice „Prime“

Vieles spricht für Amazon-Zentrum in München-Ost

München - Der Internet-Großhändler Amazon siedelt sein geplantes Münchner Lager für den Schnelllieferservice „Prime“ offenbar im Gewerbegebiet Hüllgraben im Osten der Stadt an.

Bislang war nur publik geworden, dass sich Amazon in München mit einem Logistikzentrum niederlassen will (wir berichteten im Wirtschaftsteil). Jetzt scheint auch klar zu sein, wo: Denn an der Autobahn A94 plant der Immobilienentwickler Segro aktuell ein neues Logistikzentrum. Am Donnerstagabend kam deswegen hoher Besuch in die Sitzung des Bezirksausschusses (BA) Bogenhausen: Andreas Fleischer, Deutschlandchef der Gesellschaft mit Sitz in London, stellte das Vorhaben höchstselbst vor.

Auf dem 1,8 Hektar großen Grundstück will Segro eine 7000 Quadratmeter große Halle samt angegliedertem Parkhaus mit 100 Plätzen errichten. Das Areal werde mit Lärmschutzwänden eingekapselt, um die Belastung für die Anwohner hinter der Autobahn so gering wie möglich zu halten, erklärte Fleischer. Das Hauptgeschäft finde zwischen 7 und 22 Uhr statt, es werde aber auch eine begrenzte Nachtanlieferung geben. Pro Tag sollen zwischen zehn und 20 Lkw-Anlieferungen stattfinden. Etwa 150 Zustellfahrzeuge, zumeist Mercedes Sprinter, würden von hier wieder raus und bis zur Haustür der Kunden fahren. „Wir haben das Grundstück gewählt wegen seiner exzellenten Anbindung“, betonte Fleischer. Bis zum Spätsommer 2016 will man fertig gebaut haben.

Das Gewerbegebiet Hüllgraben liegt an der Passauer Autobahn unweit des Mittleren Rings und des Autobahnkreuzes Ost. Der Verkehr werde in erster Linie über die Autobahn abgewickelt, sagt Fleischer. „Es wäre töricht, das nicht zu nutzen.“ Allein das ist ein Hinweis auf Amazon. Denn beim Schnell-Lieferservice „Prime“ erhalten die Kunden ihre Waren innerhalb weniger Stunden.

Auf die Nachfrage der Stadtteilpolitiker, für welche Firma die Halle gedacht sei, bat Fleischer um Verständnis, dass er darüber keine Auskunft geben könne. Auch als ihn BA-Chefin Angelika Pilz-Strasser (Grüne) konkret auf Zeitungsberichte über eine Amazon-Ansiedlung in München ansprach, winkte er freundlich lächelnd ab. Es handle sich um „Waren des täglichen Gebrauchs“, die man zur „Versorgung der Innenstädte“ brauche, weshalb man „zentrumsnah“ sein wolle – so umschrieb der Segro-Chef die Nutzung. „Ich fress‘ einen Besen, wenn hier nicht Amazon einzieht“, sagte Pilz-Strasser hinterher.

Fleischer selbst könnte ein Hinweis darauf sein. Er gilt in der Branche als ausgewiesener Logistikimmobilien-Experte. Vor seinem Wechsel zu Segro im vergangenen Jahr war er schon mehrere Jahre bei einem Mitbewerber als Deutschlandchef tätig. In diese Zeit fielen Entwicklungen für Zalando – und Amazon.

Auch in Olching, wo Amazon offenbar ein weiteres Verteilzentrum für seinen neuen Schnellversand aufmacht, mietet sich der Versandriese in einen Gewerbepark ein. Mit vergleichbarer Größe, einer Lagerhalle mit 6000 Quadratmetern. Und ebenfalls mit attraktiven Anschluss an die Autobahnen A8 und A99. Die in Olching betroffene Objektgesellschaft hält sich ebenfalls bedeckt. Man habe sich verpflichtet, nichts dazu zu sagen.

Wie berichtet, betrachtet der Bayerische Einzelhandelsverband die doppelte Ansiedlung von Amazon „Prime“ in der Region zwar als „Herausforderung“, aber nicht als Katastrophe. „Es war klar, dass Amazon versuchen würde, die Vorteile des stationären Handels auszuhebeln“, sagte der Sprecher des Verbandes, Bernd Ohlmann, unserer Zeitung. Einer dieser Vorteile sei eben die Möglichkeit, die Waren sofort mitzunehmen.

Ohlmann zufolge droht die größere Gefahr mit dem nächsten Schritt von Amazon: der Eröffnung eines stationären Geschäftes des Online-Giganten in der Innenstadt. „Das wird mit Sicherheit kommen, das ist nur eine Frage der Zeit.“ In New York gibt es so ein Amazon-Geschäft bereits.

Waren im Wert von 6,6 Milliarden Euro bestellen die Bayern mittlerweile im Internet – eine Milliarde allein in München. Laut Ohlmann gibt der Münchner jeden zehnten Euro für Online-Bestellungen aus.

Carmen Ick-Dietl

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