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Die Macher von „Unvergessen“ (v.l.): Vitus, Alexander, Luca, Julian, Leon, Paul und Colin.

Im Mathäser-Filmpalast

Schüler schaffen Amoklauf-Opfern ein filmisches Denkmal

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Die Stadt versuchte noch, sich aus dem Klammergriff des Traumas zu befreien – da reifte in einer Gruppe von sieben Schülern bereits die Idee, den Toten des Amoklaufs ein filmisches Denkmal für die Ewigkeit zu schaffen.

München - Nach elf Monaten voller Recherche, Interviews, Dreharbeiten und mehr als 2000 Arbeitsstunden präsentieren die jungen Filmemacher am kommenden Wochenende im Mathäser-Filmpalast (Vorstellung bereits ausverkauft) eine Dokumentation, die einen neuen Blickwinkel auf die Ereignisse des 22. Juli 2016 ermöglicht.

Schüler stellen Szenen mit Schauspielern nach

Klassenzimmer, Sportplätze, Parks, Diskotheken – die jungen Produzenten im Alter zwischen 15 und 18 Jahren haben die Schauplätze für ihr Filmprojekt ganz bewusst gewählt. Dort haben sich die meisten der neun Opfer des Amoklaufs täglich aufgehalten. Die Schüler trafen Bruno Matijevic, den Lehrer von Can L., in der Unterhachinger Sportschule. Gedankenverloren streift er durch die Gänge, betritt das Klassenzimmer und blickt auf den leeren Stuhl in der letzten Reihe. Cans Portrait hängt an einer Pinnwand, daneben sein Fußballtrikot. „Can hat den Raum mit seinem Lachen hell erleuchtet“, sagt Matijevic. Dass er nie mehr kommen wird, sei für ihn und seine Schüler noch immer unbegreiflich. Am Nachmittag des 22. Juli entstand ein letztes Video von Can. Es zeigt einen lebensfrohen Teenager mit seinen Freunden auf dem Sportplatz. Drei Stunden später schoss David S. dem 14-Jährigen im McDonald’s an der Hanauer Straße aus nächster Nähe in den Kopf.

Die jungen Filmemacher haben für ihre Doku sogar Schauspieler engagiert. „Wir waren teilweise mit bis zu 50 Leuten am Set“, sagt Alexander Spöri (16). Für ihn und seine Freunde war dieses Projekt von Beginn an eine Herzensangelegenheit. Denn die meisten der Opfer waren in ihrem Alter, als sie den Tod fanden. Spöri sagt: „Wir haben versucht, die Geschichten hinter den Menschen zu erzählen, damit sie unvergessen bleiben.“ Und das machen die Achtklässler mit erstaunlicher Professionalität, geschickter Kameraführung und emotionaler Filmmusik.

Filmemacher stellten Kontakt über Facebook her

Die Kontakte zu den Angehörigen konnten sie häufig über das Internet herstellen. „Facebook war für uns ein erfolgreiches Mittel“, sagt Luca Zug (16). Aber auch über Sportvereine sei man an die Familien herangetreten. Auch Margareta Zabergja haben die Schüler kontaktiert. Sie hat es viel Kraft gekostet, auf dem Stuhl vor der schwarzen Leinwand Platz zu nehmen, in die Kamera zu schauen und die Geschichte ihres toten Bruders zu erzählen. Den Schülern mit dem ambitionierten Projekt aber schenkt sie Vertrauen. Dimo (†20) sei ein guter Mensch gewesen, sagt sie. „Er hat nie gejammert, dass es ihm schlecht gehe. Mein Bruder hatte viele Freunde, war stets fürsorglich.“ Umso größer sei die Lücke in der Familie, die er nach seinem sinnlosen Tod hinterlassen hat.

Auch der Vater von Can will reden. Weil er aber in der Öffentlichkeit unerkannt bleiben möchte, zeigt er sich im Film nur von der Seite, das Gesicht verdunkelt. Viel wichtiger sind ohnehin die Worte, die er findet. In der Dokumentation schildert er die bangen Momente von den Schüssen bis zur tragischen Nachricht. Als einer von vielen besorgten Eltern wartete er bis in die frühen Morgenstunden in der Olympiahalle auf Entwarnung. Doch die kommt nicht. „Um 15.15 Uhr kam ein Polizist zu mir. Er fragte: ‚Hat Ihr Sohn eine Kette?‘ Ich sagte ‚Ja.‘ Er fragte: ‚Trägt er ein Armband?‘ Ich sagte ‚Ja.‘ Er fragte: ‚Hatte er einen Ausweis dabei?‘ Wieder sagte ich ‚Ja.‘ Dann sagte er: ‚Tut mir leid, Ihr Sohn ist tot.‘ Das war’s.“ Kein Arzt, kein Betreuer habe ihm beigestanden.

Cans Vater sagt auch knapp ein Jahr später: „Ich suche einen Weg, mit dem es mir besser geht. Aber den gibt es nicht.“

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