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Ali S. hat am Freitag am Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen und sich selbst erschossen.

"Nicht wegschauen"

Amoklauf in München: Wenn Mobbing in die Katastrophe mündet

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München - Der Amokläufer Ali S. wurde nach Berichten von Mitschülern über Jahre gemobbt. Welche Rolle spielt Mobbing in der Schule? Wie gut werden seelisch kranke Jugendliche aufgefangen? Hätte Ali S. früher geholfen werden können?

Wie schlimm ist es mit dem Mobbing? Wie gut werden Jugendliche im Hilfssystem aufgefangen – wo sich seit Winnenden einiges verbessert hat? Viele Politiker rufen aktuell nach mehr Prävention. So will etwa der SPD-Landtagsabgeordnete Martin Güll an allen Schulen Psychologen und Sozialarbeiter. Begründete Forderungen?

Fühlen sich Jugendliche allein gelassen, "wird es problematisch"

Ali S., der bei seinem Amoklauf am Freitagabend neun Menschen und sich selbst erschoss, hatte offenbar schwere Probleme. Er war zwei Monate in der geschlossenen Psychiatrie, später in ambulanter Behandlung. Laut Ärzten litt er unter Angststörungen und Depressionen. Laut Christian Lüders, Abteilungsleiter am Deutschen Jugendinstitut in München, haben solche Diagnosen zugenommen. Das liege daran, dass die Gesellschaft seelische Erkrankungen sensibler wahrnehme – „doch auch an wachsenden Leistungserwartungen“. Für bestimmte Gruppen seien die Rahmenbedingungen schwieriger geworden, sagt er. Fühlten sich Jugendliche dann allein gelassen, weil niemand ihnen Aufmerksamkeit schenke, „wird es problematisch“.

Für Heranwachsende existiert in Deutschland ein dichtes Netz von Hilfs- und Behandlungsmöglichkeiten. Lüders hält die Versorgung bislang für ausreichend: „Beim derzeitigen Ermittlungsstand sehe ich kein Versagen des Systems.“ Entscheidend sei: „Bemerkt irgendwer, dass sich der Jugendliche in eine Parallelwelt zurückzieht?“ Wenn sich jemand nicht öffne, stießen auch Fachkräfte an ihre Grenzen.

Auch Professor Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in München, bezweifelt, dass die Tat durch mehr fachliche Betreuung hätte verhindert werden können. Und eine Depression allein führe nicht zu einem so grausamen Plan: „Da muss eine Fehlentwicklung der Persönlichkeit hinzukommen.“ Es gelte herauszufinden, was vor seinem Rückzug passiert ist. Ob man ihm nicht früher hätte Brücken bauen können. Früher, das heißt: in der Zeit, als er gemobbt wurde.

Lehrer haben wichtigste Rolle

In München gibt es Psychologen an allen Realschulen und städtischen Gymnasien sowie einigen beruflichen Schulen. Es sind mehr als 250 Sozialarbeiter am Werk: an allen Mittel- und Förderschulen und einem Teil der Grund-, Real- und beruflichen Schulen. Die allermeisten finanziert die Stadt, einige das Sozialministerium als „freiwillige Leistung“.

Franz Josef Bruckbauer, Rektor der Mittelschule am Gotzinger Platz, hält Schulpsychologen nicht für entscheidend. Wichtiger sei die Sozialarbeit: „Davon kann es nicht genug sein.“ Für 260 Schüler hat er knapp zwei Stellen. Doch die wichtigste Rolle hätten die Lehrer: Dank des Klassleiterprinzips an Mittelschulen habe man gute Chancen, Mobbing zu erkennen. Typisch sei, wenn Mädchen einander wegen ihrer Figur, Buben einander wegen körperlichen Besonderheiten hänselten.

Amoklauf am OEZ: Bilder des Polizeieinsatzes

Doch wann werden Hänseleien zu üblem Mobbing? Eine große Rolle kommt laut Lüders sozialen Medien zu. Durch Netzwerke wie WhatsApp, Facebook, Snapchat, die fast alle Jugendlichen auf ihren Smartphones haben, könne sich Mobbing „potenzieren und neue Formen annehmen“. Es sei ein „massiver Unterschied“, ob jemand im kleinen Kreis auf dem Schulhof ausgelacht oder ob er per Internet vor Hunderten bloßgestellt werde. Fotomontagen etwa böten „neue Potenziale für Verletzungen“.

Mobbing für Opfer oft traumatisierende Erfahrung

Zugleich werde Mobbing immer noch verharmlost, sagt Lüders. Übersehen werde, dass es vom Opfer oft als traumatisierende Erfahrung erlebt werde. Damit verbunden seien psychische Belastungen, die sich zu verschiedenen Störungen entwickeln könnten. „Massives Mobbing gilt als Risikofaktor für Depression.“

Dazu, was an der Mittelschule im Münchner Norden vorfiel, die Ali S. besuchte, gibt es noch keine Informationen. Die Frage bleibt: Welche Leute hätten besser hinschauen müssen? „Soziale Verantwortung fängt in der Familie an“, sagte der Münchner Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins in der ARD. Laut Schulte-Körne gilt für alle, auch Lehrer und Mitschüler: „Man darf nicht wegschauen, wenn jemand psychisch belastet ist.“

Lesen Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Amoklauf in München auf unserer Themenseite.

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