Ein Bild aus glücklichen Tagen: Ursula G. wurde 1997 bei einer Peru-Reise in den Anden erschossen. Foto: MZV

„Anden-Mord“ soll neu aufgerollt werden

München - Ehemann sitzt nach einem spektakulären Prozess seit 2003 im Gefängnis. Ein neues Ballistik-Gutachten soll jetzt seine Unschuld beweisen.

Der Prozessfall des „Anden-Mordes“ gilt als einer der spektakulärsten, längsten und aufwändigsten der Münchner Justizgeschichte. Jetzt kämpft Ilan Tesler, 2002 wegen Mordes an seiner Frau Ursula zu lebenslanger Haft verurteilt, um die Wiederaufnahme des Verfahrens.

Der 1999 bei einem München-Besuch verhaftete Israeli hat stets seine Unschuld beteuert. Mit Hilfe neuer Gutachter, darunter der Ballistik-Experte der israelischen Armee, will der heute 39-Jährige die Feststellungen des Münchner Schwurgerichts widerlegen. Ein 250 Seiten starker Wiederaufnahmeantrag liegt dem zuständigen Landgericht Augsburg vor.

Die Biologin Ursula G. wurde 1997 wenige Tage vor ihrem 35. Geburtstag auf dem Inkapfad in den Anden von einer Pistolenkugel in den Kopf getroffen. Nach wenigen Tagen im Koma starb sie im Krankenhaus von Lima. Die Untersuchung des „Anden-Mordes“ vor Ort richtete sich gegen den acht Jahre jüngeren Ehemann Ilan Tesler, brachte aber kein Ergebnis. Ab März 1999 ermittelte die Münchner Staatsanwaltschaft gegen den Witwer, der verschwiegen hatte, dass er hohe Lebensversicherungen auf seine Frau abgeschlossen hatte.

Als der Israeli im April des selben Jahres seine Schwiegereltern besuchen wollte, wurde er am Flughafen festgenommen. Sein Prozess begann fast genau vier Jahre nach dem tödlichen Schuss. Nach 56 Verhandlungstagen in gut zwölf Monaten hatte das Schwurgericht an der Täterschaft des Elektrikers keinerlei Zweifel: heimtückisch begangener Mord aus Habgier, lebenslange Haft und Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Das Urteil ist seit März 2003 rechtskräftig. Zwei Wiederaufnahmeanträge wurden bereits verworfen. Im Beweisheft zu seinem zweiten Gesuch hat Tesler den Verdacht geäußert, Ursulas Onkel, seinerzeit ein führender CSU-Politiker, habe einen „starken, wenn auch nicht nachweisbaren Einfluss auf den Prozess“ genommen.

Laut Tesler fiel seine Frau Räubern zum Opfer. Er selbst sei dem Tode nur durch Aushändigung seiner Börse mit 1000 Dollar entkommen. Doch ein peruanischer Polizist hatte den Geldbeutel des Ehemanns in dessen Rucksack gefunden, darin steckten noch 200 Dollar sowie peruanische Banknoten. Mangels Schmauchspuren an den Händen des Verdächtigen ließen die Peruaner Tesler aber damals gehen.

Fest steht, dass der Ehemann ein starkes Tatmotiv besaß. Der Israeli, der Ursula G. im Jahr vor ihrem Tod in New York geheiratet hatte, hatte trotz eines eher dürftigen Einkommens Lebensversicherungen über rund eine Million Dollar auf seine Frau abgeschlossen. Davon hatte er bis zu seiner Verhaftung einen erheblichen Teil kassiert.

Eine Säule des Münchner Urteils war das ballistische Gutachten: Teslers Frau habe nicht, wie er selbst behauptet hatte, neben ihm gelegen, als der Schuss sie traf. Ihr Kopf habe sich vielmehr in der Mitte des Zeltes befunden, die Kugel sei aus nächster Nähe abgefeuert worden. Dem widersprechen der Armee-Experte und weitere neue Sachverständige. Ursula G. sei aus größerer Distanz getroffen worden, sonst hätten sich „Tätowierungsspuren“ im Einschussbereich finden müssen, heißt es unter anderem in den neuen Gutachten.

Ilan Tesler ist mittlerweile in ein Gefängnis seines Heimatlandes überstellt worden, um dort seine weitere Strafe zu verbüßen. Er hat sich mit einer Frau verlobt, die er ein halbes Jahr vor seiner Verhaftung kennengelernt hatte. Eine Heirat ist geplant. Die israelische Justiz prüfe derzeit, wann er auf Bewährung entlassen werden könne, so Tesler in einem Interview mit unserer Zeitung.

Sarah List

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