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Mehr als 600 ehrenamtliche Helfer machen die Arbeit der Münchner Tafel erst möglich.

Armut wächst

Andrang bei der Tafel: Lange Wartelisten für Bedürftige

München - Die Armut in München nimmt weiter zu. Das bekommt auch die Münchner Tafel zu spüren. Die Verteilstellen haben immensen Zulauf und müssen ständig vergrößert werden. Die Warteliste für Bedürftige wird länger. Auch immer mehr ältere Menschen suchen bei der Tafel Hilfe.

Im kommenden Jahr steht der neue Armutsbericht der Landeshauptstadt an. Nach dem Bericht von 2011 lebten mehr als 200.000 Menschen unter der Armutsgrenze, rund 50.000 am Rand der Armut. Wenn man nach der Münchner Tafel geht, dann sind die Zahlen erneut gestiegen. Die Vorsitzende, Hannelore Kiethe, beobachtet auch in diesem Jahr einen erheblichen Anstieg der Zahl der Bedürftigen, die die Verteilstellen der Tafel in Anspruch nehmen.

Inzwischen sind es 20.000 Menschen, die sich wöchentlich Lebensmittel bei der Münchner Tafel holen – 2015 waren es 18.000. „Das ist inzwischen die Größe einer Kleinstadt“, sagt Kiethe. Bis zu 120 Tonnen Lebensmittel werden wöchentlich verteilt. Eine große logistische Herausforderung. Dazu kommen noch die zahlreichen sozialen Einrichtungen, welche auch von der Tafel beliefert werden.

Immer mehr Menschen trauen sich, Hilfe anzunehmen

Der Anstieg hat laut Kiethe neben der steigenden Armut auch damit zu tun, dass inzwischen mehr Bedürftige ihre Hemmschwelle überwinden und sich Hilfe holen. Viele wagen nun den Weg zur Tafel, um Lebensmittel zu bekommen. „Das hat natürlich viel mit Scham zu tun“, erklärt Kiethe. „Umso wichtiger ist der vertrauensvolle Umgang und dass die Menschen sich bei uns wohlfühlen.“

Vor allem ältere Menschen hätten sich früher oft lieber auf das Nötigste beschränkt, als Hilfe in Anspruch zu nehmen. Doch auch die Altersarmut nimmt immer weiter zu. Das zeigen die Zahlen der vergangenen Jahre. 2006 bezogen 8700 Menschen über 65 Jahre Grundsicherung. 2011 waren es noch 12 500 und 2014 bereits 13 700. Auch hier kommt eine hohe Dunkelziffer hinzu, da viele ihren Unterstützungsanspruch aus Scham nicht annehmen. Die hohen Lebenshaltungskosten in München erschweren jedoch diesen Weg und so holen sich immer mehr Senioren Hilfe – unter anderem bei der Tafel.

Die Kapazitäten geraten an die Grenzen

Der Andrang an den Ausgabestellen wie an der Großmarkthalle ist überall groß.

Doch auch die Kapazitäten der Tafel stoßen zunehmend an ihre Grenzen. Inzwischen gibt es Wartelisten für Bedürftige, die einen Berechtigungsschein bekommen wollen. Die Tafel arbeitet mit einem Berechtigungsscheinsystem. Bevor ein Schein ausgestellt wird, prüft die Tafel die Bedürftigkeit. Die Bedürftigen müssen die Auflagen gemäß der Hartz-IV-Gesetze oder dem Sozialgesetzbuch II erfüllen. Vor Kurzem hatte die Tafel einen Aufnahmestopp eingelegt, um die Warteliste abzuarbeiten. „Kurz danach haben sich die Listen gleich wieder gefüllt“, sagt Kiethe. Doch trotz Warteliste reagieren die Mitarbeiter bei Härtefällen sofort. „Und davon gibt es in München mehr als man glaubt“, sagt Kiethe.

Neue Verteilstellen sind momentan nicht geplant. Um der wachsenden Zahl Herr zu werden, sollen die bereits bestehenden Stellen jedoch vergrößert werden. Bereits jetzt sind täglich 17 Tafelfahrzeuge im Einsatz, welche die Lebensmittel einsammeln und zu den Verteilstellen bringen.

Die Tafel lebt von den ehrenamtlichen Helfern

Vereinsvorsitzende Hannelore Kiethe beobachtet, dass immer mehr Menschen auf die Hilfe der Tafel angewiesen sind. 

Die Tafel lebt von ihren ehrenamtlichen Helfern. Weit mehr als 600 sind es inzwischen. „Damit steht und fällt unsere Arbeit“, sagt Hannelore Kiethe. Manche von ihnen sind seit mehr als 20 Jahren dabei. Die Helfer werden tendenziell immer jünger, erzählt die Vorsitzende begeistert. „Viele junge Menschen engagieren sich im sozialen Bereich und wollen helfen.“ Und auch viele Menschen, denen die Münchner Tafel durch schwere Zeiten geholfen hat, wollen wieder einen Teil zurückgeben – ob durch finanzielle Hilfe oder Unterstützung vor Ort.

Gerade zum Ende des Jahres versucht die Tafel, durch Aktionen den Bedürftigen eine Freude zu machen. Am morgigen Dienstag gibt es eine große Nikolaus-Einladung für 600 Tafelgäste, zu Silvester werden 600 Bedürftige in den Hofbräukeller eingeladen – Aktionen, die ohne die Unterstützung von Spendern nicht möglich wären.

Doch auch neben der nachhaltigen Unterstützung vieler Sponsoren ist die Tafel auf Spenden angewiesen. (Spendenkonto: IBAN: DE37 7002 0270 6850 1933 10 oder unter www.muenchner-tafel.de mit einem Online-Formular) „Nur so können wir unsere Arbeit in dieser Art weiterführen“, betont Hannelore Kiethe. „Und das liegt uns sehr am Herzen.“

Lisa-Marie Birnbeck

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